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Getrennt im Holocaust: Zwillinge Ida und Adam nach über 50 Jahren wieder vereint

Die jüdischen Zwillinge Adam und Ida Paluch waren drei Jahre alt, als sie in den Wirren des Holocaust getrennt wurden. Mehr als ein halbes Jahrhundert versuchten sie, den anderen aufzuspüren. Bis ein Foto Ida schließlich auf die Fährte brachte. 

Von Tilman Müller

Ida und Adam Paluch im Holocaust-Museum ihres Wohnorts Skokie bei Chicago

Ida und Adam Paluch im Holocaust-Museum ihres Wohnorts Skokie bei Chicago

Auch die Kleinsten wurden umgebracht – millionenfach. Von den sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet wurden, war etwa jedes vierte Opfer ein Kind. Mädchen und Jungen, die ihr Leben lassen mussten, meist getrennt von den Eltern. Nur wenige konnten der Todesmaschinerie entkommen. Versteckt in Wäldern oder Kellern, verborgen in Klöstern oder bei Pflegefamilien. Einige überlebten mit fremder Identität, manche wussten nicht einmal, dass sie jüdisch sind, bekamen es erst am Sterbebett ihrer Adoptiveltern erzählt oder wissen bis heute nichts von ihrer wahren Herkunft.

Waisenkind aus dem KZ: "Mit 61 Jahren erfuhr ich, wer ich wirklich bin"


Wie viele dieser "versteckten Kinder" heute noch am Leben sind, kann niemand genau sagen. Rund 700 von ihnen – mittlerweile über 70 Jahre alt – gehören dem "Verein der Holocaust-Kinder in Polen" an. Ein ganz besonderer Fall ist das Schicksal der Zwillinge Adam und Ida Paluch, die sich im Jahr 1942 aus den Augen verloren und erst nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder zueinanderfanden. In ihrem amerikanischen Exil, in Skokie, einem Vorort von Chicago, erzählen Adam und Ida ihre Geschichte; sie beginnt am Vormittag des 13. August 1942 in der südpolnischen Kohlenrevierstadt Sosnowiec.

IDA: Ich sehe die Szene noch vor mir, es ist meine früheste Kindheitserinnerung: Ein Deutscher in Uniform kommt mit dem Gewehr auf uns zu, Mutter hält Adam und mich auf dem Arm, daneben meine Schwester Genia, um uns entsetzte Gesichter, Schreie, wir stehen in der Menschenschlange, in Todesangst. Die Nazis trennten die Eltern von ihren Kindern. Adam und ich waren dreieinhalb damals, Genia zehn Jahre alt. Mutter wusste, was jetzt kommt. Die Menschen wurden selektiert. Die auf der einen Seite mussten zur Zwangsarbeit, die anderen in die Vernichtungslager. Plötzlich rennt Mutter los, die Schreie schwellen an. Genia, Adam und ich laufen hinterher, Mutter stürmt in ein Gebäude, links eine Holztreppe, auf dem zweiten Absatz reißt sie eine Tür auf, es ist eine Schrankkammer, also noch ein Stockwerk hinauf, dort stürzt sie auf ein Fenster zu und verschwindet – für immer.

Wenig später sah ich sie auf der Straße liegen, leblos, ein Arm nach oben gebogen. Wir weinten und weinten und weinten. Wegen ihrer Verzweiflungstat, hörte ich später, habe die Gestapo die Selektion für einen Tag gestoppt. Den nutzte Tante Rozia, um uns zu verstecken. Monate später, im Winter 1942 kurz vor Weihnachten, war ich mit Tante Rozia im Srodula-Ghetto außerhalb der Stadt. Ein ihr bekannter Mann auf der anderen Seite des Stacheldrahts fragte, wer ich sei. "Das ist das Kind meiner Schwester, die sich umgebracht hat", sagte Tante Rozia. "Wir haben kaum etwas zu essen, sie ist für uns ein Mund zu viel." Ich war ein hübsches Mädchen. Der Mann bot an, mich zu sich zu nehmen. Meine Tante willigte ein. In der Abenddämmerung hob man mich über den Stacheldraht. Der Mann, Wilhelm Maj, mein späterer Pflegevater, brachte mich nach Hause zu seiner Frau und sagte: "Das Mädchen hier ist dein Weihnachtsgeschenk."

