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Psychologie: Jan Beckers Hypnose-Hype – über den Magier für die Massen

Mit seinen Hypnose-Shows trifft Jan Becker den Nerv seiner Zuschauer. Sie sehnen sich nach Wundern – und verzeihen, wenn dabei ein bisschen nachgeholfen wird.

Hypnose-Show mit Jan Becker – Magier für die Massen

Pendeluhr, geheimnisvoller Schmuck, Tattoos – Becker inszeniert sich mit mystischen Symbolen. Doch können diese Augen auch lügen? Glaubwürdigkeit spielt bei der Hypnose eine große Rolle

Der Konferenzraum eines Viersternehotels ist gut gefüllt. 30 Menschen sitzen im Halbkreis und falten die Hände. Es sind Heilpraktikerinnen, Yogalehrer, Psychotherapeutinnen. Eine Scheidungsanwältin und ein Koch sind auch dabei. "Hört mir zu, wie ihr guter Musik zuhört", ruft Becker, "eure Handflächen ziehen sich wie Magnete an, sie kleben jetzt ganz fest zusammen." Tatsächlich können einige Teilnehmer ihre Hände plötzlich nicht mehr lösen. "Ist ja krank", entfährt es dem Koch. Der Yogalehrer ist unschlüssig, wie er das einordnen soll: "Ich bin sicher, ich könnte die Hände öffnen. Aber ich bin ja hier, um die Erfahrung zu machen, dass es funktioniert."

"Für Hypnose braucht man keine übersinnlichen Fähigkeiten", erklärt Becker, "man muss nur üben." Er holt eine Frau nach vorn und bittet sie, intensiv an einen "goldenen Moment" in ihrer Vergangenheit zu denken. Dann soll sie die Arme ausstrecken, das rechte Bein heben und ihren Namen laut sagen. Sie tut wie ihr geheißen. "Jedes Mal, wenn du deinen Namen sagst, hörst oder liest, spürst du, dass du stark bist, voller Kraft, glücklich und reich." Die Frau strahlt. Auch Jan Becker ist zufrieden und teilt dem Raum mit: "Der Anker ist gesetzt, das bleibt jetzt für immer."

"Du wirst tun, was ich will – Hypnose-Techniken für den Alltag"

Jan Becker ist der bekannteste Hypnotiseur Deutschlands. Seine Veranstaltungen sind beliebt, seine Bücher Bestseller. Seine Fans wollen wissen, wie man mithilfe von Hypnose abnimmt oder sich spielend das Rauchen abgewöhnt oder die menschliche Psyche manipuliert. Einer der belieb testen Titel heißt: "Du wirst tun, was ich will – Hypnose-Techniken für den Alltag".

Es scheint, als sehnten sich heute viele Leute nach Wundern – und Becker erfüllt diese Sehnsucht gern. Er liebt es, sich selbst und sein Handwerk zu präsentieren. Sich filmen zu lassen, seine Hypnose-Show vor möglichst großem Publikum zu inszenieren. Becker will, dass alle erleben und überprüfen können, dass Hypnose wirkt. Dass Menschen unter seiner Anleitung tatsächlich in tiefe Entspannung tauchen und manchmal erstaunliche Dinge tun oder erleben. Dass er keinen Hokuspokus verkauft, sondern handfestes Können.

In diesem Metier hat es Jan Becker mit viel Konkurrenz zu tun. Inzwischen bieten allerorten "Hypno-Coaches" ihre Dienste an, selbst ernannte Geistestrainer, die in Trance versetzen und zu einem besseren Leben verhelfen wollen. Ein Wochenendkurs genügt – und ein jeder ist Coach. Die Bezeichnung ist nicht geschützt, weder medizinische noch psychologische Grundkenntnisse werden vorausgesetzt.

Tatsächlich gilt heute als gesichert, dass bestimmte Methoden der Hypnose wirken. Seit Jahrzehnten setzen gut ausgebildete Ärzte und Psychotherapeuten Hypnose-Techniken zur Behandlung von Traumafolgen, Angststörungen, Schlafproblemen und chronischen Schmerzen ein. Auch als Alternative zur Narkose ist sie bei manchen Operationen möglich. Sie kann messbar Blutdruck und Pulsfrequenz senken, Hirnströme verändern und das Immunsystem stimulieren. Sie ermöglicht ein Abtauchen nach innen, das Gehirn fällt in eine Art Wachschlaf. Botschaften können so von außen tief in das Gehirn eindringen und langfristige Wirkung haben.

