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Jahresrückblick 2011: Der Bunga-Bunga-Bumerang

Die Herren Strauß-Kahn, Berlusconi und Schwarzenegger haben 2011 eine uralte Erkenntnis grell bestätigt: Im Machtspiel Sex zocken sich gerade mächtige Männer gerne um Kopf und Kragen. Allein: Was lehrt uns das?

Von Florian Güßgen

Bunga-Bunga. Ist ja nun wahrlich keine Entdeckung des Jahres 2011, dass Sex eine gewaltige soziale und auch politische Sprengkraft hat. Ebenso wenig ist es neu, dass gerade die Mächtigsten beim Machtspiel Sex gerne mitzocken, gerne auch mit den allerhöchsten Einsätzen: der Karriere etwa, dem Vermögen, der Ehe. Im Gegenteil: Es ist ein klassisches psychologisches Faszinosum, dass just die, die nun wirklich alles haben und geschafft haben, für eine, zwei, drei oder 300 kleine und große Nummern alles riskieren. Nicht, dass uns Normalsterblichen das alles völlig fremd wäre. Machen Sie mal eine Umfrage in Ihrem erweiterten Bekanntenkreis. Aber die Fallhöhe, von der lüsterne Mächtige stürzen, hat eine größere Dimension - und macht ihre Affären bisweilen zu öffentlich aufgeführten Moralstücken. Über manche kann man dabei lachen, über andere nicht.

Wenn das Hirn im Testosteron ersäuft

Und so gesehen bot 2011 doch ein beachtliches Programm. Da gab es natürlich den Dauerbrenner Silvio Berlusconi, den Vater aller Bunga-Bunga-Partys, dem im Frühjahr vorgeworfen wurde, mit der seinerzeit angeblich minderjährigen Prostituierten mit dem traumhaften Künstlernamen Ruby Rubacuori ("Herzensbrecherin") ins Geschäft gekommen zu sein. Und es gab den "Sperminator": Arnold Schwarzenegger, Austroamerikaner und Ex-Gouverneur Kaliforniens, der ins amerikanische Königshaus eingeheiratet hatte, den Kennedy-Clan, musste sich 2011 zu einem unehelichen Sohn bekennen. Vor über einem Jahrzehnt hatte er den Buben gleichsam vor den Augen seiner Frau Maria Shriver mit der Haushälterin gezeugt.

Kopfschütteln löste auch ein anderer Skandal aus, der erkennen ließ, wie schnell das politmoralische Hirn bisweilen im Testosteron ersäuft. Ein prominenter, aufstrebender Abgeordneter im US-Kongress - Anthony Weiner, ein Demokrat, verheiratet mit einer engen Beraterin Hillary Clintons - twitterte Bilder seines nur leicht ummantelten genitalen Prunkstücks und suchte über Facebook zumindest verbale Erleichterung. Facebook war auch in Deutschland der Startpunkt einer Liebesaffäre mit Anfassen, der sich der blonde Edelmann und schleswig-holsteinische CDU-Hoffnungsträger Christian von Boetticher hingab, mit einer damalig 16-Jährigen. Nachfolgend musste er sich von seinen wichtigen Ämtern und seinen Karriereplänen verabschieden.

Der Fall DSK trieb es auf die Spitze

Weniger zum Lachen war dagegen jene Sexaffäre, die lange eher eines der prominentesten Verbrechen des Jahres zu werden schien, die wie eine Vergewaltigung aussah: der Fall Dominique Strauss-Kahn. Sein Verkehr mit dem Zimmermädchen Nafissatou Diallo im New Yorker Sofitel-Hotel und die Stück für Stück bekannt werdenden sonstigen außerehelichen Lendenaktivitäten des französischen Fast-Präsidenten und damaligen IWF-Chefs trieben alles auf die Spitze, was seit Bill Clintons Lewinsky-Affäre über Sex und Macht und Politik philosophiert worden war.

Da war nicht nur die dramatische Festnahme Strauss-Kahns in New York, als Polizeibeamte den Sozialisten aus dem Flieger zogen, die Tage im Knast auf Rikers Island, die Wochen in der von Gattin Anne Sinclair angemieteten New Yorker Luxusbleibe, der juristische Stellungskampf der Anwälte, die Volten in der Biografie des mutmaßlichen Opfers, die transatlantischen Debatte über Vor- und Nachteile des US-Rechtssystems.

