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Jacky Duvall: "Ich bin eine Erscheinung, Schätzchen"

Sie war Deutschlands dickster Mensch - und nahm 130 Kilo ab. Sie ist ein Mann, fühlt sich aber als Frau. Jacky Duvall versteckt sich nicht. Im Gegenteil: Sie sehnt sich nach Ruhm.

Von Michael Streck

An diesem Morgen geht es Jacky gut. Keine dummen Gedanken, kein Frust, deutsche Schlager wummern durchs Fenster auf die Straße, die Nachbarn in Köln-Buchforst sollen hören, dass Jacky Duvall gute Laune hat. Am Fenster und überall in ihrem kreischpink gestrichenen Zimmer hängen rote, grüne, gelbe Lichterketten, und es kann vorkommen, dass vorbeiziehende Schulkinder laut fragen: "Ist das ein Puff hier?" Dann muss Jacky lachen, laut dröhnend, männlich. Ein Puff? Isses nicht köstlich? An diesem Morgen ruft Jacky ein Taxi, den Manfred, der kommt mit seinem schwarzen Passat-Kombi und kutschiert sie ums Eck für vier Euro fünfzig, gerade mal 500 Meter zur "Gelateria Gargano", in der alte Damen sitzen mit alten Hüten auf dem Kopf und dazwischen nun ein Trumm von Mensch, zwei Meter lang, 230 Kilogramm schwer, Schuhgröße 50, drei Nummern mehr als weiland Günther Netzers Latschen. Die Fingernägel rot lackiert, passend zum Schal, glitzernder Kunstschmuck an klobigen Fingern, die Lider weiß geschminkt, baumelnde Ohrringe, die leicht violett schimmernden Haare zur Tolle zurückgekämmt, ein bisschen wie Elvis: Jacky Duvall, früher Rüdiger R. Aber das war in einem anderen Leben. Rüdiger ist tot, Jacky lebt. Endlich lebt Jacky.

Die alten Damen im Café tuscheln nicht mal, Jacky, 37 Jahre alt, ist Stammgast, "Melonensorbet und ein Sektchen bitte". Sie erkundigen sich nach dem Befinden, "wunderbar, mein Liebchen, danke der Nachfrage". Sie mögen sich mal gewundert haben und haben vielleicht auch gelästert, es ist schließlich in dieser Ecke von Köln nicht eben alltäglich, dass ein Taxi vorfährt, aus dem ein Mensch entsteigt, lang wie ein Basketballspieler und dick wie ein Sumo-Ringer, der weder Mann noch Frau ist. Der laut ist und freundlich, kräftig und zickig. Diva und Matrone. Im Zirkus könnte die/der auftreten. Oder im Kabarett oder in einer Transen-Show. Sie drückt das selbst am besten aus: "Ich bin eine Erscheinung, Schätzchen."

Sollen sie glotzen

Jetzt erst mal das Sektchen und Sorbet. Es geht ihr gut, der Jacky, und wenn sie glotzen, die Leute, sollen sie glotzen, denn "in jedem von uns steckt ein Voyeur", und außerdem: "Ich stehe gern im Mittelpunkt." Und irgendwann, es kann nicht mehr lange dauern, wird Jacky auch kein Taxi und keinen Manfred mehr benötigen für die paar Schritte von der Wohnung ins Eiscafé, wenn erst mal der speziell für sie konzipierte Rollator da ist, "mein AOK-Chopper", und sie wieder gehen kann, wenigstens ein paar Hundert Meter. Das wäre noch so ein Schritt zurück ins Leben, das eigentlich schon vorüber war für Jacky Duvall, einst Deutschlands dickster Mensch mit verbürgten 362,5 Kilogramm Lebendgewicht. Das war vor zwei Jahren noch, auch ein anderes Leben, als sie vegetierte in einer kleinen Wohnung in einer Männer-WG "mit dem Hubert und dem Andreas". Fast vier Jahre lang bewegte sich Jacky damals nicht aus ihrer Wohnung; nicht, weil sie nicht wollte. Sie konnte nicht. Lag auf dem Bett, neben sich die Fernbedienung für Stereoanlage und Fernseher, der ihr Band mit der Welt da draußen war. Sie nennt die Wohnung rückblickend "meinen goldenen Käfig" oder auch meine "Festung". Manchmal schaute sie aus dem Fenster, aber meistens lag sie auf dem Bett, und wenn sie aufstand, ging der Weg meist schnurstracks zum Kühlschrank. Sein Inhalt war Jackys Lebensinhalt. "Ich fraß, ich war fresssüchtig, ich fraß wie eine Maschine." Morgens, mittags, abends. Kuchen, Koteletts, Mohrenköpfe, Sahne. Manchmal sprühte sie sich Sahne direkt in den Mund, wenn die Sucht sich meldete, und die Sucht meldete sich oft. Sie fraß aus Langeweile, aus Kummer, aus Frust. Der Westdeutsche Rundfunk hat Jacky in dieser Zeit begleitet, drei Jahre lang, und schon zwei wunderbar behutsame Dokumentationen über sie ausgestrahlt. Gerade lief nun ein dritter Teil "Jacky und die süße Gier" (22.45 Uhr im WDR), der von Jackys Rückkehr ins Leben handelt. Von der Gier, von der Lust, von der Last, dick zu sein und transsexuell.

