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Jahresrückblick 2011: Das große Schurkensterben

Bin Laden, Gaddafi, Kim Jong Il - die Liste der übelsten Verbrecher, Diktatoren und Unterdrücker ist deutlich kürzer geworden. Selten kostete ein Jahr so vielen Schurken Amt oder Leben.

Von Florian Güßgen

Wer weiß. Vielleicht gibt's irgendwo im Jenseits eine Bar, wo sie jetzt alle sitzen. In einer Ecke trinkt Osama bin Laden Tee mit Muammar al Gaddafi und unterhält sich gepflegt über die Zukunft des Terrorismus und der staatlichen Unterdrückung. An der Wand hängen vergilbte Porträts. Sie zeigen unter anderem Hitler, Stalin, Ceausescu oder Idi Amin.. Etwas abseits sitzt der Nordkoreaner Kim Jong Il, der gerade, kurz vor der Sperrstunde noch hineingeeilt ist und einen Johnnie Walker Swing geordert hat. Vielleicht unterhalten die Herren sich etwas später auch darüber, wie es wohl dem noch auf der Erde verweilenden Ägypter Husni Mubarak geht, dem Tunesier Ben Ali oder dem Jemeniten Saleh. Und bei der letzten Runde lassen sie Baschir al-Assad hochleben, bevor der gehörnte Beelzebub dann das Licht in der Kneipe ausmacht.

Die Tyrannendämmerung

2011 hat wie kein anderes in jüngerer Zeit einer Unmenge an Verbrechern, Despoten und Unterdrückern Amt oder Leben oder beides gekostet. Den Anfang machte der Tunesier Ben Ali, der noch im Januar vor seinem aufgebrachten Volk fliehen musste. Es folgte Husni Mubarak, der im Februar nach einigem denkwürdigen Zaudern zurücktrat. Anfang Mai erschoss eine Eliteeinheit der US-Navy-Seals dann im pakistanischen Abbottabad jenen Mann, der im vergangenen Jahrzehnt wie kein zweiter das Böse personifiziert hatte, zumindest im Westen: Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Im Oktober starb der libysche Tyrann Gaddafi, wurde von seinem eigenen Volk aus einem Wasserabflussrohr gezogen und von einem Mob wohl mehr oder minder hingerichtet. "You live by the sword, you die by the sword", heißt es im Englischen. Frei übersetzt bedeutet das: Wer mit Gewalt regiert, wird von Gewalt getötet. Das galt wohl auch für Gaddafi. Offenbar besser erwischte es Kim Jong Il, der Herrscher aus dem grauen, nordkoreanischen Reich, von dem man fast nichts weiß außer, dass es den Menschen dort in einem totalitären Regime denkbar schlecht geht. Genau weiß man nicht, wie Jong Il nun starb. Wahrscheinlich ist jedoch, dass es kein gewaltsamer Tod war. Vielleicht ist er, wie angegeben, tatsächlich in einem Bahnabteil gestorben.

Ist die Welt ohne diese Schurken an der Macht ein besserer Ort? Es kommt darauf an. Für einige arabische Länder, für Tunesien, für Libyen, für Ägypten, gilt das sicher. Zwar gehört Gewalt auch dort noch zum Alltag, wie die jüngsten Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo belegen, zwar liegen die Länder noch in den Geburtswehen wie auch immer gearteter neuer politischer Systeme. Zwar morden die Schergen Baschir al-Assads in Syrien nach wie vor und in Bahrain hält sich das Königshaus mit freundlicher Unterstützung der Saudis. Aber es ist allenthalben etwas in Bewegung geraten: die Unterdrückungssysteme, die die Autokraten personifizierten und personifizieren, bröckeln, zerfallen. Darunter wächst etwas, strebt ans Tageslicht. Vom Volkswillen zu sprechen, wäre übertrieben. Denn dazu ist es in vielerlei Hinsicht zu heterogen. Es ist wohl eher der Bürgerwille, der in den arabischen Staaten dem Tageslicht entgegenstrebt.

Die windige Rolle des Westens

Bei den anderen Herren, die sich da in der Schurkenbar im Jenseits tummeln, ist es mit den Lücken, die sie hinterlassen, etwas anders gelagert. Experten streiten trefflich darüber, ob etwa bin Laden in der Al-Kaida-Struktur jüngst operativ überhaupt noch eine Rolle spielte. Es war möglicherweise vor allem ein symbolischer Akt, dass die USA in diesem Jahr ihren Staatsfeind Nummer eins töteten, das Gesicht des Terrors. Und auch bei Kim Jong Il weiß man nicht genau, welche Auswirkungen sein Tod, vermeintlich im Zugabteil, denn nun haben wird. Der Sohn steht zur Nachfolge bereit, das ja, wie eine neue Edition der gruseligen Kim-Reihe. Aber tatsächlich weiß niemand genau, wie stabil das absurd abgeschottete nordkoreanische System denn nun wirklich ist - und ob es nach Kim Yong Ils Tod auch zu implodieren droht.

Der Westen präsentierte sich bei dem Schurkensterben 2011 durchaus janusköpfig. Denn das Problem war ja - und ist es zum Teil immer noch, dass die fiesesten Schurken lange als die besten Freunde galten, mit kleinen menschenrechtlichen Makeln eben. So zögerten Europa und vor allem die USA Anfang des Jahres lange, bevor sie sich von den Figuren ihrer schönen alten Welt verabschiedeten, etwa von dem Stabilitätsgaranten Mubarak. Unvergessen der Auftritt des US-Top-Diplomaten Frank Wisner, der Anfang Februar per Video auf der Münchner Sicherheitskonferenz zugeschaltet wurde und in höchsten Tönen die Freundschaft mit dem guten Hosni pries, während auf dem Tahrir-Platz das ägyptische Volk auf die Barrikaden ging. Und als wohl größter außenpolitischer Aussetzer der jüngeren deutschen Geschichte wird die Enthaltung Berlins im Uno-Sicherheitsrat eingehen, als es um die Frage ging, die historische Resolution 1973. Die erlaubte ein militärisches Eingreifen gegen Gaddafis Truppen, die drauf und dran waren in der ostlibyschen Stadt Bengasi ein Blutbad unter Rebellen und Bevölkerung anzurichten. Mit falsch verstandener Diplomatie vernebelte Immer-Noch-Außenminister Westerwelle, auf wessen Seite die Deutschen eigentlich standen.

Freuen darf man sich noch nicht

Ist die Welt nun also ein besserer Ort, weil so viele Schurken abgetreten sind? Ein bisschen, auch wenn wir dieses Jahr gemeinsam mit Kanzlerin Merkel gelernt haben, dass man sich, zumindest in Deutschland, ethisch-moralisch über das Ableben auch von Verbrechern nicht freuen darf. Dem darf man bittersüß entgegenhalten: Es leben ja noch ein paar Menschenrechtsverächter. Ein paar sogar ganz gut. Im Iran etwa. Oder in Saudi-Arabien. Wie vermeldet in Nordkorea oder in China. Die Welt ist ohne die Herren Gaddafi, bin Laden und Kim Jon Il ein besserer Ort, aber kein guter. Noch haben die Herren aus der Schurkenbar im Jenseits hienieden genug Erben, deren Werk sie bestaunen können.