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Hitze-Drama bei der Deutschen Bahn: Die Höllenfahrt der 10f

50 Grad, kollabierende Schüler, kaum Hilfe von der Bahn: Die ICE-Tortur der 10f vom Willicher St. Bernhard Gynasium empört Deutschland. Die Lehrerin erzählte stern.de, wie der Tag der Qualen ablief.

Von Theresa Breuer

"Es war eigentlich wunderschön", beschreibt Klassenlehrerin Dagmar Reichenberg-Arnoldy die sechstägige Klassenfahrt der 10f des Willicher St. Bernhard Gymnasiums. Den Reichstag hatten sie besichtigt und eine Sitzung im Bundestag miterlebt. Einen Abend waren sie in der Berliner Schaubühne gewesen und hatten sich Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" angesehen, am Mittwoch hatten sie auf der Fanmeile die deutsche Nationalelf im Spiel gegen Spanien angefeuert, ganz vorne. Und auch die Tanzfläche einer Jugenddiskothek hatten sie unsicher gemacht. Wunderschön war das alles. Eigentlich. Denn nach der ereignisreichen Woche folgt nicht etwa eine entspannte Rückfahrt, sondern ein zwölfstündiger Horror-Trip nach Hause.

Es ist Samstag, als es für die Klasse heißt: Abfahrt aus Berlin, zurück nach Nordrhein-Westfalen. Die Sonne brennt am Himmel, als die Schüler um 13.48 Uhr am Berliner Hauptbahnhof in den Intercity Express steigen. Es dauert nicht lange, bis die Klimaanlage ausfällt und die Temperaturen im Zug zu klettern beginnen. "In Hannover mussten wir aussteigen, weil uns vom Bahnpersonal gesagt wurde, dass es nicht zu verantworten sei, dass wir mit diesem Zug weiterfahren", erzählt Reichenberg-Arnoldy.

"Der Zug war noch viel heißer"

Was nun folgt, ist, glaubt man der Beschreibung der Lehrerin, kaum vorstellbar. Die Passagiere des Zugs, in dem auch die 26 Schüler der 10f sitzen, werden aufgefordert, in einen anderen ICE zu steigen, den ICE 846 von Berlin nach Köln. Sie sind nicht die einzigen. Ein weiterer Zug hält in Hannover, auch hier stimmt etwas nicht, auch diese Fahrgäste sollen in den ICE 846 steigen, heißt es. Nur: In dem Zug nach Köln ist die Situation keinen Deut besser als in dem vorherigen Fahrzeug. Im Gegenteil. "Der Zug war nicht nur viel heißer, sondern auch komplett überfüllt", beschreibt die Klassenlehrerin der 10f die Lage.

Um 18.15 Uhr erst geht es weiter für die Gymnasiasten aus Willich. Eingepfercht stehen die Schüler nun im Zug. An Sitzplätze ist nicht zu denken, überall sind Menschen, Gepäck blockiert den Gang. Die Klimaanlage ist schon vor der Abfahrt ausgefallen, die Bahn bekommt das Problem nicht in den Griff. Die Temperaturen steigen weiter. Der Sauerstoff wird knapp.

Langsam, so erinnert sich die Lehrerin, wird die Situation unerträglich. Obwohl die Fahrt von Hannover bis zum nächsten Halt in Bielefeld nur eine knappe Stunde dauert, halten manche Menschen die Hitze kaum aus. Einen Zwischenstopp gibt es nicht und somit auch keine Möglichkeit auszusteigen. Ein kleiner Junge, so die Schilderung, bricht zusammen, eine alte Frau auch, jemand vom Zugpersonal begleitet einen Arzt zu den kranken Fahrgästen. "Das war das einzige, was ich an diesem Tag vom Bahnpersonal gesehen habe", erzählt Reichenberg-Arnoldy.

"Wir steigen aus"

Die Temperaturen sind inzwischen unerträglich. Gemessen 50 Grad, gefühlt sind es mehr. Die Schilderung von Reichenbach-Arnoldy klingt weiter abenteuerlich: Fahrgäste diskutieren, ob sie die Notbremse ziehen sollen, doch alle sind sich einig, dass dadurch wahrscheinlich eine noch gefährlichere Situation entstehen würde, wenn alle hinaus auf die Gleise rennen. Also sitzen sie da. Die Schüler der 10f sind wie gelähmt. Ihre Klassenlehrerin erzählt, wie sie um das letzte Bisschen Luft ringen, sich ganz ruhig verhalten, um nicht umzufallen. Noch immer scheint die Bahn nicht zu erkennen, dass ihren Fahrgästen nicht nur langsam die Luft ausgeht, sondern viele von ihnen inzwischen auch ärztliche Behandlung brauchen. Kurz vor Bielefeld wird durch den Lautsprecher bloß verkündet, dass man gedenke, in Bielefeld einen etwas längeren Halt zu machen, damit Durchzug entsteht. Dass viele Fahrgäste nach Beobachtung der Klassenlehrerin schon längst dehydriert sind und überhaupt nicht mehr weiterfahren können, darauf kommt bei der Bahn niemand.

Dagmar Reichenberg-Arnoldy nimmt nun das Schicksal der 10f selbst in die Hand: "Wir steigen in Bielefeld aus, eine Weiterfahrt kommt nicht in die Tüte", verkündet sie ihren Schützlingen. In Bielefeld angekommen, vertragen die Schüler den Temperatursturz nicht, einige brechen zusammen. Reichenberg-Arnoldy ruft den Notarzt. Die Bahn hatte keine ärztliche Versorgung arrangiert. Das Chaos nimmt immer mehr zu. Schließlich kommen Ärzte. Sie versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen, auch die Feuerwehr kommt, schließlich die Bundespolizei, die jetzt gegen die Bahn wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt.

Die erschreckende Bilanz: Zehn von 26 Schülern müssen ärztlich behandelt werden, ihnen werden noch am Bahnsteig Infusionen gelegt, vier von ihnen sind so stark dehydriert, dass sie sogar ins Krankenhaus müssen. Gegen Mitternacht dürfen sie von ihren Eltern abgeholt werden. Für den Rest der Klasse geht es um halb elf mit dem Bus weiter. Von wem dieser Bus kommt, weiß Dagmar Reichenberg-Arnoldy bis heute nicht. Geredet hat sie die entscheidenden Stunden zwar mit Notärzten, der Feuerwehr und der Bundespolizei. Aber mit niemandem von der Bahn.

Sieben Stunden später als geplant kommt die 10f von ihrer Klassenfahrt in ihrer Heimatstadt Willich an. Was zu dem Chaos bei der Deutschen Bahn geführt hat, ist bislang noch unklar. Eine Bahn-Sprecherin sagte stern.de, dass man noch dabei sei, den Vorfall aufzuklären.

  • Theresa Breuer