ADAM: Fast mein ganzes Leben lang wusste ich weder, wer ich bin, noch wie ich wirklich heiße. Ich wurde als Jude verspottet, bevor ich wusste, dass ich ein Jude bin. Die Suche nach meiner Identität, hieß es, sei hoffnungslos, ich solle endlich aufhören, in der Asche herumzustochern. An meine Zeit als kleines Kind habe ich im Gegensatz zu Ida überhaupt keine Erinnerungen.

Die Palau-Zwillinge Ida und Adam mit stern-Autor Tilman Müller

Die Palau-Zwillinge Ida und Adam mit stern-Autor Tilman Müller im Holocaust-Museum von Skokie. 

Adam und Ida Paluch werden am 3. Mai 1939 in Sosnowiec geboren. Ihr Vater Chaim Lejzor Paluch ist Schneider, ihre Mutter Ester Wajntraub hat einen Laden für Kinderbekleidung. Am 4. September besetzen deutsche Truppen die 130 000-Einwohner-Stadt. Der Vater geht zur polnischen Armee, seine Frau sieht ihn nie wieder. Für die etwa 28 000 Juden der Stadt beginnt ein Kampf ums Überleben. Viele schuften anfangs als Zwangsarbeiter, doch am 10. Mai 1942 beginnen die ersten Transporte in die 40 Kilometer entfernten Lager von Auschwitz. Am 15. August, kurz nach Ester Wajntraubs Selbstmord, werden 4000 Juden aus Sosnowiec nach Auschwitz deportiert. Bis Kriegsende treffen dort etwa 216 000 Kinder ein, nur 451 von ihnen überleben. Auch in den anderen deutschen Todeslagern in Polen finden Hunderttausende Kinder den Tod. Adam Paluch landet irgendwann in dieser Zeit im KZ Majdanek. Er selbst hat an den Transport keine Erinnerung. Die setzt erst bei der Befreiung ein, im Juli 1944.

"Meine Mutter sagte, ich sei ein Findelkind"

ADAM: Ich erinnere mich noch an die Russen in Majdanek. Sie legten mich behutsam auf einen Regenmantel, den sie auf dem Boden ausgebreitet hatten, weil ich nicht laufen konnte. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt mich mit meinem späteren Pflegevater. Er kämpfte in der II. Polnischen Armee, die mit den Russen Majdanek befreit hatte. Dass ich eines der 53 Kinder war, die SS-Männer bei ihrem hastigen Rückzug im KZ zurückließen, erfuhr ich erst viel später. Nicht von meinen Pflegeeltern freilich. Sie ließen mich taufen und verschleierten meine Herkunft. Ich erinnere mich noch an die bläuliche Nummer, die auf meinem rechten Oberschenkel eintätowiert war und später wegoperiert wurde; heute noch habe ich dort eine Narbe. "Ich habe dich damals im Lager aus der Scheiße geholt", grölte mein Vater, wenn er betrunken war, "noch ein halbes Jahr später hast du gestunken." Später stellte sich heraus, dass man an uns Kindern im KZ medizinische Versuche vorgenommen hat und wir dort 1944 halb tot in den Latrinen gefunden wurden.

Die Zwillinge wachsen etwa 500 Kilometer voneinander entfernt in Polen auf. Adam nahe der Ostsee in Lebork, Ida in Tschenstochau. Beide werden von katholischen Pflegeeltern betreut. Adam von Jan und Leokadia Dolebski, Ida von Wilhelm und Jozefa Maj. Beide tragen andere Namen: Adam heißt Jerzy Dolebski, Ida heißt Irena Maj. Ihre Wege verlaufen sehr unterschiedlich; Ida erfährt Geborgenheit und Halt, Adam findet sich im Leben nur schwer zurecht.

