Hessen Thorsten Schäfer-Wer? und sein Chauffeur


50 Prozent. Absolute Mehrheit. Von diesem Ziel ist der Spitzenkandidat der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, meilenweit entfernt. Sein Chauffeur schaffte das Traumergebnis spielend. Allerdings nicht bei der hessischen Landtagswahl, sondern bei der Wahl zum Wettkönig von "Wetten, dass...?"
Von Jan Rosenkranz

Thorsten Schäfer-Gümbel jagt durch Hessen. Mitte Dezember, wenn er auch offiziell zum Spitzenkandidaten der hessischen SPD ausgerufen werden soll, will er mit seiner "Kreisbereisung" das ganze Land besucht haben. Zurzeit ist es nämlich so: Wenn er aus dem Wagen steigt, kann es passieren, dass sich örtlichen Genossen auf ein gemeinsames Foto drängeln. Doch leider nur mit seinem Fahrer.

Das beschreibt sein Problem. Nicht allein, dass er die Neuauflage der Landtagswahl im Januar eher nicht gewinnen wird. Vor allem ist er weithin unbekannt. "Thorsten Wer?" hieß es in den Zeitungen nach seiner plötzlichen Nominierung. Von Ypsilantis Marionette war die Rede. Lästereien über seine 60ies-Brille musste er ebenso ertragen wie Witze über seinen Namen - den man als Frauenbeauftragte tragen dürfe, aber nicht als Ministerpräsident in spe. Das größte Hindernis auf dem Weg dorthin ist allerdings weder Name noch Brille, sondern die Tatsache, dass ihn kaum jemand kennt. Im Unterschied zu seinem Fahrer.

Kenner von 12.250 Kilometern Teer

Das ist natürlich ein bisschen gemein. Immerhin ist Jens Christoph Pieper ein kleiner Medienstar. Er war schon mehrfach im Fernsehen - zuletzt bei Johannes B. Kerner. Bei dem war TSG zwar auch schon, aber nur im Doppelpack mit Andrea Ypsilanti. Und während sich TSG jüngst auf N24 zu nächtlicher Stunde von Friedman niederkreischen lassen musste, durfte sich Pieper im Beisein von Thomas Gottschalk vor 11 Millionen Zuschauern bejubeln lassen - Anfang Oktober war das bei "Wetten, dass...?"

Der engagierte Juso aus Eppstein im Taunus hat eine besondere Beziehung zu Autobahnen. Pieper kennt jeden der insgesamt 12.550 Kilometer. Er kennt sie so gut, dass er sich zutraute, jeden Abschnitt anhand eines wahllos ausgewählten Filmschnipsels von 20 Sekunden Länge zu erkennen. Ein Kommilitone fand das so absurd, dass er ihn eines Tages bei "Wetten, dass...?" anmeldete.

50 Prozent für einen Sozi

Wettpate Karl Lagerfeld war etwas skeptisch, doch Pieper erriet alles - egal, ob A8 zwischen Neunkirchen und Saarlouis oder die A4 zwischen Aachen und Köln, den Abschnitt der A60 zwischen Mainz und Rüsselsheim sowieso. Kinderspiel, es ist die Hausstrecke des Geografiestudenten. Gottschalk rief immer wieder "unglaublich", Pieper erklärte den Unterschied zwischen Leitplankentyp A (abgerundet) und Typ B (eckig), referierte über "offenporigen Asphalt" und sprach: "Mein Auto ist mein Wohnzimmer". Am Ende wählten ihn 50 Prozent der Zuschauer per Telefon zum Wettkönig. Ein Traumergebnis für einen Sozialdemokraten.

Er fährt eben viel. Schon als Kind mit dem Finger über die Landkarte, seit er den Führerschein hat mit dem Wagen über Deutschlands Autobahnen. Privat mit seinem alten Ford Fiesta, der inzwischen 360.000 Kilometer auf der Uhr hat. Vor allem aber dienstlich. Früher als Kurier, zuletzt als Fahrer von Hermann Scheer. Mit dem "Sonnenkönig", der als designierter Wirtschaftsminister im Schattenkabinett von Andrea Ypsilianti diente und der ihm im Falle eines Wahlerfolges einen Nicht-Fahrer-Job im Ministerium versprochen hatte, saß er über 50.000 Kilometer gemeinsam im Auto. Das mit dem Job hat sich dann leider zerschlagen. Und weil er plötzlich wieder Zeit hatte, dient er jetzt eben Thorsten Schäfer-Gümbel - als Fahrer und lebendes Navigationsgerät.

Im Norden VW, im Süden Opel

Beide kennen sich noch von den Jusos. Man schätzt sich. Sieht sich sogar ein bisschen ähnlich. Pieper sagt: "Der Thorsten ist in unserer jetzigen Lage der Beste. Schon bei den Jusos konnte er Flügel zusammenführen." Und der Kandidat sagt: "Dieser Typ ist einfach ein Phänomen" und dass er sich immer sicher bei ihm fühle. Das ist nicht ganz unwichtig. Bis zu 18 Stunden sind sie täglich unterwegs. Und Pieper immer noch ein bisschen länger, schließlich hat er abends, wenn er TSG im heimatlichen Lich bei Gießen absetzt, noch 70 Kilometer Heimweg vor sich. Morgens muss er darum früher los.

Mit welchem Wagen er fährt, hängt von der Himmelsrichtung ab. Geht die Fahrt nach Nordhessen nimmt er den VW Passat, denn Volkswagen hat ein Werk in Baunatal bei Kassel. Nach Südhessen geht's im neuen "Insignia" von Opel aus Solidarität mit den Opelanern in Rüsselsheim. Pieper ist es egal, er fährt beide Wagen gleich gern. Hauptsache es rollt.

Bis zum 18. Januar geht das so. Dann wird gewählt. Es wäre nicht von Nachteil für Thorsten Schäfer-Gümbel und die SPD, wenn bis dahin ein bisschen von der Piperschen Popularität auf beide abfällt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker