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Interview mit Lala Süsskind: "Es war ein Sauhaufen"

Die jüdische Gemeinde in Berlin will nach Jahren öffentlich ausgetragener interner Querelen endlich Ruhe und hofft auf die neue Vorsitzende Lala Süsskind. Zum ersten Mal seit 1948 wird damit eine Frau an der Spitze der Gemeinde stehen. Lala Süsskind sprach mit stern.de in ihrem Haus in Berlin.

Frau Süsskind, werden demnächst Bodyguards vor Ihrer Tür stehen?

Nein. Das würde ich gar nicht wollen. Aber ich werde, wenn ich Mitte Januar als Vorsitzende gewählt werde, ein Auto mit Chauffeur haben. Das war schon immer mein Kindertraum. Dafür werde ich aber auch mächtig arbeiten müssen. Das ist ein Fulltime-Job.

Die Berliner Gemeinde hat in den vergangenen Jahren vor allem mit Skandalen, Mobbing und Intrigen von sich reden gemacht.

Das stimmt. Ich gebe zu, es war ein absoluter Sauhaufen. Mord und Totschlag ist erwartet worden in unseren Versammlungen. Und das haben wir auch immer geliefert. Da waren wir wirklich gut. Alle beschimpften sich gegenseitig. Das muss jetzt endlich mal ein Ende haben.

Sie werden als künftige Vorsitzende ein Unternehmen mit 400 Angestellten und einem Jahresetat von 25 Millionen führen müssen. Keine leichte Aufgabe. Und schon wieder ist die Wahl angefochten worden von der Verlierertruppe in der jüdischen Gemeinde. Noch mal Sauhaufen?

Ich bin ziemlich sicher, dass die Wahlanfechtung - Begründung etwa: unlauterer Wettbewerb - nicht durchkommt. Eine Neuwahl würde uns etwa 40.000 Euro kosten. Das Geld haben wir nicht.

Sie duzen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und sind als langjährige ehemalige Präsidentin der WIZO (Womens International Zionist Organisation) gut vernetzt in der Öffentlichkeit. Welches Image hat der Job einer Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Berlin?

Ich hoffe, ein gutes. Außerdem werde ich unterstützt von Alexander Brenner. Der Mann war mal Vorsitzender der Gemeinde. Er spricht Russisch. Er hat, als Einzelperson, bei der Wahl die meisten Stimmen bekommen. Er hat einen guten Ruf. Er ist unsere ganz wichtige graue Eminenz.

Heinz Galinski, der langjährige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, der 1992 starb, hat sich einmal beklagt, dass Juden in Deutschland bei allen möglichen Fragen eine moralische Oberhoheit zugeschrieben wird. Er wundere sich, sagte er, dass er noch nicht zu der Frage von Fluch und Segen von Kondomen vernommen worden sei. Sehen Sie das Judentum als moralische Instanz?

Ja. Aber nur für uns Juden.

Sie hatten auch Michel Friedman gefragt, ob er Chef der Berliner Gemeinde werden wolle?

Ja. Der wollte nicht. Leider. Auch Stephan Kramer, der 39-jährige Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, steht leider nicht zur Verfügung.

Stephan Kramer ist indirekt vorgeworfen worden, er könne als Konvertit nicht gleich ein so verantwortungsvolles Amt ausüben. Was halten die geborenen Juden von Konvertiten?

Sehr viel. Nach jüdischer Tradition sind Konvertiten besonders zu respektieren, weil sie es freiwillig auf sich nehmen, die 635 jüdischen Ge- und Verbote unseres Glaubens einzuhalten.

Die Berliner jüdische Gemeinde hat circa 11.000 Mitglieder. 80 Prozent davon sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Das Amt des Berliner Vorsitzenden sei, schreibt die "Süddeutsche Zeitung", der "schwierigste Job im jüdischen Deutschland". Sprechen Sie Russisch?

Wenig. Aber ich kann Polnisch und Jiddisch. Natürlich wird das alles nicht einfach. Wir müssen Schulden abbauen, mehr als eine Million Euro, es gibt immense Bildungs- und Sozialaufgaben, und die Integration der Zuwanderer muss vorangetrieben werden. Vor allem aber müssen wir einen anderen Umgangston miteinander finden...

... nicht so einen stalinistischen, wie das Ihr Vorgänger Albert Meyer mal genannt hat?

Richtig. Denn wir sind dankbar über den Zuzug der Neuen. Ohne die Zuwanderer wäre die deutsche jüdische Gemeinde einfach irgendwann weggestorben. Und am Ende stünden wir da wie in der DDR: Der Letzte macht das Licht aus. Unsere neuen Mitglieder hingegen sind ein Segen: Sie sind bildungsorientiert und aufstiegswillig. Und wie! Ich kenne Familien, da möchte ich die Mütter manchmal schütteln und sagen: Schick das Kind doch nicht immer nur zum Lernen. Lass es auch mal spielen.

Die israelische Regierung hat kürzlich eine verwunderliche Aktion angekündigt: Man wolle Gesandte nach Deutschland schicken, um den ehemaligen sowjetischen Juden klarzumachen: Euer Platz ist in Israel, nicht in Deutschland. Dies, um der gefährlichen Assimilation hierzulande entgegenzuwirken. Was halten Sie davon?

Das lassen wir gelassen auf uns zukommen. Wenn es Leute gibt, die nach Israel gehen wollen - bitte. Und was die Assimilation angeht: Wir geben uns große Mühe, den Neuen, die ihr Judentum in der Ex-Sowjetunion nicht leben durften, jüdisches Alltagsleben beizubringen. Wenn sie dennoch nicht-jüdische Ehepartner wählen, ist das ihre Entscheidung. Aber die Israelis sollten besser in Amerika anfangen. Dort ist die Zahl der Mischehen sehr hoch.

Welches Verhältnis haben Sie zu Israel?

Israel ist mein Staat, und Berlin ist meine Stadt. Ich würde nie sagen: Mein Staat ist Deutschland. Ich bin 1946 in Niederschlesien geboren, das war da schon polnisch. Meine Familie kommt aus Polen und aus Weißrussland. Ich habe einen österreichischen Pass, weil mein Mann Österreicher ist. Auch meine Kinder haben einen österreichischen Pass. Ich bin für ein starkes Israel, denn das garantiert mir ein ruhiges Leben in Berlin. Aber ich muss nicht nach Israel auswandern. Es gibt gute Gründe, in Berlin zu bleiben. Aber, wie gesagt: Mein Staat im Herzen ist Israel. Deshalb fühle ich mich auch nicht antisemitisch ausgegrenzt, wenn mich jemand als eine in Berlin lebende Jüdin auf Israel anspricht. Ich habe da keine gespaltene Identität.

Die Berliner jüdische Gemeinde hat einen Etat von 25 Millionen Euro pro Jahr. 85 Prozent davon zahlt das Land Berlin. Der Historiker Julius Schoeps, der verärgert aus der Gemeinde ausgetreten ist, hält das für überfinanziert. Gleichzeitig monierte er eine schlampige interne Kontrolle der Finanzen. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Wir haben Schulen, Kindergärten etc. zu unterhalten und, wie gesagt, immense Integrationsleistungen zu bewältigen. Was die mangelnde Kontrolle betrifft - da hat Julius Schoeps recht. Deshalb wollen wir ein Controlling-System einführen.

Was erwarten Sie vom Berliner Senat und fühlen Sie sich materiell und politisch ausreichend unterstützt?

Ja. Aber die Beziehungen können durchaus noch verbessert werden. Da sind wir auf einem guten Weg.

Interview: Gerda-Marie Schönfeld