ADAM: Nach dem Krieg brachte meine Pflegemutter fünf Kinder zur Welt. Sie durften mit den Eltern im Bett spielen, ich nicht. Meine Geschwister waren blond, ich hatte schwarze Haare, und meine Brüder waren im Gegensatz zu mir nicht beschnitten. Bald wurde ich in der Schule "obrzezaniec" genannt, der Beschnittene. Zu Hause galt ich als "der Gefräßige", da ich einen krankhaften Hunger hatte und immer Brot stahl. Wenn die Eltern mich ertappten, gab’s Prügel. Weißt du eigentlich, dass du ein Judenkind bist, sagte einmal eine Nachbarin zu mir. Als ich meine Mutter darauf ansprach, sagte sie, ich sei ein "znajda", ein Findelkind. Nach und nach wurde mir klar, dass Juden und Christen unterschiedlich sind. Wenn ich ein Jude bin, fragte ich mich, wo sind dann meine richtigen Eltern? Mit elf Jahren bin ich dann zum ersten Mal abgehauen. Habe mich im Zug versteckt, bin schwarz quer durch Polen gefahren, durch Warschau gelaufen, habe gehofft, dass mich jemand erkennt und zu meiner richtigen Familie führt. Doch die Polizei brachte mich nach Lebork zurück. Meine Mitschüler nannten mich jetzt den "Wegrenner-Juden". Später kam ich ins Internat und setzte mir in den Kopf, berühmt zu werden. Dann, dachte ich, kennen mich alle in ganz Polen; so werden auch meine wahren Eltern von mir hören.
IDA: Jozefa, meine Retterin, vergesse ich nie. Sie behandelte mich wie ihr eigenes Kind, obwohl auf das Verstecken von Judenkindern die Todesstrafe stand. 1943 wurde mein Pflegevater Wilhelm von der Gestapo exekutiert, weil er bei der polnischen Untergrundarmee war. Die Not war danach noch größer. Jozefa und ich verkauften nun in überfüllten Zügen Tabak und Wodka, um etwas Geld zu verdienen. Jedes Mal, wenn ich an den Bahnhöfen die Gestapo-Männer mit ihren Schäferhunden sah, war ich halb ohnmächtig vor Angst. Einmal schnappten sie mich mit Zigaretten, ich dachte, dass sie mich erschießen. Doch einer der Deutschen gab uns den Koffer zurück. "Mach das nie wieder", sagte er, "ich habe auch eine Tochter daheim, andere sind nicht so großzügig wie ich.“

Ida besucht später in Breslau die Schule, emigriert danach mit ihrem leiblichen Vater nach Israel und bekommt eine Tochter. Adam gründet in dieser Zeit in Wejherowo nahe Danzig eine Familie.

"Ich wollte berühmt sein, damit meine wahren Eltern von mir hören"

IDA: Als Chaim, mein richtiger Vater, nach dem Krieg plötzlich aus Russland zurückkam, war ich deprimiert. Wieder ein Fremder. Chaim heiratete wieder, und ich bekam wieder eine andere Mutter. Sie war eine Auschwitz-Überlebende, die nach Israel wollte. Doch in der Stalin-Ära war daran in Polen nicht zu denken. Ich musste Backsteine putzen für den Wiederaufbau und als Teenager lernen, wie man den Klassenfeind mit dem Gewehr bekämpft. Erst 1957 konnten wir ausreisen, zogen nach Haifa. Hier fühlte ich mich erstmals in meinem Leben frei. Eines Tages erzählten uns zwei Frauen, die aus Sosnowiec stammten, sie hätten gesehen, wie Tante Rozia mit ihren Kindern und Genia in einer langen Schlange vor dem Bahnhof standen. Der Zug sei nach Majdanek gefahren.
ADAM: Meine Eltern schickten mich in ein Internat. Dort bekam ich einen Wachstumsschub, wuchs 27 Zentimeter in einem Jahr. Meine Mutter war stolz, als ich in den Ferien mit ihr bei einem Tanzabend übers Parkett wirbelte. "Aber" , sagte sie, "sag bloß niemandem, dass ich deine Mutter bin." Irgendwie saß ich zwischen allen Stühlen. Ich ging zur Marine, weil ich so auch außerhalb des Landes in jüdischen Gemeinschaften nachfragen konnte, ob jemand ein in Polen verschollenes Kind vermisst. Ich erinnere mich noch, wie ich mich auf den Niederländischen Antillen in einer Synagoge erkundigte. Hier, fern der Heimat, wurde mir plötzlich klar, dass ich einfach nicht wusste, wer ich bin. Monate später, im Hafen von Kuwait, kamen Matrosen aus Israel an Bord. Als sie meine Geschichte hörten, wollten sie mich sofort nach Haifa mitnehmen. Doch ich konnte nicht fort. Damals, 1968, war ich schon verheiratet. Mein erstes Kind wartete in Polen.

