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Islam-Expertin Atmaca: Hat Mohammed wirklich Gewalt gepredigt und was bedeutet Dschihad?

Die Publizistin Sabatina James wirft dem Islam vor, eine gewalttätige Religion zu sein. Stimmt das? Und was sagt der Koran über den Dschihad und die Scharia? Islam-Expertin Nushin Atmaca aus Berlin gibt Auskunft.

Ein Gastbeitrag von Nushin Atmaca

Al Arabun-Wallfahrt

Al Arabun-Wallfahrt der Schiiten im irakischen Karbala: Die meisten Muslime passen ihren Glauben den alltäglichen Herausforderungen des Lebens an

Die grundsätzliche Frage, ob der Koran im historischen Kontext oder - und das wäre die fundamentalistische Auslegung - wortwörtlich ausgelegt werden sollte, dominiert viele Diskussionen innerhalb des, aber auch über den Islam. Dabei passt die große Mehrheit der Muslime ihren Glauben den alltäglichen Herausforderungen ihres Lebens an.

Nushin Atmaca

Nushin Atmaca ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet als Assistentin der Direktion am Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin. Das ZMO befasst sich unter anderem mit islamisch geprägten Gesellschaften sowie deren Beziehungen mit nicht-islamischen Nachbarregionen.


Vor diesem Hintergrund lässt sich zur Gewaltanwendung folgendes sagen: Dass Mohammed Gewalt gegenüber Gegnern angewandt hat, lässt sich nicht bestreiten. Aus heutiger Zeit mag diese Gewalt unverhältnismäßig erscheinen, betrachtet man sie im historischen Kontext - 7. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel - war sie es nicht. Für viele Muslime spielt daher die Frage, wie Mohammed sich als Vorbild in der heutigen Zeit verhalten würde, eine wichtige Rolle. Das Verhalten, das vor rund 1400 Jahren als vorbildhaft galt - darunter die (rechtliche) Besserstellung der Frau im Vergleich zur vorislamischen Zeit - würde heute nicht mehr eins-zu-eins als nachahmenswert gelten, da sich die gesellschaftlichen Umstände in den islamischen Ländern genau wie in der westlich geprägten Welt im Laufe der Geschichte, und nicht zuletzt unter dem Einfluss von Moderne und Globalisierung, grundlegend verändert haben. Vielmehr geht es daher um die Frage nach der Bedeutung und "Übersetzung" der islamischen Lehren in die heutige Zeit. Darin unterscheidet sich das Christentum nur wenig vom Islam.


Denn genauso wenig wie Jesus das Christentum konzipiert hat, hat Mohammed den Islam konzipiert. Nach islamischer Glaubenslehre hat Mohammed eine Offenbarung von Gott erhalten. Als zweite religiöse Quelle neben dem Koran dienen die Überlieferungen Mohammeds, in denen seine Aussagen und Taten festgehalten wurden. Aus diesen beiden Quellen wurden theologische und rechtliche Konzepte entwickelt, die den Islam teilweise bis heute prägen. Es sind Konzepte, die von Menschen entwickelt worden sind - meist von Männern - die sich ihrerseits in ihrem jeweiligen intellektuellen, sozialen und historischen Umfeld bewegt haben und deren Lebenswelten sich in den von ihnen entwickelten Konzepten widerspiegeln.
Die Herangehensweise von Sabatina James, die zweifellos Schlimmes erlebt hat, einzelne Koranstellen herauszupicken und in ihrer wortwörtlichen Auslegung als Anklage gegen den Islam zu erheben, halte ich für kontraproduktiv. Es ist immer wieder wichtig, darauf hinzuweisen, dass es gewaltsame, diskriminierende Textpassagen in jeder Religion gibt. Diese wortwörtlich zu interpretieren, wie es Frau James tut - und wie es im Übrigen auch radikale Muslime tun - trägt nicht zu einem kritischen Dialog bei.

