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Illegale Migranten: Für eine Zukunft daheim

Sie kommen ohne Papiere. Sie schuften und sind sich für keinen Job zu schade - immer in Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden. "Blinde Passagiere" der Gesellschaft - wie Familie Perez aus Ecuador, die in einer deutschen Großstadt Unterschlupf gefunden hat.

Von Ingrid Eissele

Ana hat gerade die letzten Teigtaschen frittiert, der Geruch warmer Empanadas zieht durch die Küche ihrer Wohnung. Da fragt Jorge Perez*: "Kennen Sie jemanden, der meine Frau heiraten würde?" Am besten wäre einer, der es aus Freundschaft macht. Ein paar Kandidaten gab es schon, aber die taugten nichts: Ein Rentner verlangte 15.000 Euro, ebenso ein Arbeitsloser. Mit so viel Geld kann man in Ecuador ein Haus kaufen. Jorge und Ana aber leben in Deutschland, untergetaucht in einer Großstadt.

Wann immer er den Eindruck hat, er könnte jemandem vertrauen, fragt Jorge Perez nach einem Heiratskandidaten für seine Ana, mit der er ohne Trauschein zusammenlebt und zwei Töchter hat. Auch die Lehrerin seiner Jüngsten hat er schon gefragt. Schrecklich. Er schämt sich. Aber er weiß: Mit einem deutschen Ehemann hätten Ana und die Kinder das Recht zu bleiben, wären endlich in Sicherheit. Und er wäre die Angst los.

Auf der Straße rutscht sein dunkler Schopf in den Kragen der schwarzen Jacke wie der Kopf einer Schildkröte in den Panzer. Nachts hängt er Stunden vor dem Fernseher, weil ihn die Grübelei nicht einschlafen lässt. Eine Kontrolle auf der Straße, eine vergessene Fahrkarte in der S-Bahn, ein kleiner Unfall auf dem Weg zur Arbeit. Was, wenn er oder seine Frau weggegriffen und sofort abgeschoben wird? Was wird dann mit den beiden Kindern in Deutschland? "An einem einzigen Tag kann alles vorbei sein, was wir seit sieben Jahren aufgebaut haben."

Wirklich da sein

"Er macht sich verrückt mit seiner Angst", findet Ana, 32, eine rundliche junge Frau mit kräftigen braunen Armen, die gern lacht und mit Schwung Zwiebeln hackt, während er sich müde die Augen reibt. "Ich will hier ein normales Leben führen", sagt sie. "Ich will, dass wir wirklich hier sind."

Aber die Familie Perez aus Ecuador ist nicht wirklich hier. Die Mutter lebt seit neun, der Vater seit acht, die Kinder seit sieben und Großmutter Carmen sogar schon viel länger in Deutschland. Sie kamen als Touristen aus Südamerika und kehrten nicht zurück. Eine Familie ohne Papiere ist ein Phantom. Nirgendwo gemeldet, nirgendwo versichert, nur in Nischen geschützt. Blinde Passagiere im Unterdeck der Gesellschaft, von denen es in Deutschland zwischen 500.000 und einer Million geben soll, so die Schätzung des Osnabrücker Migrationsforschers Klaus J. Bade. Manche, wie die Großmutter, schaffen zwölf Jahre, wenige noch länger, bis sie durch Zufall auffliegen und abgeschoben werden, in der Regel genauso lautlos, wie sie gekommen sind.

Taschendiebe, Hütchenspieler, Drogendealer, das sind die Illegalen aus den Polizeiberichten, eine Minderheit. Das Gros ist "komplett überangepasst", vermeidet selbst den kleinsten Verstoß, sagt Bade. "Die gehen nicht mal bei Rot über die Ampel." Die ständige Angst vor der Abschiebung werde zur Überlebensstrategie. "Sie darf auch nach Jahren nicht abnehmen."

Immer auf dem Sprung

Blitzschnell verschwinden, wenn nötig, das lernen bereits die Kinder. Einmal roch es im Nebenhaus der Mietskaserne sehr merkwürdig. Eine Frau hatte tagelang tot in der Wohnung gelegen. Polizisten kamen, um alle Hausbewohner zu befragen. Die ecuadorianischen Nachbarn rafften binnen Minuten Windeln und Kinderkleider zusammen und rannten - noch in Hausschuhen - in den Park, wo sie bis zum Abend im Freien ausharrten.