In den 70er und 80er Jahren ändert sich vieles für die Zwillinge. Ida ist bereits 1963 von Israel nach Chicago gezogen, dort heiratet sie ein zweites Mal. Adam wechselt nach zehn Jahren bei der Marine in den Pelzhandel und lebt mit seiner Ehefrau Danuta sowie drei Söhnen nahe der polnischen Ostseeküste. Beide versuchen nun mit immer mehr Aufwand, ihre jüdischen Angehörigen zu finden. Ohne Erfolg. Dann, 1989, öffnet sich plötzlich der Eiserne Vorhang. 

Brachte dies die Dinge ins Rollen?

IDA: Auf jeden Fall.
ADAM: Nein, das denke ich nicht.

IDA: Doch, da bin ich ganz sicher. Ohne den Zusammenbruch des Kommunismus in Polen wäre nichts passiert.
ADAM: Gut, der Regimesturz hat einiges bewirkt, doch die breite Diskussion um den Holocaust, die damals in Polen begann, war viel wichtiger.
Aber wussten Sie beide damals nicht schon alles über den Holocaust?
ADAM: Nein, ich hatte keine Ahnung, dass es Holocaust-Überlebende gibt.
IDA: Ich wusste einiges über Auschwitz, da meine Stiefmutter dort ihre beiden Kinder verloren hat. In Israel, später auch in den USA, hatte ich viel über die Nazi-Gräuel gehört, aber die Ausmaße des Völkermords waren mir lange nicht bewusst.
ADAM: Bei uns sprach kaum jemand über den Holocaust. Mir war entgangen, dass Deutschland in Wahrheit zwei Kriege geführt hat, einen gegen seine Nachbarn und einen zweiten gegen die Juden.
IDA: Auch in den USA sprach man darüber so gut wie nicht. Das änderte sich erst ab Mitte der 80er Jahre. Filme wie "Shoah" bewirkten, dass auf einmal sehr viele Menschen über den Holocaust sprachen.

Die Paluch-Zwillinge betrachten alte Familienbilder in ihrer jetzigen Heimat Skokie in den USA

Die Paluch-Zwillinge betrachten alte Familienbilder in ihrer jetzigen Heimat Skokie in den USA 

Im Mai 1991 treffen sich zum ersten Mal Holocaust-Kinder aus der ganzen Welt in New York. Auch Ida ist dabei.

IDA: Ich war völlig überrascht, wie viele wir waren. Fast 2000 Leute aus 28 Ländern. Wir alle hofften, verschollene Angehörige zu finden, und standen vor einer großen Pinnwand voller alter Bilder. Auch ich hatte dort ein Foto von Adam und mir aufgehängt.
ADAM: Mir half damals der Rabbiner der Warschauer Nozyk-Synagoge. Er brachte in der "Folks-Sztyme" (Volksstimme) eine Anzeige mit einem Kinderbild von mir: "Jerzy Dolebski ist ein jüdischer Mann. Wenn Sie den Jungen erkennen, nehmen Sie Kontakt mit uns auf." Und tatsächlich, wenig später meldete sich eine Frau aus New York, doch es stellte sich schnell heraus, dass ich nicht ihr Sohn war. Was für eine Enttäuschung!
IDA: Adam hatte im Gegensatz zu mir keinerlei Ansatzpunkt. Ich suchte ganz konkret meine Geschwister. Er jedoch kannte nicht einmal seinen Namen. Ich kann mir gut vorstellen, wie deprimiert er gewesen sein muss.
ADAM: Und dann behauptete mein Pflegevater plötzlich, ich sei der Sohn einer gewissen Frieda Nojmark. Er dachte, ich würde mich damit zufriedengeben. Doch ich ging nach Israel und fand heraus, dass die im Ghetto umgekommene Frieda kein Kind hatte.