Jacky Duvall lebte und lebt in gleich zwei falschen Körpern. In jenem aus Speck, angefuttert in knapp 20 Jahren. Und in jenem eines Mannes, obschon sie schon als Kind ahnte, dass sie kein Rüdiger ist, sondern ein Mädchen. Wenn die Mutter aus dem Haus war, schlüpfte Rüdiger R. in ihre Klamotten, Strumpfhosen und Schuhe. Er wurde erwischt, und wahrscheinlich begann in diesem Moment der Kreislauf aus Verstecken, Verdrängen, Verleugnen. Ein schwules oder transsexuelles Kind passt nicht in die kleine Welt von Wesel am Niederrhein, was sollen die Nachbarn denken? "Ich war", sagt Jacky, "immer das schwarze Schaf der Familie." Die Eltern trennen sich, da ist Rüdiger 14, sein Bruder und seine Schwester bleiben bei der Mutter, er geht mit dem Vater. Noch heute wissen die wenigsten in Wesel, dass Familie R. eigentlich drei Kinder hatte. Noch heute weigert sich die Mutter, Jacky als Jacky zu akzeptieren. Der Kontakt ist abgebrochen.

Rüdiger zieht mit dem Vater nach Andernach und Neuwied, schließlich nach Koblenz. Es ist der Beginn einer Odyssee. Streit, Schläge, Missbrauch. Einmal hält ihm sein Vater ein Gewehr auf die Brust, und Rüdiger sagt: "Drück doch ab, dann ist es endlich vorbei." Er kommt in ein Lehrlingsheim, beginnt eine Konditorlehre, und zuweilen, da ist er 16, 17 Jahre alt, geht er auf den Straßenstrich. Eines Tages öffnet er die Autotür eines Freiers, und drinnen sitzt sein Seniorchef, "die pädophile Sau", und das war es mit der Konditorlehre. Rüdiger/Jacky gerät in einen Strudel aus Prostitution und Drogen, und mit 18 beginnt er zu fressen. Er ist sexuell hin- und hergezogen. Ist er schwul? Ist er transsexuell? Er sucht Antworten und findet keine.

Er kracht durch den Bühnenboden

Er frisst, das ist sein Ventil. Steht zuweilen geschminkt und im Fummel in Klubs in Koblenz und Montabaur auf der Bühne, singt Schnulzen und kracht bei einem dieser Auftritte, da schon ordentlich korpulent, durch den Bühnenboden. Mitte der 90er Jahre kommt Rüdiger nach Köln, in diese liberale, fröhliche Stadt, und endlich, endlich darf der Rüdiger die Jacky sein. Jacky Duvall, das klingt so schön künstlerisch. Sie arbeitet in der Gastronomie, hat Affären, Liebschaften, Freier auch. Sie heiratet sogar, aber die Ehe mit einer Tschechin hält nicht lange. Jacky schluckt weibliche Hormone, "Zeugs unterm Ladentisch ohne medizinische Kontrolle", sie nimmt 50 Kilo zu und dann immer mehr und mehr. 230 Kilo, 270, 300, 330, am Ende wiegt sie 362,5 Kilogramm. Sie bekommt Thrombosen, "bestimmt 30 über die Jahre". Jacky, arbeitsunfähig, lebt unterdessen in dieser Wohngemeinschaft von einer kleinen Erwerbsminderungsrente. Das Zimmer wird zum Käfig, sie ist eine Gefangene ihres Körpers. Sie isst, schläft, glotzt Fernsehen, futtert. Bis sie in keine Klamotten mehr reinkommt und sie sich in Bettlaken wickelt. Bis sie nicht mehr aufs Klo passt und einen Blumenkübel benutzt. Bis sie sich ekelt vor ihrem Körper und ganz speziell vor ihren Beinen, die das Gewicht nicht tragen können, eine Dritteltonne Mensch. Die Venen kapitulieren, Zerfallsprodukte des Bluts lagern sich im Bindegewebe ab, lassen Entzündungen aufflammen, "Beine wie Krater", sagt sie. Ihre Wohnung in der ersten Etage kann sie so gut wie nicht mehr verlassen. Ihre Freunde, "der Hubert und der Andreas", versorgen sie - vor allem mit Essen. An schlechten Tagen verbarrikadiert sie sich in ihrem Käfig und klebt die Fenster mit Folie zu, an guten backt sie Torten, die sie im Alleingang verputzt. Jahre geht das so. "Das Leben", sagt sie, "zog an mir vorüber, und ich schaute zu."