Damit Hypnosen auch außerhalb des geschützten, therapeutischen Bereichs auf großen Bühnen gelingen, muss allerdings einiges zusammenkommen: Die Versuchspersonen sollten prinzipiell an die Wirkkraft von Hypnose glauben. Je erfolgreicher ein ausgeklügeltes Marketing den Hypnotiseur zur Koryphäe erhebt, desto wahrscheinlicher gelingt auch die Trance in der Show. Und schließlich sollte der Herr der Bühne neben guter Menschenkenntnis eine vertrauenswürdige Ausstrahlung besitzen.

"Worte sind mehr als Blut"

Jan Becker erfüllt diese Voraussetzungen. Bereits als Zwölfjähriger habe er sich mit Hypnose beschäftigt, sagt er. Anstoß sei ein Buch gewesen, ein Geschenk seiner Mutter. Es hieß: "Das Gedankenlesen". Seither sei es für ihn wie eine Sucht gewesen, die Menschen genau zu beobachten. Sich zu fragen, was sie antreibt. Warum sie sich so und nicht anders verhalten. Sie zu durchschauen. Nach dem Abitur begann er, mit Hypnose zu arbeiten – und als Zauberer. Seither wandelt er auf dem schmalen Grat zwischen Magie und Wissen.

Becker sieht ein bisschen unheimlich aus. Den fast kahlen Schädel ziert eine Halbmondfrisur, auf Arme und Brust sind magische Symbole tätowiert, und die extravaganten Hosen, das erzählt er gern, stammen von einem Designer in Italien, der immer nur sieben Stück schneidert – eine magische Zahl. Im Gespräch wirkt er durch und durch sympathisch. Der offene Blick aus großen, braunen Augen, die tiefe Ruhe. Mit sanfter Stimme erläutert er die mysteriösen Symbole und Gegenstände, die er trägt. Besonders wichtig ist ihm der Silberreif mit der Inschrift "Worte sind mehr als Blut". Der Totenkopfring an seiner rechten Hand ist neu, er erinnere ihn an die eigene Sterblichkeit, sagt er.

Vor neun Monaten wäre Jan Becker beinahe gestorben. Wochenlang lag er mit nekrotisierender Pankreatitis im Krankenhaus. Die Entzündung der Bauchspeicheldrüse, bei der sich das Organ langsam zersetzt, kann tödlich verlaufen und ist ungeheuer schmerzhaft. In der Klinik versuchte Becker, seine Qualen zu bekämpfen, indem er den Schmerz mit Selbsthypnose von der Mitte des Körpers in den kleinen Finger verlagern wollte. Aber es funktionierte nicht. Gar nichts von dem, was er gelernt und gelehrt hatte, funktionierte. Er sei, erzählt Becker, im Krankenhaus beinahe vom Glauben abgefallen. "Unter dem Einfluss von Morphium hatte ich keinen Zugriff auf meine Gedanken. Das war für mich als Hypnotiseur eine extrem verstörende Erfahrung, und das ist etwas, was mich seither beschäftigt."

Becker musste auf Monate alle Termine absagen. Diese Zeit hat ihn gewandelt, auch äußerlich. Während er früher gern wie Lord Voldemort mit schwarzem Mantel und finsterer Miene auf die Bühne trat und das Publikum herumkommandierte, wirkt er jetzt eher wie ein wohlmeinender Hypno-Hipster.

Den Glauben an seine Arbeit hatte er schon im Krankenhaus wiedergefunden. "In dem Moment, als ich die Arme hochnahm."

"Ich fühlte mich wie ein Fußballweltmeister"

Es ist eine der typischen Jan-Becker-Gesten, die er auch in seinem Seminar vorführt: Reckt mal die Hände in die Höhe wie Olympiasieger, dann fühlt ihr euch gleich stärker. Eine Woche nach Einlieferung in die Klinik konnte er noch immer kaum gehen. "Das hat natürlich vollkommen bekloppt ausgesehen, als ich mit hochgereckten Händen und schleppendem Gang über den Krankenflur getorkelt bin", gesteht Becker. Aber die Autosuggestion habe funktioniert. "Ich fühlte mich wie ein Fußballweltmeister." Warum ihm in diesem Moment gerade Fußball einfiel, auch das hat einen Grund: Vor ein paar Jahren durfte er Borussia Mönchengladbach vor einem Spiel gegen einen der Tabellenführer mit seinen Hypnose-Techniken bearbeiten. Das vom Abstieg bedrohte Team gewann. Glaube, findet Becker, könne eben tatsächlich Berge versetzen – manchmal muss man nur ein bisschen nachhelfen.