"Wir telefonierten bald sechsmal am Tag"

IDA: Heute noch frage ich mich, woher Adam die Kraft nahm, immer weiter zu suchen. Hätte er aufgegeben, wären auch meine Bemühungen vergebens gewesen. Jahr für Jahr hatte ich alle Paluchs dieser Welt angeschrieben, deren Adressen ich in Chicago ausfindig machen konnte; nie kam eine Antwort. Als letzte Hoffnung blieb nur noch eine Reise zu den Orten meiner Kindheit, die ich möglichst bald antreten wollte.
ADAM: Im Verein der polnischen Holocaust-Kinder war ich eine auffällige Figur. Ich trug einen dunklen, langen Vollbart, und jeder, der mich kannte, wusste, dass ich ihn erst abrasieren würde, wenn ich herausbekommen hätte, wer ich bin.
IDA: O ja, ohne den Bart hätte sich das Puzzle vielleicht nie zusammensetzen lassen …
ADAM: … jedenfalls rief bei mir, das muss 1993 gewesen sein, eine Reporterin an aus den USA, die für den "Jewish Ledger" schrieb. Die Journalistin machte ein Foto von mir und schrieb einen Artikel.
IDA: Eine Freundin gab mir den Zeitungsausschnitt. Ich konnte wenig anfangen mit diesem Jerzy Dolebski. 1942 geboren, hieß es da, drei Jahre jünger als ich. Dann sah ich mir sein Foto genauer an. Irgendwie kam mir das Gesicht bekannt vor. Unser Großvater, schoss es mir durch den Kopf, sah genauso aus. Die gleichen Augen, die gleiche hohe Stirn, die gleiche Kopfhaltung. Und der gleiche Bart.
ADAM: Und dann, es war im Januar 1995, kam ich eines Abends spät nach Hause, da sagte mein Sohn, eine verrückte Frau aus Chicago habe angerufen und behauptet, sie sei meine Zwillingsschwester.

Das erste Telefonat zwischen Adam und Ida dauert mehr als eine Stunde. Ida wusste bereits aus dem "Ledger", dass Adam kaum noch Erinnerungen an seine frühe Kindheit hat.

ADAM: Ich fragte Ida als Erstes, wann sie geboren ist. "Am 3. Mai 1939", sagte sie. Ich gab kühl zurück: "Sie sind nicht meine Zwillingsschwester, ich kam drei Jahre später auf die Welt, am 15. Oktober 1942."
IDA: "Sie werden es nicht glauben" , erklärte ich ihm, "aber laut meiner christlichen Geburtsurkunde wurde ich auch 1942 geboren. Diese Papiere sind doch alle falsch.“
ADAM: Nach dem Telefonat kam ich ins Grübeln. Mein offizielles Geburtsjahr, 1942, war nach Kriegsende festgelegt worden und mir schon immer seltsam vorgekommen. 1939 ergab mehr Sinn. Denn wer hätte mich 1942, als die Judenvernichtung in vollem Gang war, beschneiden sollen?
IDA: Ich war nach dem Telefonat extrem nervös, musste wegen jeder kleinen Sache weinen. Und wann immer ich an ihn dachte, rief er an. Anfangs ein paarmal die Woche, dann fünf- bis sechsmal am Tag.

Ida beschließt, Adam zu treffen. Am 28. April 1995 kommt sie auf dem Warschauer Flughafen an. Ida trägt ein weißes Kostüm, Adam einen dunklen Anzug mit Krawatte. Die beiden umarmen und küssen sich. Selbstvergessen. Minutenlang. Wie ein Liebespaar nach langer Trennung. Adam rasiert kurz darauf seinen Bart ab, dann gibt es ein rauschendes Freudenfest in den Bergen der Hohen Tatra. Auch Danuta, Adams Ehefrau, ist da. Und Herr Dolebski, Adams Ziehvater. Der erklärt, er habe ja schon immer gewusst, dass Jerzy, das Holocaust-Kind, eigentlich Adam Paluch heißt. Wenig später besuchen die Zwillinge ihre Geburtsstadt Sosnowiec. Sie erhalten dort ihre richtige Geburtsurkunde. Und die Todesurkunde von Ester Wajntraub, ihrer Mutter.

Adam und Ida Paluch erzählen ihre Geschichte im Holocaust-Museum von Skokie

Adam und Ida Paluch erzählen ihre Geschichte im Holocaust-Museum von Skokie. Beide engagieren sich hier seit Jahren ehrenamtlich

IDA: Ich hatte ein Rückflugticket und wollte 14 Tage bleiben …
ADAM: … daraus wurden vier Wochen. Und als diese langsam zu Ende gingen, kamen Probleme. Danuta und meine Söhne waren eifersüchtig, da Ida und ich stets Hand in Hand herumliefen.
IDA: Adam hatte nicht damit gerechnet, dass seine Familie so reagiert. Wir sollten, hieß es auf einmal, nicht so sehr vor uns hertragen, dass wir jüdisch sind.
ADAM: Ich erklärte Danuta, dass sie nur verlieren kann, wenn sie sich gegen meine Schwester stellt.