An Strauss-Kahn ließ und lässt sich auch die gesamte Palette der sexbezogenen, politmoralischen Fragen durchexerzieren: Klar, wenn der Vorwurf einer Vergewaltigung im Raum steht, gibt es ein öffentliches Interesse an dem Fall. Aber was, wenn die Vorwürfe, wie im Fall Strauß-Kahn geschehen, juristisch nicht haltbar sind? Ein Zivilprozess steht noch aus, aber strafrechtlich wurde DSK nicht belangt. Wird da nicht jemand politisch vernichtet, der sich rechtlich nichts zu Schulden hat kommen lassen? Was geht es Bürger - Wähler - an, wenn ein Politiker seine Frau betrügt, wenn er seinen Job vernünftig macht? Wo verläuft die Grenze zwischen Politik und Privatem?

Ein Freier Mann, politisch am Ende

Manche Debatten sind dabei akademisch. Dass es Politiker in einer Welt, in der einige Digitalphilosophen das Ende des Privaten propagieren, allein technisch schwerer haben, moralische Vergehen zu kaschieren, liegt auf der Hand. John F. Kennedy, der notorische Schürzenjäger, hätte es in Zeiten von Twitter und Smartphone zückenden Leserreportern mit seinem sexualmoralischen Ballast möglicherweise nicht einmal zum Senator von Massachusetts geschafft, geschweige denn zum US-Präsidenten. Fakt ist, dass Politiker heute mit einem höheren Entdeckungsrisiko leben müssen, dass Privates ungewollt zum Gegenstand der öffentlichen und auch der moralischen Diskussion wird. Strauss-Kahn hat das hautnah erleben müssen. Er bezahlte mit seiner politischen Karriere für ein moralisches, kein juristisches Vergehen, das ausschließlich sein Privatleben betraf. Er verließ die USA als Freier Mann, war aber in Frankreich politisch am Ende.

Womit man, ist man ehrlich, mal wieder bei den eigentlichen Fragen wäre, die den Fall so interessant machen. Wie in aller Welt konnte es sein, dass ein Mächtiger, einer, der das ganz große Rad der Finanzwelt drehte, an einem unschuldigen Samstagmorgen offenbar nichts Besseres zu tun hatte, als sich in der berüchtigten Sofitel-Suite auf ein Zimmermädchen zu stürzen - ob mit deren Zustimmung oder ohne? Wie konnte es sein, dass der Kaviarlinke, wie wir inzwischen wissen, ein recht durchgeknalltes Sex-Party-Hopping zwischen Frankreich und den USA betrieb, mit Frauen, die ihm offenbar von sinistren Freunden zugeführt wurden? Wie tickt so einer? Und, vor allem: Wie hat seine Frau das alles ausgehalten?

Es liegt in der Natur der Sache, dass es definitive Antworten nicht gibt, nicht geben kann. Strauß-Kahn hat das, trotz TV-Interview und Verteidigungsbuch eines Vertrauten, auch nicht geändert. Und Anne Sinclair, die reiche, starke Ehefrau, ein Star aus eigener Kraft, ist von der Rolle der Löwin an der Seite des Sünders bislang keinen Millimeter abgewichen. Und so sind am Ende des Jahres die betrogenen Frauen wohl die interessantesten Figuren der Sexaffären. Ob bei Schwarzenegger, bei Strauss-Kahn, aber auch bei Weiner: bei allen dreien handelte es sich um finanziell und karrieretechnisch selbstständige, starke Frauen. Wie haben sie reagiert? Schwarzeneggers Gattin Maria Shriver hat sich getrennt, Sinclair steht noch zu Strauss-Kahn. Weiners Frau Huma Abedin ist auch noch mit dem twitternden Gatten liiert. Vielleicht wird man ja irgendwann erfahren, warum und weshalb diese Frauen auf die Eskapaden ihrer Männer reagiert haben, wie sie reagiert haben. Im nächsten Jahr vielleicht.