Gewalt im Koran

Mohammed hat keine Gewalt gelehrt. Gerade zu Beginn des Islam, als Mohammed und die junge muslimische Gemeinde noch in Mekka lebten, waren sie verbalen und körperlichen Angriffen der nicht-muslimischen mekkanischen Bevölkerung ausgesetzt, die sich durch die neue Religion bedroht fühlten. Deshalb wanderten Mohammed und seine Glaubensgemeinschaft nach Medina aus. Aus der medinensischen Zeit werden die meisten der zu Gewalt aufrufenden Verse stammen, auf die Frau James Bezug nimmt. Sie verweist dabei auf das sogenannte Abrogationsprinzip, das besagt, dass jüngere Koranverse ältere mit gleichem Thema aufheben - wie etwa beim Alkoholverbot, das durch zu unterschiedlichen Zeiten offenbarte Verse schrittweise eingeführt wurde. Das Abrogationsprinzip ist weitgehend anerkannt, aber nicht unumstritten. Wie Christen und Juden, deren heilige Bücher ebenfalls gewaltvolle Texte enthalten, verorten auch viele Muslime die Koranverse in der Zeit, in der sie entstanden sind, und versuchen, ihre Lehren in die heutige Zeit zu übertragen. Im Fall von Mohammed wurden die zur Gewalt gegen Andersgläubige aufrufenden Zeilen in einer Zeit offenbart, in der sich jüdische Stämme in Medina gegen Mohammed wandten. Deshalb können diese Verse auch auf eine bestimmte historische Situation bezogen werden, während Verse, die zu einem friedlichen Miteinander aufrufen, eher allgemeiner und damit möglicherweise auch allgemeingültigerer Natur sind. Diese kontextualisierende Art der Interpretation wurde bereits früh in der islamischen Religionslehre entwickelt. Darauf aufbauend lesen auch heute Muslime den Koran auf diese Art und Weise und befürworten daher das friedliche Miteinander der Religionen.

Dschihad

Der Dschihad zählt nicht zu den fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt). Er ist auch keine Verpflichtung für jeden einzelnen Muslim, sondern eine Pflicht der Gemeinschaft - und das nur in dem Fall, in dem ein dazu legitimiertes Oberhaupt den Dschihad deklariert. Für viele Gelehrte kann dieses Oberhaupt nur ein Kalif sein, ein Herrscher, der weltliche und religiöse Macht vereint, und nach Meinung der allermeisten Gelehrten gibt es derzeit - trotz des selbsternannten Kalifen des sogenannten Islamischen Staates - keinen Kalifen.
Dennoch ist der Dschihad wichtiger Bestandteil der islamischen Glaubenslehre. Allerdings aber nicht in der Art, wie er uns im Westen in den letzten Jahren vermittelt wurde, sondern als innere Anstrengung des Gläubigen, sein Herz zu reinigen, seine religiösen Pflichten zu erfüllen und sowohl nach innen als auch nach außen ein gottgefälliges Leben zu führen. Dieser sogenannte "größere Dschihad" (al Jihad al Akbar ) spielt in theologischen Konzepten und in der praktischen Lebensführung von Muslimen eine weitaus größere Rolle als der "kleinere Dschihad" (al Jihad al Saghir), der bewaffnete Kampf. Natürlich gibt es (organisierte) Gruppen von Muslimen, die dem bewaffneten Kampf eine zentrale Rolle zuschreiben; allerdings sind diese im Vergleich zur Anzahl der Muslime weltweit eine verschwindend geringe Gruppe.


Islamische Staatengemeinschaft

Mir ist nicht bekannt, dass die OIC (Organisation für Islamische Zusammenarbeit) Nicht-Muslimen ihr Menschsein abspricht. Die OIC ist eine internationale Organisation, die verschiedene Staaten zusammenbringt, die durch ihre islamisch geprägten Bevölkerungen einen gemeinsamen Nenner haben. Möglicherweise herrscht durch die Dominanz einiger konservativ ausgerichteter Golfstaaten - die Organisation hat ihren Sitz im saudi-arabischen Jeddah - ein sehr konservatives bis reaktionäres Islamverständnis vor. Tatsächlich wurde von der OIC im Jahre 1990 eine Menschenrechtserklärung verfasst, die die Scharia als Quelle, aber auch als Einschränkung der Menschenrechte sieht, was - sollte diese Erklärung umgesetzt werden - zu einer rechtlichen Diskriminierung von Nicht-Muslimen führen würde, die berechtigte Kritik nach sich ziehen würde.
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass viele Menschen in der islamischen Welt, unabhängig von ihrer Religion, heute unter Menschenrechtsverletzungen zu leiden haben. Ebenfalls zum Nachdenken anregen sollte folgendes: Von Beschlüssen, besonders denen von nicht demokratisch gewählten Regierenden, auf die Meinung des 'Volkes' zu schließen, würden wir uns in Europa verbitten. Warum gehen wir damit anders um, sobald es um Muslime geht? Ich widerspreche Frau James daher in diesem Punkt entschieden: Man kann vielleicht von einzelnen Fanatikern, und auf gesellschaftlicher Ebene, von einzelnen fanatischen Gruppen sprechen. Jedoch zu suggerieren, dieser Fanatismus sei in der Mitte der Muslime angekommen und gesellschaftsfähig, ist nicht nur sachlich falsch, sondern auch diffamierend und gefährlich.

