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Indische Journalistin "Wir haben eine Kultur der Vergewaltigung"


Die preisgekrönte indische Journalistin Tongam Rina über sexuelle Gewalt in ihrem Land und warum sie glaubt, dass sich auch nach den Todesurteilen gegen die fünf Vergewaltiger nichts ändern wird.

Frau Rina, was halten Sie von den Todesurteilen gegen die vier Vergewaltiger?
Als Gegnerin der Todesstrafe unterstütze ich das Urteil nicht.

Wie hätten Sie geurteilt?


Ich hätte die Täter lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt.

Auch den 17-Jährigen, der unter den Tätern war und kürzlich zu drei Jahren Haft verurteilt worden ist?


Ja, auch ihn. In meinen Augen ist ein 17-Jähriger erwachsen und kein Kind mehr.

In Deutschland wäre der Teenager nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. Das Urteil wäre unter Umständen ähnlich ausgefallen.


Mag schon sein, aber in Indien, wo Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind, setzt dieses Urteil ein falsches Signal.

Wird sich nach dem Urteil in Indien etwas ändern?
Das glaube ich nicht. Wenn sich die Aufregung gelegt hat, wird es weiter gehen wie bisher. Die Vergewaltiger sind meiner Ansicht nach auch nur so hart bestraft worden, weil die Weltöffentlichkeit das Urteil erwartete. Auch davor gab es Vergewaltigungen, aber niemand redete groß darüber.

Warum ist das so?


In Indien gibt es eine Kultur der Vergewaltigung, die in der Gesellschaft tief verwurzelt ist. Mädchen und Frauen sind nichts wert, dürfen nicht über sich entscheiden, also sind sie Freiwild. Angeblich wird alle 20 Minuten in Indien eine Frau vergewaltigt. Und ich glaube, dass die Dunkelziffer noch höher ist. Denn selbst wenn es zur Anzeige kommt, arbeitet die Justiz sehr langsam, sodass die Täter sich in Sicherheit wiegen.

Wenn im Kino Vergewaltigungsszenen gezeigt werden, soll das Publikum angeblich sogar aufstehen und klatschen.


Die indische Filmindustrie glorifiziert Gewalt gegen Frauen und trägt ebenfalls zu dieser Vergewaltigungskultur bei. Sexismus ist in Indien allgegenwärtig. Es ist nicht ungewöhnlich, das in Indiens Straßen Männer sitzen, die sich in aller Öffentlichkeit selbst befriedigen.

Und niemand kümmert sich darum?


Niemand kümmert sich darum.

Was muss in Indien geschehen, damit Frauen besser geschützt sind?
Ich bin ehrlich gesagt nicht besonders hoffnungsfroh, dass sich etwas ändert. Die ganze Mentalität müsste sich ändern. Selbst wenn die übrige Welt auf Indien schaut, wird sich nichts ändern. Das ist eine Sache von Generationen. Die Frauenverachtung ist einfach zu tief verwurzelt. Natürlich gibt es auch emanzipierte Frauen in Indien, aber sie sind in der Minderheit.

Das scheint sich in einem alten indischen Sprichwort zu spiegeln: "Eine Tochter großzuziehen ist als würde man Nachbars Garten wässern", heißt es. Frauen werden in Indien nicht nur häufig vergewaltigt. Sie werden zur Abtreibung gezwungen, wenn ihr ungeborenes Kind ein Mädchen ist. Jede Stunde wird eine Frau wegen ihrer Mitgift umgebracht. Es muss ein Fluch sein, in Indien als Frau zu leben.


Das kann man wohl so sagen. Und der beginnt schon in der Gebärmutter. Es ist reine Glücksache, ob ein Mädchen auf die Welt kommt oder nicht. Die meisten Eltern wollen kein Mädchen als Kind. Wir leben in einer sehr frauenfeindlichen Gesellschaft, in der kaum Platz ist für Frauen. Es gibt nur wenige Regionen, in denen Töchter bevorzugt werden.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich komme aus dem Nordwesten, wo die Frauen nicht so diskriminiert werden. Aber auch dort hat eine Frau ein Problem, wenn sie keinen Sohn gebiert. Dann hat ihr Mann das Recht, sich wieder zu verheiraten.

Sie leben seit fast einem Jahr in Deutschland ...
... und das ist kein Vergleich zu Indien. Ich kann hier als Frau auch nachts auf die Straße gehen. Eine völlig neue Erfahrung. In Indien muss ich immer vorsichtig sein. Muss genau überlegen, wann ich ausgehe und wohin. Klar, auch hier gibt es Gewalt gegen Frauen. Aber in Indien ist es nicht mal möglich, auf die Straße zu gehen, ohne belästigt zu werden.

Sie sind vor einem Jahr angeschossen worden. Ist der Täter inzwischen gefasst?
Es wurden drei Männer festgenommen. Trotzdem steht nicht fest, warum und von wem ich angeschossen wurde. Ich wollte gerade in die Redaktion, als der Mann auf mich schoss. Aber ich war eigentlich gerade an keiner heißen Geschichte dran. Der Täter war nicht maskiert. Das zeigt ebenfalls, dass Täter in Indien wenig Angst vor der Justiz haben. Ich habe wenig Hoffnung, dass mein eigener Fall geklärt wird.

Werden Sie zurückgehen nach Indien?


Natürlich. Deutschland ist ein wundervolles Land. Aber ich will zurück nach Indien, um wieder als Journalistin zu arbeiten.

Obwohl Sie Opfer eines Attentats wurden?


Ja. Als ich ein Teenager war, wollte ich Journalistin werden, um die Welt zu verändern. Inzwischen weiß ich, dass man die Welt nicht ändert. In Indien ist die Pressefreiheit zwar in der Verfassung festgeschrieben. In Wirklichkeit ist es schwer an Informationen zu kommen. Aber gerade das macht den Reiz aus. Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen, sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gibt es einen schöneren Beruf?

Interview: Kerstin Herrnkind

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