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Indien: Tödlicher Kampf um heilige Brücke

In Indien tobt ein erbitterter Kampf zwischen kühl kalkulierenden Ökonomen und Gläubigen. Der Grund: Ein göttliches Bauwerk soll zerstört werden, die Brücke von Lord Ram. Mit Lynch-Aktionen und Brandanschlägen versuchen die aufgebrachten Hindus die Pläne der Regierung zu durchkreuzen.

Von Teja Fiedler, Mumbai

Der Mob stoppte den Bus aus Tamil Nadu am Stadtrand von Bangalore. Erst flogen Steine, dann eine Petroleumkanne. Der Bus stand sofort in Flammen, die meisten der 28 Passagiere stürzten panisch ins Freie. Zwei Männer schafften es nicht. Sie hatten wahrscheinlich geschlafen und verbrannten bis zur Unkenntlichkeit. Der Grund für die Lynch-Aktion: Der Bus kam aus dem indischen Bundesstaat, in dem nach Ansicht der fanatisierten Menge ein göttliches Bauwerk zerstört werden soll: die Brücke von Lord Ram.

Die grausige Vergeltung für ein vermeintliches Sakrileg hat einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund. Eine Meeresstraße von nur ein bis zehn Metern Tiefe trennt die Südspitze Indiens von der Insel Sri Lanka. Sie ist ein lästiges Hindernis für die Seefahrt - um von der indischen Westküste an die Ostküste zu kommen, müssen die Schiffe außen um Sri Lanka herum. Seit Jahren gibt es Pläne der indischen Regierung, in das Flachwasser einen Kanal zu baggern, der die Strecke um über 600 Kilometer und mindestens einen Tag verkürzen würde.

Mit Hilfe der Armee des Affengottes

Doch dieser Plan droht zu scheitern. Denn er würde die Brücke von Lord Ram, einer der wichtigsten Figuren hinduistischer Mythologie durchschneiden. Was nüchterne Ingenieure als eine Kette von Sandbänken sehen, die in dem flachen Meer über fast fünfzig Kilometer von Indien bis Sri Lanka reicht, ist für die Gläubigen eine Brücke, die Halbgott Ram vor ein paar tausend Jahren mit der Hilfe der Armee des Affengottes baute, um seine entführte Frau aus den Händen des Königs von Sri Lanka zu befreien. So steht es in dem 27 000 Verse langen Ramayana-Gedicht, einem indischen National-Epos, geschrieben irgendwann zwischen 600 v. Chr. und 200 n. Chr.

Die Kanalgegner zogen im Namen Rams vor Gericht und da machte das Nationale Institut für Archäologie einen entscheidenden Fehler. Es attestierte zur Verteidigung des Projekts nicht nur, dass es keinen Beweis dafür gebe, die Sandbankkette sei Rams Werk. Zwei unselige Gutachter gingen so weit zu bescheinigen, es gebe auch keinen Beweis für die Existenz von Lord Ram. Das war zuviel für die gläubige Hinduseele. Ein führender Oppositionspolitiker der nationalistischen - stark hinduistisch geprägten - BJP Partei, donnerte: "Ram ist so real wie der Himalaya und der Ganges." Ein Land geriet in Aufruhr. M. Karunanidhi, Ministerpräsident des Bundesstaats Tamil Nadu, bekennender Atheist und Befürworter des Kanals, goss noch Öl ins Feuer: "Soviel ich weiß, hatte euer Ram kein Ingenieurs-Diplom, außerdem war er ein Trinker, das kann man im Ramayana-Epos nachlesen."

Rams Brücke ein besonderer Ort

Die Empörung wuchs. Religiöse Eiferer in Bangalore verübten auf das Haus der Tochter des Ministerpräsidenten, die in der IT-Metropole wohnt, einen Brandanschlag, der zum Glück nur Sachschaden anrichtete. Wenig später kam es zum Angriff auf den Bus. "Das ist typisch für diese Ram-Fanatiker", konterte Karunanidhi und bekräftigte noch einmal, dass es einer Meinung nach keinen Beweis für einen historischen Ram gebe. Das trug ihm Todesdrohungen ein. Ein spiritueller Leiter der Ram-Verehrer forderte am vergangenen Sonnabend seine Anhänger auf, den Ministerpräsidenten zu enthaupten: "Wer den Kopf von Karunanidhi bringt, würde in Gold aufgewogen." Und der Vorsitzende des Verbands der Briefmarkenhändler von Agra (dort steht das berühmte Tadsch Mahal) setzte am vergangenen Sonnabend eine Belohnung von 100 000 Rupien, knapp 2000 Euro, sowie einem Baugrundstück auf den Kopf des Politikers aus.

Auch die anderen großen Religionen Indiens mischten sich ein. Christen und Moslems - sonst den Hindus gegenüber eher kritisch eingestellt - verurteilten gleichermaßen die Ausfälle des atheistischen Ministerpräsidenten als respektlos gegenüber religiösen Werten und Glaubenssätzen. Die Moslems umso mehr, als auch nach ihrer Überlieferung Rams Brücke ein besonderer Ort ist. Zwar nicht das Werk des Hindu Gottes, sondern die Brücke über die Stammvater Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies wandelte. Sonia Gandhi, die Führerin der regierenden Kongresspartei, sah den ausufernden Religionskrieg von Anfang an mit Unbehagen. Karunanidhis Partei ist Koalitionspartner. Und als gebürtige Italienerin muss sie sich sowieso stets vorhalten lassen, die indische Seele nicht zu kennen. Die Angriffsflächen für die oppositionellen Nationalisten erschienen ihr zu groß. Sie zog die Notbremse.

Das Gutachten der Archäologen wurde zu einem von niemandem autorisierten Machwerk erklärt und zurückgezogen. Die beiden Autoren wurden ihrer Ämter enthoben. In den kommenden Wochen wird dem Gericht eine neue Fassung übergeben. Darin soll zwar die Notwendigkeit des Kanals bekräftigt, die heikle Frage um die Entstehung der Sandbänke und die Existenz des wundertätigen Lord Ram jedoch ausgeklammert werden.

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