Jacky hätte sich vermutlich inzwischen totgefressen, wenn ihr nicht Ulrike begegnet wäre. Die hatte sie im Fernsehen gesehen. Nach der ersten WDR-Dokumentation im Herbst 2005 stürzten sich nämlich die Privatsender auf Jacky. Es sind die üblichen Verdächtigen, und sie machen das Übliche aus Jackys Geschichte: eine Freakshow. Sie bringen Eissplittertorte, die sie vor laufenden Kameras verschlingen soll, und zwei Waagen, auf die sich Jacky stellen muss und die prompt unter dem Gewicht zerbeulen. Sie hetzen sie die Treppe hinunter, und Jacky - benebelt von so viel Aufmerksamkeit und ihrem ausgeprägten Drang zur Selbstdarstellung - macht alles mit, schnauft, schwitzt. Tags drauf bricht sie zusammen. Einen dieser Beiträge sieht Ulrike. Sie schreibt Jacky eine Karte, darauf steht "Gute Besserung". Jacky ruft sie an, sie lernen sich kennen und lieben.

Ulrike, könnte man meinen, lebt vielleicht auch im falschen Körper. Sie trägt das Haar kurz geschoren und kleidet sich wie ein Ulrich, Jacky nennt sie "mein Mann" oder wahlweise "Engel". Ulrike jedenfalls bringt erstmals Stabilität ins Leben der Jacky. Und wenn man sie fragt, was sie liebt an Jacky, antwortet sie: "Den Menschen." Ulrike recherchiert über Fettsucht. Es ist klar, dass bei Jacky mit einer Diät nichts zu schaffen ist. Sie suchen Ärzte auf und treffen Dr. Stefano Saad, einen Kölner Spezialisten für Magen-Bypässe. Er hat einen solchen Menschen noch nie gesehen, geschweige denn operiert, "250 Kilogramm war das schwerste". Doch Jacky ist noch mal eine andere Gewichtsklasse, Superschwergewicht. Und sie entschließt sich zur gleichermaßen lebenswichtigen wie lebensgefährlichen Operation, bei der ein Teil des oberen Magens mit einer Dünndarmschlinge verbunden und vom Restmagen getrennt wird. Am 22. Januar 2007 liegt sie in der Klinik in Köln-Merheim auf einem eigens angelieferten Schwerlasttisch, und Saad erinnert sich, dass er sich wie Kolumbus fühlte auf dem Ozean, "es war Neuland für das ganze Team". Alles geht gut.

Sie streiten sich, sie lieben sich

13 Monate später sitzt Jacky Duvall im Eiscafe in Köln-Buchforst. Sie hat 130 Kilogramm abgenommen und ist mit Ulrike zusammen in eine kleine Wohnung gezogen, 62 Quadratmeter, 475 Euro Miete. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie streiten sich, sie lieben sich. Mal sind sie zusammen, mal nennen sie ihr gemeinsames Leben auch nur "Wohngemeinschaft". Sie erwogen zeitweise auch zu heiraten, denn offiziell ist Jacky ja ein Mann und offiziell ist Ulrike eine Frau. Das Thema kommt und geht. Manchmal fragt man sich, wer wen mehr braucht in dieser Beziehung. Jacky hat es immer verstanden, Leute an sich zu binden, die ihr helfen. Vielleicht aber braucht sie in mittelbarer Zukunft ja gar keine Unterstützung mehr, und im tiefsten Herzen wissen beide wohl, dass dies eine Beziehung auf Zeit ist. Jacky ist auf gutem Weg, den ersten falschen Körper abzustreifen, es fehlen noch 80 Kilogramm. Das Fett schwindet, aber lässt sich auch Fresssucht wegoperieren?

Manfred mit dem Taxi fährt vor. Jacky muss zurück, weil am Nachmittag die Physiotherapeutin kommt zur Lymphdrainage an den geschwollenen Beinen. Sie liegt auf dem Bett und erzählt von ihren Träumen. Würde gern ins Fernsehen, "irgendwas mit Medien oder Werbung". Würde sich gern präsentieren, "das kann ich sehr gut". Wäre auf jeden Fall gern berühmt. Hätte gerne wieder Männer und Sex, "Sex ist noch so eine Sucht". Korpulenz und kopulieren schließen einander nicht aus, und das vermisst Jacky. Das mit Ulrike ist nämlich nur platonisch. Sie kann das sogar sagen vor der Ulrike, dem Engel. Ulrike hat dafür Verständnis. Ulrike hat immer für alles Verständnis. Jacky malt Bilder, die entfernt an bunte Orchideen erinnern und mit viel Fantasie an die weibliche Scham, und die Bilder nennt sie "wilde Lust" oder "geile Lust", aber daran ist momentan nicht zu denken, obschon Jacky die schönsten Typen hatte, wie sie sagt, Heteros fast ausnahmslos, die ihre Erfüllung darin fanden, sich befummeln zu lassen, selbst in der Phase, als Jacky aus allen Nähten platzte. Sie lacht wieder, laut, dröhnend und männlich. Isses nicht köstlich?

Irgendwann möchte Jacky auch den zweiten falschen Körper verlassen - mit einer Geschlechtsumwandlung. Das wird noch ein paar Jahre dauern, erst will sie ihr Fett wegbekommen. Und bis dahin wird sie Leuten, die sie immer noch fragen, ob sie Mann oder Frau ist, ihre Standardantwort geben: "Schätzchen, ich bin eine Frau. Nur mit einem verdammt großen Kitzler, okay?"

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