Überleben heißt, die Katastrophe hinter der nächsten Ecke zu erahnen. Aber das klappt nicht immer. Als Ana eines Tages, beladen mit Einkaufstüten, bei einer Straßenrazzia der Polizei verhaftet wurde, wusste ihre Familie tagelang nicht, wo sie war. Verunglückt? Ermordet? Geschnappt? Ana saß zwei Wochen in Untersuchungshaft, beteuerte, Touristin aus Spanien zu sein. Ihr Glück war, dass der Richter schnell entschied - bevor die Ausländerbehörde aktiv wurde. Ana wurde wegen "unerlaubtem Aufenthalt" zu drei Monaten auf Bewährung verurteilt und "auf die Straße" entlassen mit der Auflage, sich bei der Ausländerbehörde zu melden, um "ordnungsgemäß auszureisen". Doch bevor das Ausländeramt sie greifen konnte, war sie wieder abgetaucht.

Warum nehmen sie diese Risiken in Kauf? "Weil es sich lohnt", sagt Jorge. Als Tellerwäscher in einem italienischen Restaurant verdient er drei Euro pro Stunde, 650 Euro im Monat. Ana bekommt als Kinderfrau bei einer Unternehmerfamilie bis zu 1200 Euro pro Monat, bar auf die Hand. Das ist ein Vielfaches dessen, was die beiden zu Hause verdienen würden.

"Gehen oder sterben"

Ecuador, das kleine Land am Äquator. Es waren keine zerlumpten Elendsgestalten, die sich damals zur Jahrtausendwende Tag für Tag vor den Passbehörden in Ecuador anstellten. Sondern Menschen mit einer Ausbildung, einem Studium. Wie Jorge, der Jura studiert hatte. Es war die Mittelschicht, die ihrem Staat damals den Rücken kehrte. Junge Leute, die Hälfte jünger als 30. "Ir o morir", gehen oder sterben, hieß ihr zorniges Motto. Vier Millionen Menschen - fast jeder dritte Einwohner - hatten das Land in den vergangenen Jahren schon verlassen, getrieben von einem Gefühl der Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit. Keiner der ständig wechselnden Präsidenten hatte es geschafft, mit der Korruption aufzuräumen. Das Land verkam zum Privatbesitz einer elitären Oberschicht. Krankenschwestern, Ärzte und Polizisten mussten monatelang auf ihr Gehalt warten. Attraktive Jobs wurden unter der Hand an Günstlinge vergeben.

Maria war sechs, Patricia gerade mal drei, als die Mutter 2000 ihre Koffer packte. Jorge kutschierte zu der Zeit Fischfilets und Tiefkühlhühner durch die Zwei-Millionen-Metropole Guayaquil an der Pazifikküste. Seit der Geburt hatte Patricia an einer chronischen Darminfektion gelitten. Sie aß schlecht, wurde immer dünner, musste häufig ins Krankenhaus. Jorge konnte die teure Diätkost nicht mehr bezahlen. Das letzte Geld verloren sie an betrügerische Banker. Ir o morir. Sie entschieden: "Ir!"

Seine Schwiegermutter Carmen lebte da schon fünf Jahre in Deutschland. Sie war die Erste, die ihr Glück im fernen Europa versucht hatte. "Mütterchen", wurde sie von allen hier genannt, eine kleine, runde Frau, rastlos wie ein Uhrwerk. Unter der Woche putzte sie, backte und kochte, sonntags bewirtete sie Kirchgänger mit Kaffee. Eine kleine Glaubensgemeinschaft aus strenggläubigen evangelischen Latinos wurde ihre Zuflucht. In ihrer Unterkunft hängte Carmen Psalmen an die Wand. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln", war ihr Leitspruch. Aber Deutschland war nicht das Land, das sie auf grünen Auen weidete. Carmen schrubbte sich krumm, hatte chronische Schmerzen im Rücken. Aber sie wollte nicht zum Arzt, denn der kostet Geld, und eine Krankenversicherung hatte sie nicht.

Kein Schlupfloch

Auch Ana, ihre Tochter, ging nach ihrer Ankunft in Deutschland als Erstes putzen. Ihre Chefin bekam kurz darauf ihr drittes Kind, Ana kümmert sich liebevoll um den Kleinen. Keine sei so verantwortungsvoll und umsichtig, schwärmt die deutsche Arbeitgeberin von ihrer südamerikanischen Nanny. "Für meine Kinder ist sie inzwischen wie eine zweite Mami." Immer wieder muss die Geschäftsfrau ins Ausland, dann wohnt Ana bei den Kindern, bringt sie in den Kindergarten, holt sie ab oder pflegt sie, wenn sie krank sind.

