HOME

Israel und Günter Grass: Duell der Erregten

Israels Einreiseverbot für Günter Grass ist genauso empörend wie das Gedicht selbst. Reden wir also fortan über Israel.

Ein Kommentar von Frank Thomsen

Günter Grass kann sich freuen. Sollen sie sich doch alle aufregen, diese gleichgeschalteten windelverweichlichten Journalisten, die sich erdreisten, ihn zu kritisieren. Sein Wort hat Gewicht! Und was für eines: Am Ostersonntag hat ihn Israel zur "Persona non grata" erklärt, zur unerwünschten Person. Und ihm, in Gestalt des israelischen Innenministers, noch so dies und das an den Kopf geworfen. Mit seinem "verqueren und lügnerischen Werk" fache er "das Feuer des Hasses" auf Israel an. Er führe fort, was er als Mitglied der Waffen-SS einst unterstützt habe.

Man kann sich vorstellen, wie das dem Dichter, der es gern dramatisch liebt, runtergeht: wie Öl. Er wird sich bestätigt sehen in all seiner Kritik an der Politik Israels. Und die israelische Regierung ist unklug genug, ihm diesen Triumph zu gönnen. Es ist die Reaktion sehr erregter Männer auf einen sehr erregten Mann.

Gelassenheit ist angebracht

Wie viel klüger wäre es gewesen, das Gedicht mit der Überschrift "Was gesagt werden muss" gelassen aufzunehmen. Die Welle der öffentlichen Empörung über Grass hatte doch schon fast Tsunami-Ausmaße. Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter.

Grass' Geschwurbel konnte man nicht zustimmen. Es erinnert in seiner Verstiegenheit und Unverfrorenheit an Sarrazin. Es war wohl kein Zufall, dass Grass ebenso wie Sarrazin sofort von der NPD vereinnahmt wurde. Die Autoren beider Werke betteln mit ihren Formulierungen geradezu um falsche Freunde auf Rechtsaußen.

Bei beiden weiß man nicht so genau, worum es ihnen in erster Linie geht: um die Sache, die sie anprangern, oder um sich selbst. Ihr Ego ist ihnen ganz sicher mindestens ebenso wichtig wie der Weltfriede oder die Rettung Deutschlands.

Reden wir über Politik

Im aktuellen Fall hatte Grass sich selbst erledigt. Und nun bringt ihn ausgerechnet Israel wieder zurück ins Spiel. Mit dem Einreiseverbot lenkt Israel die öffentliche Empörung weg von Grass, hin zu sich selbst.

Reden wir also fortan nicht mehr über Grass, sondern über Israel. Diskutieren wir, gern kritisch, die Rolle Israels im Konflikt mit den Palästinensern, die Politik der Regierung Netanjahu. Und reden wir über die globalen Gefahren, die in dem Konflikt zwischen Iran und Israel liegen. Hoffentlich bringt das mehr, als den Mann der letzten Tinte am Reisen zu hindern.