Er nutze oft Tricks, sagt Becker, um Menschen zu öffnen und sie bereit zu machen für die wirklich magischen Phänomene, "dass sie ihren Namen vergessen oder Nichtraucher werden oder ein neues Ernährungsverhalten an den Tag legen". Im Schamanismus gebe es den Begriff der heiligen Täuschung. "Ich benutze eine Täuschung, um jemanden zu öffnen für den wahren Prozess." Denn wer verblüfft sei, sei offen für Suggestionen. Der Zauberkünstler, der sich zu Höherem berufen sieht, will seine Tricks in den Dienst der Heilkünste stellen. "Ich möchte, dass Menschen ihre Selbstwirksamkeit spüren. Ich vermittle ihnen Aha-Momente."

Überraschungen dieser Art ließen sich im Unterbewusstsein zuhauf aufspüren – Jan Becker sieht sich als eine Art Reiseführer in diese tiefe Region der Seele. In seinem Seminar erklärt er den staunenden Teilnehmern: "Das Unterbewusstsein ist der magischste Ort, den wir bereisen können. Dort können wir Ruhe und Geborgenheit finden, Klarheit und Sicherheit."

Aber was, wenn das gar nicht stimmt? Wenn die Hypnotisierten in den Tiefen ihres Unterbewusstseins nicht Klarheit finden, sondern einen Keller voller Leichen, dessen Tür sie bisher mit Not und Mühe zugedrückt hatten?

Becker bleibt entspannt. Das Unterbewusstsein sei vielleicht keine Blumenwiese. Aber wenn da unten Leichen lägen, würden die doch ohnehin irgendwann nach oben kommen. "Vielleicht ist es ganz gut, die Tür zu öffnen und reinzuschauen und zu erkennen, dass ich die Leichen mitnehmen kann auf meine Reise und keine Angst haben muss."

"Lasst uns tanzen miteinander"

In seinem Seminar versetzt Becker auch mehrere Teilnehmer gleichzeitig in Trance, lässt sie ihre Namen vergessen und scheinbar willenlos die Arme in die Höhe strecken, während er raunt: "Du genießt es, dieses Wochenende hier zu sein, Neues zu lernen, Spaß dabei zu haben." Das Ganze wirkt eher komisch als magisch. "Kann man dabei in die Hose machen?", fragt eine Heilpraktikerin besorgt in der anschließenden Kaffeepause. Das könne schon passieren, sagt Becker ernst, wenn man ganz entspannt sei. Eine Psychotherapeutin sagt, es fühle sich für sie falsch an, Patienten kontrollieren zu wollen. Becker beschwichtigt. Alles ein Missverständnis. Kontrolle sei doch nichts Böses. "Es fühlt sich sogar gut an, wenn da jemand ist, der das für euch tut."

Je länger das Seminar dauert, desto stärker wird der Eindruck, es gehe weniger um Bewusstseinskontrolle und telepathische Gymnastikübungen als einfach darum, die Leute mit einem guten Gefühl und aufgefrischtem Selbstbewusstsein nach Hause zu schicken. "Lasst uns tanzen miteinander", ruft Becker. "Ich will euch gar nicht zu irgendwas zwingen, ich will, dass ihr ein Erlebnis habt."

Zum Schluss des Erlebniswochenendes, das sich jeder Teilnehmer knapp 1000 Euro kosten lässt, leitet er noch ein bisschen dazu an, andere Menschen in Hypnose zu versetzen. Jan Becker erzählt dabei eine hübsche Geschichte – zum Nachmachen empfiehlt er sie den versammelten Anfängern nicht: Er habe mal in einem Biergarten einen Kellner hypnotisiert und seine Rechnung mit Papierservietten bezahlt. Der habe die Servietten angenommen und sei weggegangen, als wäre nichts geschehen. "Vermutlich hätte er noch am Abend die Papierstücke wie 50-Euro-Scheine abgerechnet, wenn ich ihn nicht schnell wieder aus der Trance befreit hätte", sagt Becker. Er lacht, sein Publikum freut sich – und irgendwie ist es gar nicht so wichtig, ob die Geschichte stimmt – oder ob Jan Becker einfach alle, vom Kellner bis zum Koch, mit seinem ansteckenden Selbstbewusstsein einfängt.

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