Anas Chefin ist keine Ausbeuterin. Sie würde Ana gern fest anstellen, mit Sozialversicherung und allem. "Es geht nicht", sagt sie. Gemeinsam haben sie alle Schlupflöcher ausgelotet, doch es gibt keines. Es gibt nur: Ausreisen auf Nimmerwiedersehen. Oder Zähne zusammenbeißen, Kopf einziehen und bleiben. Die Miete für die kleine, mit gebrauchten Möbeln eingerichtete Zweizimmerwohnung ist billig, dafür krabbeln hinter den Küchenschränken Kakerlaken. Die Wohnungsbaugesellschaft bekommt ihr Geld von einem Mittelsmann, dem Hauptmieter, der auch den Mietvertrag unterschrieben hat. Jorge kam ein Jahr nach Ana nach Deutschland, heute bewohnen die beiden eines der zwei Zimmer zusammen mit den Töchtern, die die Eltern 2002 nachholten, als sie das Geld für die Tickets beisammenhatten. Nebenan schlafen die Großmutter und Luiza, Anas Schwester. Auch sie geht putzen. Die vier Erwachsenen kommen zusammen auf bis zu 3000 Euro monatlich. Bar.

Jeder Cent, der nach Miete, Telefon und Lebensmitteln übrig bleibt, wird via Western Union nach Ecuador geschickt: Mehrere Hundert Euro überweisen Ana und Jorge jeden Monat für den Bau eines Häuschens in der Heimat. Irgendwann wollen sie zurück. Irgendwann, wenn sie genug zusammenhaben. Fünf Jahre, schätzen sie, brauchen sie noch.

Von dem in Deutschland erarbeiteten Geld werden zudem viele Familienmitglieder in Ecuador unterstützt: 100 Euro bekommen die Geschwister für Lebensmittel, ab und an schickt Ana auch eine Extraspende an entfernte Verwandte. Mindestens 200 Euro bekommen die kranken Urgroßmütter für Medikamente. Tabletten gegen Bluthochdruck und Osteoporose sind teuer in Ecuador.

Töchter sorgen für Väter, Nichten für Tanten, Enkel für Großmütter. Vom Staat ist so gut wie nichts zu erwarten. Ecuador zahlt seinen Ärmsten 30 Dollar im Monat. Die Großfamilie ist schon seit Jahrhunderten Kranken-, Risiko- und Altersversicherung. Auch heute noch, und selbst dann, wenn sie in alle Welt verstreut ist.

Die Lehrer halten dicht

Arbeiten, schlafen, essen, arbeiten, beten. Mal ein Geburtstag, mal ein Besuch im Schwimmbad, aber nur selten. Ein karges Leben in Deutschland. "Für die Kinder", sagt Ana. Damit sie es mal besser haben. In Ecuador lernte ihre älteste Tochter auf den Holzbänken der Grundschule vor allem Stillsitzen und fromme Sprüche. Die staatlichen Schulen taugen nicht viel, sagt Ana, weil die Lehrer nicht bezahlt werden und tageweise wegbleiben. Privatschulen sind teuer. Hier in Deutschland geht Maria inzwischen in die siebte Klasse eines Gymnasiums und lernt jetzt die dritte Fremdsprache, Französisch. Der Rektor und die Klassenlehrerin wissen Bescheid. Sie müssten sie eigentlich der Behörde melden, die inzwischen alle Schüler registriert, aber sie halten dicht. Wir sind doch nicht die Hilfspolizei der Ausländerbehörde, sagen sie. Kinder haben ein Recht auf Bildung, egal, welchen Status sie haben.

Maria ist ein blasses Mädchen mit großen ausdrucksvollen Augen. "Gata", Katze, ist ihr Spitzname. Anders als die Oma und die Eltern, die nur ein paar Sätze Deutsch können, spricht sie die Sprache fast akzentfrei. Die meisten Nachmittage verbringt sie in der Wohnung. Zweimal sei sie von Mitschülerinnen eingeladen worden, erzählt sie, "nein, dreimal". Dreimal in fünf Jahren. Illegalität macht Freundschaften so gut wie unmöglich.

Im Zimmer der Eltern steht vor dem Ehebett ihr Stockbett, das sie mit Patricia, ihrer Schwester, teilt, den meisten Platz nimmt ein wuchtiger Kleiderschrank ein. "Es ist so klein bei uns", sagt sie verlegen. Für einen Schreibtisch ist kein Platz. Wie soll man hier spielen? Wie soll man Geheimnisse austauschen, wenn die eigene Existenz das größte Geheimnis ist?

Weltweit verstreut

"Lernen, du musst lernen", schärft Ana ihren Töchtern ein. Maria soll das Abitur schaffen. Und später in einem Land studieren und arbeiten, in dem ehrgeizige junge Leute willkommen sind. "In welchem?", fragt Jorge seine Tochter. In Deutschland, Spanien, Norwegen, Amerika? Maria schaut ihn an, zögert, sagt: "In Ecuador."