Zwangsverheiratung

Zwangsverheiratungen sind durch nichts zu rechtfertigen. Obwohl im Rahmen einer islamischen Eheschließung die freiwillige Zustimmung beider Brautleute eine Grundvoraussetzung ist, so dass eine Zwangsheirat demnach nicht mit islamischen Vorstellungen vereinbar ist, sind es meist muslimische Familien, die mit diesem Brauch in Verbindung stehen. Diese Familien leben oft in patriarchalisch geprägten Strukturen, in denen die Kontrolle der Männer über ihre (weiblichen) Familienmitglieder sich in der Wahl der Ehepartner, aber auch in dem Wachen über das richtige moralische Verhalten der weiblichen Familienmitglieder widerspiegelt. Es ist also nicht die Religion, die diese Normen hervorruft, sondern es sind soziale Vorstellungen und Strukturen. Die Religion wird missbraucht, um eine patriarchale Tradition zu rechtfertigen. Frau James scheint in ihrer Argumentation daher Religion, soziale Praxis und Tradition gleichzusetzen. Dabei gibt es mit Sicherheit Islamisten, die sich klar und deutlich gegen Zwangsheiraten aussprechen würden, da das ihrem islamischen (Rechts-)Verständnis zuwiderlaufen würde. Traditionen werden oft durch religiöse Pflichten legitimiert, und diesem Fehler - Tradition und religiöse Vorstellung zu verwechseln - scheint Frau James ebenfalls aufzusitzen.

Scharia

Die "Gesetze der Scharia", von denen Frau James spricht, gibt es so nicht. Scharia gilt als göttliches Recht, welches neben rechtlichen auch moralische Aspekte umfasst, aber es gibt kein dementsprechendes Gesetzbuch. Im Gegenteil: Innerhalb des muslimischen Spektrums gibt es keine Einigkeit darüber, welche Regelungen unter die Scharia fallen, ob sie nur bestimmte Lebensbereiche mit einbezieht oder allumfassend ist. Im Übrigen denke ich nicht, dass man von einem flächendeckenden juristischen Parallelsystem sprechen kann, das "die Scharia" anwendet und somit bundesdeutsches Recht untergräbt, sondern von Einzelfällen - wobei hier auch die Frage gestellt werden müsste, ob es sich um die Durchsetzung von religiösem oder Gewohnheitsrecht handelt, um eine differenzierte Debatte führen und Ursachen für solche Entwicklungen erkennen zu können. Derartiges wird mit Sicherheit vorkommen, aber das von Frau James gezeichnete Szenario einer flächendeckenden Paralleljustiz ist nicht realistisch.

Apostasie

Es ist richtig, dass ehemalige Muslime, die sich vom Islam abgewandt haben, sowie heute sogenannte Islamkritiker, aber auch kritische muslimische Intellektuelle teilweise von radikalen Muslimen bedroht werden, von Menschen also, die davon ausgehen, dass der Abfall vom Glauben die Todesstrafe nach sich ziehen sollte. Es gibt diese Auffassung, aber sie ist sehr umstritten: Gelehrte des gesamten islamischen Spektrums, von liberal bis konservativ, lehnen die Todesstrafe bei Glaubensabfall ab, da nur Gott in dieser Hinsicht über den Menschen richten könne und dürfe. Diese Haltung scheint Mohammed vertreten zu haben, denn es wird davon ausgegangen, dass Apostaten zu seinen Lebzeiten nicht mit dem Tode bestraft worden sind. Im Koran selbst wird der Tod als Strafe für die Ablegung des Islam nicht erwähnt. Auf Staatenebene gibt es jedoch acht Länder, die für den Abfall vom Glauben die Todesstrafe verhängen (unter anderem Pakistan und Somalia). Diese Haltung mag sich historisch unter anderem daraus entwickelt haben, dass in der Frühzeit des Islam die Abwendung vom Islam für die muslimische Gemeinde eine politische Schwächung bedeutete.

Auch im Islam gibt es das Konzept des freien Willens. Gleichzeitig ist hier wie in vielen Religionen das Spannungsverhältnis von menschlichem freien Willen und göttlicher Allmacht ungelöst. Schon früh gab es in der islamischen Theologie eine Gruppe von Gelehrten, die aufgrund der Gerechtigkeit Gottes für die menschliche Selbstbestimmung argumentierte: Wie könne Gott gerecht sein, wenn er die Menschen für von ihm vorbestimmte Taten zur Rechenschaft ziehen würde?, fragten sich diese Theologen. Daher stimme ich Frau James' Aussage in diesem Punkt nicht zu. Es mag in vielen Ländern der islamischen Welt keine Möglichkeit des freien Willens und keine freien Entfaltungsmöglichkeiten geben, aber dies ist oftmals politischen und gesellschaftlichen Umständen geschuldet, unter denen Frauen und Minderheiten meist am stärksten leiden. Der Islam wird hier selektiv ausgelegt und teilweise als Legitimationsgrundlage für politische und gesellschaftliche Repressionen missbraucht.