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Gegen Hass-Pöbler im Netz Warum diese 90 Jahre alte Frau einen Facebook-Hetzer anzeigt


"Dass jemand bei Facebook unbehelligt so etwas schreiben kann, ist eine Schande". Eine 90-jährige Holocaust-Überlebende wehrt sich gegen rechte Hetze.

Hier haben wir es, das einzige Mittel gegen Antisemiten und andere Menschenhasser, die in den sozialen Medien hetzen: sie mit dem, was sie hinterlassen, konfrontieren und die Konsequenzen spüren lassen. Glücklicherweise hat die 90-jährige Shoah-Überlebende Esther Bejarano tatkräftige Unterstützung bei ihrem Versuch, genau das zu tun.

Wie der NDR berichtet, hat ein Anwaltsbüro in Hamburg am vergangenen Dienstag im Namen Bejaranos Anzeige erstattet wegen übler Nachrede und Verleumdung gegen eine Person des politischen Lebens. Dass Bejarano in Deutschland im Jahr 2015 den Satz sagt "So infam bin ich bisher noch nicht beleidigt worden", ist unfassbar.

Verspottet, verleumdet, beleidigt

Es geht um einen Facebook-Post, der einen öffentlichen Auftritt Bejaranos in Fulda im April betrifft. Von dem sie erst später erfahren hat. Darin wird nicht nur ihr Engagement verspottet  - Bejarano kämpft seit Jahrzehnten für die Erinnerung und gegen Rechtsradikalismus -, es folgt der abstruse Vorwurf, sie habe mit den Nazis kollaboriert.

Bejarano, die in Saarland aufwuchs, war kaum 17, als sie in ein Zwangsarbeitslager bei Fürstenwalde verschleppt wurde, zwei Jahre später wurde sie nach Auschwitz deportiert und entging der Ermordung offensichtlich nur, weil sie im Mädchenorchester Akkordeon spielte. Es gab mehrere Orchester, eine perfide Idee der Nazis, um den Menschen im Vernichtungslager Normalität vorzuspielen. Gegen Ende des Krieges gelang Bejarano auf einem Todesmarsch die Flucht. Sie wanderte nach Palästina aus, wo sie später ihren Mann kennenlernte. Weil sie die israelische Politik gegen die Palästinenser nicht ertrug, zog sie mit ihrem Mann und zwei Kindern 1960 zurück nach Deutschland.

"Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, ein ganz großes Glück, ein unheimliches Glück", wird Esther Bejarano vom NDR zitiert. Ihre Eltern, ihre Schwester Ruth, deren Ehemann und zahlreiche Verwandte und Freunde hatten es nicht. Sie wurden von den Nazis ermordet.

Rappen gegen Neonazis

In ihrem zweiten Leben machte Bejarano eine Ausbildung zur Koloratursopranistin, sang in der Oper und im Chor. Sie leitete eine Wäscherei und später ein Modegeschäft. Als sie in den 70er Jahren Neonazis auf der Straße sieht, beschließt sie, sich gegen Rechtsradikalismus zu engagieren. Seitdem spricht sie in Schulen, auf politischen Veranstaltungen, sie schreibt Bücher und gibt Konzerte - unter anderem 1982 beim Konzert "Künstler für den Frieden" mit Harry Belafonte. Mit der Band Microphone Mafia rappt sie bis heute gegen Neonazis. Außerdem übernahm sie den Vorsitz des deutschen Auschwitz-Komitees.

Als Bejarano, die selbst eine Facebookseite hat, von dem diffamierenden Kommentar erfuhr, sei sie fassungslos gewesen. "Dürfen denn die Nazis machen, was sie wollen?", wird sie zitiert. Denn nicht nur der Kommentar selbst sei fürchterlich, "auch, dass jemand bei Facebook unbehelligt so etwas schreiben kann, ist eine Schande", so Bejarano. Und weil nicht nur sie selbst, sondern "all diejenigen, die in Auschwitz gewesen sind", beleidigt werden, sei es ihr ein großes Anliegen, dass der Verantwortliche für seinen Kommentar "irgendwie bestraft" werde, heißt es weiter.

Die alte Dame ist dankbar, dass Freunde die Anzeige für sie übernommen haben: "Ich möchte auch gar nicht vor Gericht, bloß nicht in die Nähe solcher Nazis".

Dem Hetzer droht eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Wenn es zum Prozess kommt.

sal

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