Die Zwillinge fliegen zusammen in die USA. Für Adam ist es eine Reise in die neue Heimat.

IDA: Auch hier in Chicago war es nicht einfach. Meine Tochter hatte anfangs Angst, mich zu verlieren.
ADAM: Aber wir waren unzertrennlich.
IDA: Wir sind unzertrennlich.
ADAM: Wir haben die gleichen grünen Augen …
IDA: … und sind beide gegen Jodsalz allergisch.
ADAM: Wir haben beide nie in unserem Leben geraucht oder Alkohol getrunken. Noch nie hat sich jemand so gut um mich gekümmert wie Ida.

Vielleicht sind Sie so glückliche Zwillinge, weil Sie so ewig lange getrennt waren?

ADAM: Ich wusste ja nicht, dass ich eine Zwillingsschwester habe, spürte freilich immer, dass mir etwas fehlt. Als Ida dann in mein Leben trat, löste das in mir Gefühle aus, die stärker waren als ich. So stark, dass ich meine Familie verließ und mit Ida zusammenleben wollte.
IDA: Als ich meinem Bruder endlich auf dem Warschauer Flughafen gegenüberstand, war ich so glücklich wie zuvor nur bei der Geburt meiner Tochter. Auf das erste Glück musste ich neun Monate warten, auf das zweite ganze 53 Jahre.
ADAM: Für mich bedeutete das Happy End auch, dass ich plötzlich eine neue Identität besaß. Anfangs machte mich das fast wahnsinnig, doch ich spürte, dass es für mich nur weitergeht, wenn ich Polen verlasse und hierher in die USA ziehe.

Sind Ihnen manchmal Zweifel gekommen, ob Sie wirklich Zwillinge sind?

ADAM: Nein, niemals. Wir haben genügend Beweise, dass wir Bruder und Schwester sind. Deshalb haben wir nie einen DNA-Test machen lassen.
IDA: Ich glaube an Gott und nicht an solche Tests. Das, was uns passiert ist, ist eindeutig dokumentiert.

"Wir Holocaust-Kinder verstehen uns blind"

Nach seiner Ankunft in den USA wohnt Adam zunächst in Idas Haus in Skokie und bezieht dort nach zwei Jahren eine eigene Wohnung. Wie Ida steigt auch Adam in Amerika sofort ins Berufsleben ein. Inzwischen ist auch er US-Bürger, betreibt eine kleine Baufirma und lebt, geschieden von seiner polnischen Frau, in einem eigenen Haus nahe Skokie. Die Zwillinge, reformierte Juden, heute 76 Jahre alt, sehen sich fast jeden Tag und sind beide ehrenamtlich im Holocaust-Museum in Skokie aktiv.

ADAM: Wir Holocaust-Kinder sind wie eine große Familie.
IDA: Das Holocaust-Museum ist eine Art zweite Heimat für mich. Wir sind fast jeden Tag dort, jeder kennt uns da …
ADAM: … warum nehmen wir nicht unsere Betten mit und schlafen dort?
IDA: Ja, genau. Wer den Holocaust nicht miterlebt hat, kann das wohl schwer nachvollziehen, aber wir Holocaust-Kinder verstehen uns blind. Die gleichen Dinge sind wichtig für uns, bis ins kleinste Detail hinein. Wenn da einer einen Satz beginnt, kann der Nächste ihn zu Ende führen.

Wie reagieren Menschen, denen Sie Ihre Geschichte erzählen?

ADAM: Viele fangen an zu weinen.
IDA: Und ich muss dann immer an Genia denken, unsere Schwester. Die Hoffnung, dass sie überlebt hat, schwindet mit jedem Tag. Aber für mich ist das keine abgeschlossene Sache. Ich spüre diesen tiefen Schmerz, und ich möchte unbedingt wissen, was mit ihr passiert ist – mit unserer großen Schwester, von der ich gehört habe, dass sie sich um uns Zwillinge immer so liebevoll gekümmert hat, damals in Sosnowiec.