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Jahresrückblick 2011: Das Jahr des Schwarms

Die Politik bekam 2011 eine neue Macht zu spüren: den Internetschwarm. Der jagte falsche Doktoren und stürzte nicht nur Karl-Theodor zu Guttenberg.

Von Carsten Heidböhmer

Viel wird von der vierten Macht im Staate gesprochen, den Medien, die den Mächtigen auf die Finger schauen, sie kontrollieren. Von Uwe Barschel bis Lothar Späth sind in der Vergangenheit zahllose Spitzenpolitiker durch Medienrecherchen zu Fall gebracht worden. Seit diesem Jahr gibt es eine fünfte Macht: Der Internetschwarm übernahm diese Rolle - und zwang gleich mehrere Politiker zum Rücktritt.

Sein prominentestes Opfer war Karl-Theodor zu Guttenberg, der über seine in großen Teilen abgeschriebene Dissertation stürzte. Ins Rollen gebracht wurde die Affäre noch auf klassische Art: Im Februar dieses Jahres besprach der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano Guttenbergs Arbeit für das Fachblatt "Kritische Justiz" und kam zu dem Schluss, die Arbeit sei an mehreren Stellen "ein dreistes Plagiat" und "eine Täuschung".

Der Schwarm nahm die Fährte auf

Am 16. Februar berichtete die "Süddeutschen Zeitung" in einem Artikel über die Vorwürfe. Guttenberg spielte die Vorwürfe herunter und sagte der Zeitung, er sehe dem Ergebnis der Prüfung mit großer Gelassenheit entgegen. Doch er hatte die Rechnung ohne den Schwarm gemacht.

Denn der nahm nun die Fährte auf: Nur einen Tag später, am 17. Februar 2011, wurde GuttenPlag Wiki gegründet - und die Netzgemeinde beteiligte sich an der Fehlersuche. Tausende anonyme Plagiatsjäger spürten innerhalb weniger Tage auf 270 Seiten Plagiatsstellen auf, jedermann konnte den aktuellen Stand öffentlich verfolgen. Dadurch wuchs der Druck auf Karl-Theodor zu Guttenberg täglich. Der Baron verlor den Rückhalt in der eigenen Regierung, am 1. März erklärte er seinen Rücktritt als Verteidigungsminister.

Der erste große Triumph der Netzgemeinde

Möglicherweise hätte er auch ohne GuttenPlag Wiki aufgeben müssen, aber der öffentliche Prozess hat den Rücktritt ohne Zweifel beschleunigt und verhindert, dass Guttenberg die Affäre aussitzt, so wie dies Politiker früher immer wieder gemacht haben. Es war der erste große Triumph der Netzgemeinde. Es sollte nicht der letzte sein. Denn GuttenPlag Wiki fand Nachahmer.

Am 28. März ging VroniPlag Wiki online, gegründet von dem Wirtschaftsinformatiker und SPD-Mitglied Martin Heidingsfelder. Auch hier machten sich hunderte von Helfern auf die Jagd nach erschlichenen Doktortiteln. Ihren Namen verdankt die Plattform Veronica Saß, der Tochter Edmund Stoibers. Sie musste aufgrund von VroniPlag-Recherchen ihren Doktorgrad ebenso abgeben wie die FDP-Europapolitiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimakakis sowie der baden-württembertische Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock (CDU). Bei zahlreichen weitere Personen des öffentlichen Lebens laufen noch die Untersuchungen der jeweiligen Universität.

Ende des Jahres kam der Ritterschlag für diese neue Form von öffentlicher Kontrolle: GuttenPlag Wiki bekam den Grimme-Online-Award verliehen. In der Begründung betonte die Jury den Beitrag des Schwarms: "Nicht nur die Projektidee der Initiatoren war bemerkenswert, sondern auch die Hundertschaften von Webnutzern, die online und offline immer neue Passagen fanden, die in der Dissertation ohne Quellenangabe verwendet wurden."

"Linke Verschwörung"

Das Netz war aber i2011 nicht nur die Plattform, die den Mächtigen das Leben schwermachte. Dort formierten sich auch deren Unterstützer. Als die ersten Vorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg aufkamen, waren es vor allem zwei Facebook-Seiten, in sich die Anhänger des Verteidigungsministers formierten. In zum Teil derben Worten artikulierten sie ihre Wut über das, was sie als "Hetzjagd" auf den tadellosen Baron ansahen. Die Gruppe "Wir wollen Guttenberg zurück" konnte innerhalb weniger Tage eine halbe Million Anhänger versammeln, aktuell kommt sie auf 539.000 Mitglieder (Stand: 12. Dezember), "Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" sammelte 329.000 Mitglieder. Ein User definierte das Ziel dieser Gruppen: "Wenn das Internet ihn 'gestürzt' hat, dann kann das Internet ihn auch wieder zurückholen!"

Der Ton war scharf. Immer wieder sprachen Diskutanten von einer "linken Verschwörung" gegen ihr Idol. Guttenberg sei das Opfer der "deutschen Neidkultur", die Medien hätten eine "infame Treibjagd" veranstaltet. Die Stimmung drohte überzukochen, in Richtung der Guttenberg-Kritiker wurden unverhohlen Drohungen ausgesprochen: "Die halbe Million ist erst der Anfang. Trittin, Gabriel, Oppermann und Schavan zieht euch warm an", schrieb ein User. Auch die Medien gerieten ins Visier. Die Mailadressen von Zeitungs- und Fernsehredaktionen wurden gepostet, bei stern.de gingen innerhalb eines Tages mehrere tausend Mails ein mit der Forderung: "Wir wollen Guttenberg zurück".

Wutbürger von Rechts

Doch damit begnügten sich die konservativen Wutbürger nicht. Was Anti-AKW-Aktivisten und Stuttgart-21-Gegner können, wollten sie auch: Die Guttenberg-Anhänger planten, den Protest auf die Straße zu verlagern. Am 5. März wollten sie im Stile einer neuen außerparlamentarischen Opposition Guttenberg zum Rücktritt vom Rücktritt ermuntern. Doch aus dem angekündigten Sturm der Millionen wurde nichts. Von den Hunderttausenden Facebook-Empörten gingen landesweit nur wenige tausend Menschen auf die Straße - verteilt auf 21 Städte ergab das ein mickriges Bild. In Erinnerung geblieben sind vor allem die Guttenberg-Gegner, die diese Demos mit satirischen Sprüchen unterwanderten, etwa "Du hast die Haare schön" oder "Gutti muss Kaiser werden".

Auch das ist eine Erkenntnis aus dem zurückliegenden Jahr: Meinungsbekundung im Netz und Aktionen auf der Straße sind zwei komplett verschiedene Paar Schuhe. Der Like-Button bei Facebook ist schnell gedrückt. Zu echtem politischen Engagement gehört weit mehr.

Kurz vor Ende des Jahres setzte Karl-Theodor zu Guttenberg noch einen ironischen Schlusspunkt zu diesem Thema: Ausgerechnet der von der Netzcommunity gestürzte Verteidigungsminister wird Berater der EU-Kommission in Fragen der Internetfreiheit in autoritären Staaten. Doch ganz so absurd ist die Wahl vielleicht nicht: Wenn jemand die Auswirkung von Internetfreiheit am eigenen Leib zu spüren bekommen hat, dann er, der "Lügenbaron".