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IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn: Mit Pomp in den Abgrund

"DSK" gilt als ein Mann der Frauen. Aber alle Affären konnten dem Prachtexemplar der Kaviar-Linken nichts anhaben. Der Vergewaltigungsvorwurf kommt nun einem politischen Todesurteil gleich.

Von Florian Güßgen

Bislang war "DSK" ein Kürzel, das vor allem Franzosen und Weltfinanzexperten ein Begriff war. Seit Sonntag ist das anders: Dominique Strauss-Kahn, der französische Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat es binnen Stunden zu globaler Berühmtheit gebracht: Nicht als Mover und Shaker in der Griechenland-Krise, nicht als französischer Präsident in spe, sondern, ganz schnöde, als mutmaßlicher Krimineller, als mutmaßlicher Vergewaltiger. Die Story bietet alles, was ein globaler Reißer braucht: Ein mächtiger Franzose, ausgerechnet jener Mann, der für die Sozialisten den ungeliebten Bruni-Ehemann Nicolas Sarkozy aus dem Präsidentenpalast vertreiben sollte, wird bezichtigt, ein Zimmermädchen vergewaltigt zu haben. In einem New Yorker Luxushotel, in dem er angeblich über 3000 Dollar pro Nacht gezahlt hat. Kurz vor seinem Abflug wird Strauss-Kahn von Polizisten aus der Ersten Klasse eines startbereiten Fliegers gezogen. Ein großes Drama. Die Unschuldsvermutung erscheint geradezu zweitrangig, weil der alerte, gutaussehende 62-Jährige, obgleich verheiratet, einen Leumund als Schürzenjäger hat. Zu weit gegangen, mittags um eins. Eine Sensation. Der Mann scheint schon jetzt politisch tot - auch wenn er sich unschuldig bekennen will. Das Ende der Karriere eines durch und durch charismatischen Politiker steht unmittelbar bevor.

Ein Prachtexemplar der "Kaviar-Linken"

In Frankreich ist Strauss-Kahn seit zwei Jahrzehnten einer der Stars der politischen Szene. Die ist klein, man kennt sich, die Eliten sind, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, durch gemeinsame Zeiten an den Top-Universitäten eng miteinander verwoben. Und Strauss-Kahn gehörte dazu. Zwar ist er in der wichtigsten politischen Kaderschmiede, der Verwaltungshochschule ENA, der École Nationale d'Administration, am knallharten Auswahlverfahren gescheitert. Aber ansonsten hat er viele für die politische Sozialisation wichtige Stationen durchlaufen, an der Wirtschaftshochschule HEC studiert und an "Sciences Po", der Politik-Uni am noblen Boulevard St. Germain auf der linken Seite der Seine. Einen Abschluss hat er auch in Jura, promoviert hat er in Volkswirtschaft. Später wurde er Professor für Ökonomie, auch an "Sciences Po". Strauss-Kahn stammt aus einer jüdischen Familie, wurde im wohlhabenden Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren und wuchs in Marokko, Monaco und in Paris auf.

Der Sozialist ist das, was man in Frankreich als "Kaviar-Linken" bezeichnet, ein Mitglied der "Gauche Caviar": Er inszenierte sich als Anwalt der kleinen Leute, aber liebte gleichzeitig das Leben, das Geld und die Frauen. Er gilt als charmant, als gewinnend, als Verführer - und durchaus als Luxusgeschöpf. Das Linkssein à la Strauss-Kahn muss man sich leisten können. Als er 1995 die US-stämmige französische Starjournalistin Anne Sinclair heiratete - seine dritte Ehefrau - avancierte das Paar zum glamourösen Power-Couple. Erst kürzlich musste Strauss-Kahn herbe Kritik einstecken, weil er sich samt Frau in Paris im dicken Porsche zeigte. Vier Kinder hatte Strauss-Kahn schon gezeugt, bevor er Sinclair heiratete, Mittlerweile ist er mehrfacher Großvater. Politisch zeichnete sich der elegante Mann mit dem dunklen Teint durch eine pragmatische Nähe zur Wirtschaft aus.

Schwergewicht im Kabinett Jospin

Seit Mitte der 80er Jahre hatte Strauss-Kahn für die Sozialisten einen Sitz im französischen Parlament, der Nationalversammlung. Anfang der 90er Jahre brachte er es zum Minister für Industrie. Seine große Zeit begann allerdings erst 1997. Damals avancierte er als Finanzminister zu einem der Schwergewichte in der Regierung des damaligen sozialistischen Premiers Lionel Jospin. Strauss-Kahn bereitete die Einführung des Euro vor, privatisierte Staatsunternehmen und rief ein Programm zur Schaffung von 350.000 Arbeitsplätzen ins Leben. Es war ein bisschen so, als wäre Gerhard Schröder Wirtschaftsminister unter Rudolf Scharping gewesen - auch wenn das ein bisschen gemein gegenüber Jospin ist. Strauss-Kahn trat wegen einer Korruptionsaffäre zurück - später wurden alle Vorwürfe gegen ihn widerlegt.

