Johannes Paul II. Der spaltende Brückenbauer


Mit dem Tod von Papst Johannes Paul II. hat die katholische Kirche einen streitbaren Papst verloren. Er schmiss den deutschen Theologen Küng raus und wetterte gegen Abtreibung. Aber er baute auch Brücken - zwischen Kirchen und Kulturen.
Von Peter Kleinort

Mit 26 Jahren auf dem Heiligen Stuhl hat Papst Johannes Paul II. die Geschicke der katholischen Kirche in den vergangenen 100 Jahren länger bestimmt, als keiner seiner Amtsvorgänger. Dabei polarisierte der Papst die Kirche, er suchte aber auch den Dialog.

Aussöhnung und Polarisierung – damit lässt sich das Pontifikat Johannes Paul des Zweiten und seine Bedeutung für die Weltkirche gut umschreiben. Während die politische Rolle des Papstes als fortschrittlich und modern beurteilt wird, entzündete sich an den Positionen beim innerkirchlichen Dialog immer wieder Kritik, auch bei den Laienorganisationen der katholischen Kirche.

Noch nie umgaben so viele deutsche Kardinäle einen Papst

Aber der Zweiklang aus Faszination und Polarisierung kennzeichnete auch die theologische Position. Noch nie gab es gleichzeitig so viele deutsche Kardinäle wie in der Amtszeit von Johannes Paul II. Mit Joseph Ratzinger, Walter Kasper und Karl Lehmann prägen Deutsche die Geschicke der Kirche stark mit - was Beobachter als Auszeichnung des Papstes für die Theologie im Lande Luthers werteten. Andererseits hagelte es massive öffentliche Proteste, als Johannes Paul II. deutsche Theologen maßregelte, Bischofsernennungen durchsetzte und bei der Berufung von Professoren die Zustimmung verweigerte.

Schon 1979 entzog Johannes Paul II dem Tübinger Theoligen Hans Küng die Lehrerlaubnis. Ähnlich erging es 1987 Uta Ranke-Heinemann und 1991 Eugen Drewermann. In der "Kölner Erklärung" protestierten mehr als 160 Hochschullehrer gegen "römischen Zentralismus", als der Vatikan seinen Kandidaten Joachim Meisner 1988 als Kölner Erzbischof durchsetzte.

Zu einer Zerreißprobe führte schließlich auch das Machtwort des Papstes an die Bistümer, Schwangeren-Beratungsscheine nicht mehr auszustellen. Zwar beugten sich die Bischöfe nach langem Ringen. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann musste, obwohl selbst eher liberal eingestellt, erhebliche Vermittlungsarbeit nach außen und innen leisten.

Ähnlich kontrovers positionierte sich der Vatikan in der Frage des Frauenpriestertums, der Geschiedenen-Pastoral oder jüngst auch wieder in der Debatte um die Rolle der Laien im kirchlichen Leben. Kardinal Lehmann betont trotz der unterschiedlichen Sichtweisen immer wieder die integrative Rolle des Papstes: "Johannes Paul II. hat sich in den 26 Jahren seiner Amtszeit als Brückenbauer zwischen Religionen, Konfessionen und Völkern erwiesen", sagt Lehmann. "Er war ein Papst des unermüdlichen Dialogs. Schwellenängste vor den Anderen kannte er ebenso wenig wie Furcht vor Drohungen und Protesten."

Mahnungen vor einer "Vergötzung des Kapitalismus"

Wenn auch keine Drohungen, so hat auch die Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" aus dem Jahr 2003 tiefe Gräben zwischen den christlichen Kirchen aufgerissen. Der Papst hielt darin die Abendmahlgemeinschaft zwischen katholischer und evangelischer Kirche wegen unterschiedlicher Auffassung der Eucharistie nicht für möglich. Gerade weil Johannes Paul II. als großer Fürsprecher für die Ökumene gilt, verwunderte diese eher trennende Enzyklika.

Abseits der spektakulären Themen erkennen viele Katholiken die Verdienste des Papstes um die Annäherung der christlichen Kirchen, den interreligiösen Dialog und die Menschenrechte an. Auch die wiederholten Mahnungen vor einer "Vergötzung des Kapitalismus" und zu einer Bändigung der Globalisierung fanden Zustimmung. Dagegen traf die päpstliche Morallehre zu Fragen der Sexualität auch im Kirchenvolk auf immer weniger Zustimmung. Frömmigkeit, Priesterberufungen und Gottesdienstbesuche gingen während der Amtszeit des Papstes drastisch zurück.

Erzbischof exkommuniziert, Galilei rehabilitiert

Die Ambivalenz im Wirken des Papstes drückt sich auch in zwei Daten aus, die sein Pontifikat markieren: 1988 exkommuniziert Johannes Paul II den französischen Erzbischof Michel Lefebre, nachdem dieser unerlaubt drei Priester zum Bischofs geweiht hatte. Nur vier Jahre später erfolgt ein für die Kirche nahezu revolutionärer Schritt: 1992 wird der von der Inquisition im Jahr 1632 verurteile Galileo Galilei rehabilitiert.

Sein Haus hat Johannes Paul II. mit Blick auf die Zukunft gut bestellt. Noch im vergangenen Jahr ernannte der Papst weitere 20 Kardinäle, die während des Konklave im Konsistorium seinen Nachfolger wählen werden. Derzeit sind 109 Kardinäle wahlberechtigt, darunter 52 aus Europa. Sechs kommen aus Deutschland. Zu ihnen gehören Kurienkardinal Joseph Ratzinger und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann. Zwölf sind aus Nordamerika, aus der Dritten Welt kommen 45 Wahlberechtigte.


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