Jorges Familie lebt in Guayaquil, Anas Familie in Milagro. Es sind nur noch die Reste zweier riesiger Clans, alle anderen sind fort: in Spanien, Italien, Norwegen, Deutschland, den USA. Jorges Mutter Matilde sitzt auf dem Sofa ihres Häuschens am Stadtrand von Guayaquil, ruhig und rund wie eine Buddha-Statue, himmelblaue Augen, Schweißperlen auf der Stirn. Alle halbe Stunde fällt der Ventilator aus. "Heute ist der Strom wieder sehr schwach", seufzt sie. Dann macht sich die Hitze breit wie eine fette Diva in Matildes kleinem Wohnzimmer.

Sie habe keines ihrer Kinder versucht zu halten, sagt sie. Warum auch? "Hier haben sie keine Perspektive." Sie erlebt es doch an Miguel, ihrem ältesten Sohn. Der ist Laborant und verdient fünf Dollar am Tag. "Wie soll man damit eine Familie ernähren?"

Der Lohn der Arbeit

Miguel hat drei Kinder, zwei studieren. Damit gehört die Familie zur Elite des Landes. Aber sie hausen in zwei Zimmern ohne Strom und Wasser. Miguel nimmt jeden zusätzlichen Job an: Erntehelfer, Brathähnchen ausfahren, was gerade kommt. Sein 20 Jahre alter Chevrolet ist so rostig, dass nicht klar ist, was zuerst durchbrechen wird, der Fußboden oder der Fahrersitz, ein alter Gartenstuhl, den er als Ersatz festgeschraubt hat. Miguel würde liebend gern den nächsten Flieger nach Deutschland nehmen. Aber das geht nicht mehr. Die Schlupflöcher nach Europa sind inzwischen dicht. Ohne Visum keine Flugtickets.

In Anas Heimatstadt Milagro, in einer ruhigen Seitenstraße, steht das Ergebnis zwölf deutscher Arbeitsjahre, in Beton gegossen, ein Bauwerk für die Ewigkeit, gegen das die Hütten ringsum noch klappriger und die Straßen aus festgestampftem Lehm noch ärmlicher aussehen - das Haus, für das sich Carmen krummgeschuftet hat.

Carmen hat es nie gesehen. Also filmt ihr jüngster Sohn es mit einer Videokamera. Die Mutter soll wissen, wie prächtig es geworden ist. Die üppigen Säulen, die den breiten Balkon tragen, die kunstvolle Balustrade aus schlanken Betonschwänen. Er geht durch das Haus, in dem er mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen wohnen darf, und nimmt jedes Detail auf: die ausladende Treppe, die glänzenden Fliesen, die Duschen, den Kühlschrank, die Waschmaschine, den stets plappernden Fernseher, selbst die Toilette. Die Söhne spielen mit den Fernbedienungen und den Handys. Das Haus ist noch unverputzt, eine kahle Glühbirne hängt an der Decke. Carmen soll später mal im Erdgeschoss wohnen, wenn sie zurückkehrt. So war es all die Jahre geplant.

Tragisches Ende

Doch an einem Samstag im Sommer 2008 klagt die Großmutter in Deutschland über Kopfschmerzen. Abends, als sie Empanadas für die Familie vorbereitet, bricht sie zusammen. Ana ist in Panik und ruft den Pastor an. Eine Freundin alarmiert den Notarzt. Der fragt nach der Bezahlung, nicht nach Papieren. Der Pastor kümmert sich um alles. Die Ärzte in der Klinik diagnostizieren eine geplatzte Ader im Gehirn. Carmen stirbt, 52 Jahre und eine Woche alt. In den Sterbepapieren heißt es, man habe sie ohne festen Wohnsitz aufgefunden.

Zwei Wochen später wird die Leiche in ein Flugzeug nach Ecuador verladen, in einem Kiefernsarg, den der Bestatter vorsorglich in einen unauffälligen grauen Kunststoffbezug eingehüllt hat, "damit Fluggäste, die beim Verladen zufällig aus dem Fenster schauen, nicht irritiert sind". Die bürokratische Abwicklung ging reibungslos. Carmen, die es bis dahin gar nicht gab, verschwindet so diskret und lautlos, wie sie gekommen war - versehen mit drei amtlichen Siegeln, außerdem mit einem Totenschein, einer Sterbeurkunde und einem "internationalen Leichenpass", in dem ihr wirklicher Name und ihr Geburts- und Sterbedatum verzeichnet sind. Es ist Carmens erstes deutsches Ausweispapier.

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