Dass er das Zeug zu Höherem hat, daran hatte Strauss-Kahn selbst nie Zweifel. Dennoch unterlag er in der parteiinternen Vorausscheidung zur Präsidentschaftswahl 2007 Ségoléne Royal, die anschließend gegen Sarkozy verlor. Gerade Präsident, schickte Sarkozy den durchsetzungsstarken Wirtschaftsfachmann Strauss-Kahn Ende 2007 nach Washington auf den IWF-Chefposten. Einen Konkurrenten wurde er so vorerst los - und DSK würde, so die Hoffnung, dem in die Krise geratenen Währungsfonds wieder Leben einhauchen, Frankreich zur Ehr'. Das ist, glaubt man den Analysen der Finanzexperten, weitgehend gelungen: Dank Strauss-Kahn hat die Institution wieder an Gewicht gewonnen, ob während der globalen Finanzkrise oder nun, in jüngster Zeit, während der Krise des Euro-Raumes.

Ein Problem mit Frauen

Die Vorwürfe, er habe ein Problem mit Frauen - und zwar ein ernsthaftes - ist Strauss-Kahn dennoch nie losgeworden. Vor zwei Jahren wurde ihm schon 2008 eine Affäre mit einer IWF-Mitarbeiterin fast zum Verhängnis. Er habe sein Amt missbraucht, um der Geliebten Vorteile zu verschaffen, hieß es. Der Aufsichtsrat ließ den Vorfall untersuchen, rügte den Chef, der aber schließlich entlastet wurde. Die Mitarbeiterin ging - und dabei ließen es die IWF-Wächter dann auch bewenden. Als er sich entschuldigte, stand seine Frau an seiner Seite. Typisch DSK, hieß es damals. Seinen Ambitionen auf das Präsidentschaftsamt daheim in Frankreich schien das nicht zu schaden. Die großen und kleinen sexuellen Eskapaden passten ins Bild eines durch und durch lebensfrohen Politikers. In Frankreich gehört es dabei fast schon zum guten Ton, dass dem Präsidenten Liebesaffären nachgesagt werden. Der Seitensprung ist auf recht unverkrampfte Art und Weise Bestandteil der politischen Kultur. Von manchen Staatschefs, wie im Fall von Francois Mitterand, gibt es sogar Kinder als Belege, bei anderen reicht das Hörensagen gerne als Beweis. Medienthema war das lange Zeit nicht. Einen Aufruhr wie auf dieser Seite des Rheins im Fall Seehofer hätte es in Frankreich wohl kaum gegeben. Einen Tabubruch hatte jüngst erst "Bling-Bling-Präsident" Nicolas Sarkozy begangen, als er seine Virilität durch öffentliche Eroberung und vermeintliche Zähmung der Femme Fatale Carla Bruni unter Beweis stellte. In den vergangenen Wochen schien Sarkozy diese Form der "Body-Politics" mit den Gerüchten um eine Schwangerschaft Brunis auf eine neue Ebene zu hieven.

Verführer und Vergewaltiger?

Aber das ist Polit-Entertainment. Die Vorwürfe gegen Strauss-Kahn haben eine andere Qualität. Der Unterschied zwischen einem Verführer und einem Vergewaltiger ist erheblich - und bedeutet nicht nur eine mögliche Verurteilung in den USA, sondern das sichere politische Aus in Frankreich. "DSK. Out", titelte die Tageszeitung "La Liberation" am Montag. Wie groß der Schaden für den IWF ist, ist schwer abzusehen. Die Institution reagierte am Wochenende schnell und behauptete, dass sie, auch wenn der Chef in New York im Knast sitzt, handlungsfähig ist. Der Schaden für die französischen Sozialisten ist erheblich. DSK war der aussichtsreichste Bewerber, an Charisma können es mögliche Alternativen wie Parteichef Francois Hollande nicht mit ihm aufnehmen. Rätselhaft bleibt die psychologische Frage, warum ein Mann wie Strauss-Kahn, wenn es denn stimmt, am helllichten Samstagmittag gegen 13 Uhr, so eine Dummheit begeht - und meint, damit durchzukommen. Was für eine Hybris muss hier am Werke sein, was für eine Überzeugung, dass man ihm nichts anhaben könne? Was ist schon ein Zimmermädchen?

Auf Twitter jedenfalls werden schon eifrig Witze darüber gerissen, wie sehr sich Nicolas Sarkozy über den Sturz Strauss-Kahns freut, obgleich er sich öffentlich noch bedeckt hält. Ein Twitterer, der sich als Ex-US-Außenminister "Henry_Kissinger" ausgibt, ätzt: "Habe gerade im Elyséepalast mit Sarkozy gesprochen. Habe ihn nicht so glücklich gesehen, seitdem er seine neue 'La Playstation' gekriegt hat - was auch immer das ist."