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Zeitzeugin im Interview Holocaust-Überlebende Ruth Meros erinnert an die Schrecken der NS-Zeit

Holocaust-Überlebende Ruth Meros war 11 Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. Auf ihrer Schule in München war sie damals das letzte jüdische Kind. Im Interview mit stern-Autor David Baum schildert die heute 95-Jährige ihre Erlebnisse.
 
„Die Kinder haben – ich weiß nicht, ob die Lehrer ihnen das aufgetragen haben, dass sie nicht mit mir kooperieren sollen, oder ob das von ihnen ausgegangen ist – aber auf jeden Fall hat keiner mit mir gesprochen. Nur einmal ist ein Mädchen zu mir gekommen und hat gesagt: „Weißt du, Ruth, ich würde gerne mit dir befreundet sein, aber mein Vater ist ein höherer Beamter. Wenn rauskäme, dass ich mit einer Jüdin befreundet bin, dann wäre das sehr schlecht für ihn.“ Meine Französisch- und Englischlehrerin hat in einer Straße auf mich gewartet und hat mich eingeladen. Und sie wusste, was ich durchmache und hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Aus dem einen Mal wurden viele Male. Und wir waren in Verbindung, bis ich ausgewandert bin.“
 
Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird der Münchenerin bewusst, dass das Leben in der eigenen Heimat zur Gefahr wird.
 
„Es war schrecklich. Vor allem, dass die Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße verbrannt wurde. Als ich traurig durch die Straßen irrte, sah ich, wie die SA- oder SS-Leute die Schaufenster der jüdischen Geschäfte zertrümmert haben – oder darauf geschrieben haben: „Saujuden“, „Kauft nicht bei Saujuden“ und noch mehr solche Ausdrücke. Und das war natürlich schrecklich - ein schrecklicher Tag.“
 
1939 flieht Ruth Meros mit ihrer Familie aus Deutschland.
 
„Ein Schwager meiner Mutter hat Verwandte in Palästina gehabt. Sie haben uns geholfen, im letzten Moment nach Palästina zu gehen. Wir wollten ursprünglich nach Amerika. Die Nachfrage nach Visen war zu hoch – wir hätten es nicht mehr geschafft rauszukommen.“
 
Ruth Meros kehrt 1963 aus familiären Gründen nach München zurück. In der bayrischen Landeshauptstadt trifft sie auf Menschen aus ihrer Schulzeit.
 
„Ich habe mich nicht mit Leuten getroffen, die Nazis waren. Aber ich habe sehr wenige getroffen, die keine Nazis waren. Das waren meine Klavierlehrerin und unsere Babette, die bei uns Hausangestellte war. Und die mir während der Schulzeit sehr viel geholfen hat. Wenn ich nach Hause kam, hat sie mich getröstet.“
 
Ruth Meros und ihre Tochter Gabriella wollen erinnern. Sie besuchen Schüler oder organisieren eine aktuelle Fotoaustellung in München. Damit die Schrecken des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten.
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Ruth Meros war 11 Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. Auf ihrer Schule war sie damals das letzte jüdische Kind. Im Interview mit stern-Autor David Baum schildert sie ihre Erlebnisse.

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