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Inzest-Fall Amstetten: Nichts deutete auf Gefangenschaft hin

Fassungslosigkeit herrscht unter den Ärzten, die die Familie des Inzest-Vaters Josef F. behandeln. Nichts habe zu Anfang auf die ungeheuerliche Tragödie hingedeutet, sagte Chefarzt Albert Reiter stern.de. So habe Josef F. seine 19-jährige Inzest-Tochter im Krankenhaus regelmäßig besucht und den fürsorglichen Großvater gegeben.

Von Malte Arnsperger und Katharina Schönwitz, Amstetten

"Ich bin seit 31 Jahren Arzt. Aber so einen Fall habe ich noch nie erlebt." Albert Reiter steht im Schockraum der Notaufnahme des Krankenhauses in Amstetten. Neben ihm befindet sich die Pritsche, auf der er Kerstin F. behandelt hat. Am 19. April war die Tochter aus der inzestuösen Beziehung von Josef F. und dessen Tochter Elisabeth in die Notfallambulanz eingeliefert worden. Sie kam direkt zu Reiter, dem Chefarzt der Intensivabteilung.

Es war ein Notfall. Kerstin sei bewusstlos gewesen und habe aufgrund schwerster Krämpfe unter akuter Atemnot gelitten, sagt Reiter stern.de. Zudem habe sie sich in ihren Krämpfen auf die Lippen gebissen und stark geblutet. Seit der Einlieferung liegt Kerstin F. im Koma und wird künstlich beatmet. Die 19-Jährige schwebe immer noch in Lebensgefahr. "Kerstin befindet sich in kritischem Zustand, und wir können nur hoffen, dass wir sie durchbringen", sagt Reiter. Eine Prognose sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich.

Dem Arzt fehlen die Worte

Kerstin ist die das erste Kind des Inzest-Vaters Josef und seiner Tochter Elisabeth. Während Kerstin um ihr Leben kämpft, wird ihre Mutter, die heute 42-jährige Elisabeth, mit ihren fünf weiteren Kindern und ihrer Mutter Rosemarie in einem psychiatrischen Krankenhaus in Amstetten behandelt. Der verantwortliche Arzt Berthold Kepplinger äußerte sich besorgt über den Zustand seiner Patienten. "Die psychische Verletzung ist gravierend. Was diese Leute erlebt haben, kann man nicht in Worte fassen", sagte er stern.de.

Zusammen mit Kerstin und zwei Brüdern, einem heute 18-Jährigen sowie einem heute fünfjährigen Jungen, lebte Elisabeth im Keller des Hauses in Amstetten. Zur gleichen Zeit lebten drei weitere ihrer Kinder über ihr im Haus von Josef F. Zwei der "Kellerkinder" sind mit den drei "Tageslichtkindern", der Mutter und der Oma in einem abgesonderten Bereich der Psychiatrie untergebracht und werden psychologisch betreut, erzählt Kepplinger. Die sieben Personen, die sich bis vor zwei Tagen zum Teil noch nie gesehen haben, könnten problemlos miteinander kommunizieren, sagt Kepplinger. Auch die zwei "Kellerkinder", die keine Schule besuchten und wohl bis vor zwei Tagen ihr ganzes Leben unter Tage verbrachten, könnten sich artikulieren. "Sie können dies aber nur in einem sehr eingeschränkten Maß. Vor allem der ältere Sohn zeigt eine gewisse Retardierung", sagt Kepplinger.

Sie war ein Fall wie jeder andere

Über den geistigen Zustand von Kerstin F. ist dagegen noch nichts bekannt. Auch über ihre schlimme Vorgeschichte wusste der Intensivmediziner Reiter nichts, als sie vom Notarzt in sein Krankenhaus gebracht wurde. Zunächst ein Fall wie jeder andere. "Sie war zum Zeitpunkt der Einlieferung zwar bleich, aber das haben wir auf ihren hohen Blutverlust zurückgeführt. Ansonsten hat äußerlich nichts auf ihre jahrelange Gefangenschaft hingewiesen", berichtet Reiter. Doch der Mediziner wird schnell stutzig. Josef F., der sich als Großvater von Kerstin ausgibt, erzählt im Krankenhaus, er habe Kerstin an dem Morgen bewusstlos vor der Haustüre aufgefunden. Er habe den Notarzt gerufen. Das bewusstlose Mädchen habe er anschließend zur Erstversorgung in ein Zimmer gebracht, dass eigentlich für seine Tochter Elisabeth reserviert sei. Diese habe ihm nämlich versprochen, im Juni nach 24 Jahren zur Familie zurückzukehren. "Diese Geschichte fand ich schon mysteriös", sagt Reiter. Deshalb habe er den Fall der Polizei gemeldet.

Während die Polizei in den folgenden Tagen um Aufklärung bemüht ist, kümmerte sich Reiter um Kerstin. Doch nicht nur der Arzt, auch Josef F. saß fast jeden Tag an dem Krankenbett des bewusstlosen Mädchens, seiner Tochter Kerstin. "Herr F. war immer korrekt mir gegenüber, nichts sprach dagegen", sagt Reiter. Für den Arzt war Josef F. der liebende Großvater. Im Nachhinein schockierend ist für den Arzt die Tatsache, dass Josef F. eine Schwester von Kerstin ins Krankenhaus mitbrachte. "Beide Schwestern kannten sich ja gar nicht. Die jüngere Schwester hat den Zustand von Kerstin aber mit Fassung ertragen." Der angebliche Großvater hatte sogar extra einen Brief mitgebracht, aus dem Elisabeth ein Teil der Krankheitsgeschichte von Kerstin schildert. "Die Mutter forderte außerdem darin, sich liebevoll um ihre Tochter zu kümmern und sprach Kerstin Kraft zu."

Doch die Muttergefühle von Elisabeth müssen so stark geworden sein, dass sie nach 24 Jahren die Kraft und den Mut fand, sich gegen ihren Vater durchzusetzen und aus dem Verlies zu gelangen. Zusammen mit ihrem Vater tauchte sie im Krankenhaus auf. Wegen der Anzeige des Arztes Reiter wurde dort Josef F. festgenommen. Erst danach kam das ganze Ausmaß des Grauens ans Licht.

Von:

Katharina Schönwitz und Malte Arnsperger