Joschka Fischer Der Kellner rechnet ab


Seit dem Ende seiner Außerministerzeit ist es ruhig geworden um Joschka Fischer. Bis jetzt. Auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik rechnete der Grüne lustvoll mit den Journalisten ab.
Von Lutz Kinkel

Diese Demoskopen. Lauter Kaffeesatzleser und Glaskugelgucker. Bei der Bundestagswahl 2005 wahrsagten sie einen Sieg von CDU und FDP, wenn nicht gar eine absolute Mehrheit für die Union. Und was war? Am Ende lagen sie sechs bis sieben Prozent daneben. Angela Merkel ließ die Mundwinkel hängen und Gerhard Schröder kürte sich am Wahlabend zum ewigen Kanzler.

"Der Wähler wird zum unbekannten Wesen", folgert Michael Hanfeld, Medienredakteur der "FAZ", auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik: zu viele Wechselwähler, zu viele kurzfristige Stimmungswandel, zu viele Lügner unter den Befragten. Hanfelds Vorschlag: man solle die Meinungsforscher in "Meinungsdeuter" umbenennen.

Die Demoskopen bangen um ihre Geschäfte

Vier teuer gekleidete Demoskopen hören sich Hanfelds Vortrag an und bangen um ihre Geschäfte. Eilig betonen sie auf dem Podium, dass sie ohnehin nie behauptet hätten, Prophezeiungen zu liefern, sondern nur Momentaufnahmen, Polaroids der politischen Stimmung sozusagen.

In der ersten Sitzreihe des ZDF-Konferenzzentrums fläzt sich ein Mann auf dem Stuhl und verfolgt die Diskussion mit gelassener, halb spöttischer Aufmerksamkeit. Ab und zu klicken die Kameras, und es ist klar, dass sie nicht Hanfeld und die Meinungsforscher fokussieren, sondern ihn.

Jenen Mann, in dessen Gesicht sich die Krisen der Welt eingraviert haben. Jenen Mann, der sich vom Straßenkämpfer zum Staatsmann wandelte, und bei Gelegenheit immer beides sein kann: Joschka Fischer.

Zwei Stühle, zwei Menschen, ein gebanntes Publikum

Am Ende des Abends tritt Marietta Slomka, die ebenso blonde wie kluge ZDF-Moderatorin, gegen Joschka Fischer an. Zwei Stühle, zwei Menschen, ein gebanntes Publikum. Schröders Auftritt in der Elefantenrunde nach der Wahl 2005 sei vielleicht nicht allzu klug gewesen, deutet Fischer an. Hätte er nicht den Supermacho gegeben, hätte sich niemand über ihn aufgeregt.

Dann nämlich wäre die Diskussion viel intensiver um Merkel gekreist und "sie hätte was erklären müssen: nämlich eine ganze Serie von Fehlern", die sie im Wahlkampf gemacht habe. So hätte man sie sauber an der Erwartungshaltung, die die Demoskopen aufgebaut hatten, abschmieren lassen können. Umfragen, so ist Fischers Ausführungen zu entnehmen, dienen ohnehin nur der politischen Florettfechterei, ihr Wahrheitsgehalt ist nebensächlich. "Die Interpretation des Vogelflugs bei den Römern hatte sicher eine ähnliche Qualität", resümierte Fischer.

"Medien und Macht" ist das Thema der Mainzer Tagung, und natürlich lässt Fischer die Gelegenheit nicht aus, um auch die versammelten Journalisten lustvoll aufs Korn zu nehmen. Es habe 2005 zwar keine koordinierte Kampagne gegen Rotgrün gegeben, aber die Stimmung sei klar gewesen: "Die Medien wollten den Wechsel". Aber, so Fischer triumphierend, die Menschen "da draußen" hätten anders empfunden.

Schröder habe auf einen "Koalitionswechsel zu seinen Bedingungen" spekuliert - und diese Rechnung sei immerhin beinahe aufgegangen. Nicht aufgegangen ist seiner Meinung nach das überhebliche Ansinnen der Medien, über die politischen Geschicke des Landes entscheiden zu wollen. Journalisten, die sich anmaßen, die besseren Politiker zu sein, sind ihm ein Graus. Diese "Grenzüberschreitungen" habe er 2005 verstärkt beobachtet.

Darunter kommen nur noch die Boulevardjournalisten

Noch eine Stufe unter diesen Grenzüberschreitern stehen in Fischers Wahrnehmung die Boulevardjournalisten. Empört erzählt er über einen Journalisten, der ihm nach seiner Hochzeit in Italien auf dem Flughafen aufgelauert habe. Er habe ihm klar gemacht, dass er rein privat unterwegs sei und keine Berichterstattung wünsche. Aber im Flieger habe sich der Kerl herangeschlichen und Fotos von ihm, seiner Frau und ihres Kindes gemacht. "Sie kennen meine Vergangenheit und man muss mich loben, wie sehr ich mich inzwischen gezügelt habe", sagt Fischer. Am liebsten hätte er den Paparazzi wohl in klassischer Hollywood-Star-Manier verdroschen.

Marietta Slomka hört sich das alles an - und gibt Kontra. Sie erzählte, wie Fischer als junger Politiker eine Homestory mit dem Hessischen Rundfunk gemacht habe: Kochen mit Ehefrau Claudia. Und sie vergisst auch nicht zu erwähnen, dass der ehemalige Außenminister im Wahlkampf 2005 zu einem Foto- und Filmtermin am Strand mit seiner jetzigen Gattin gebeten hatte.

Fischer lebt von der Gunst des Augenblicks

Slomkas Meinung nach darf ein Politiker nicht einerseits sein Privatleben ausstellen, wenn es ihm Vorteile bringt, aber auf seine Privatsphäre pochen, wenn er Nachteile befürchtet oder es ihm unbequem wird. Joschka Fischer wusste auf diesen Vorwurf keine klare Antwort. Machtmenschen wie er scheinen von der Gunst des Augenblicks zu leben, weniger von Prinzipien.

Schließlich erzählt Slomka noch die hübsche Anekdote, wie sich Fischer auf einem Fest im Wahlkampf 2002 auf einem Mäuerchen niedergelassen, und sich sein journalistischer "Hofstaat" um ihn herum gruppierte hatte. Einer saß rechts, einer links, zwei knieten vor ihm. "Ist das normal?", fragte Slomka. "Ich kann mich nicht an die Situation erinnern", erwidert Fischer. Aber er brauche so etwas nicht zur "Apotheose" seines Egos, der Verherrlichung des Ichs.

"Der Kellner kassiert"

Wichtiger als das Außenverhältnis zu den Medien scheint Fischer das Binnenverhältnis der Macht gewesen zu sein. Als ihn Slomka fragt, ob ihn Schröders berühmter Vergleich mit "Koch und Kellner" jemals gestört habe, sagt Fischer, er sei gerne Kellner gewesen, "weil der Kellner kassiert." Dann aber räumt er zögerlich ein, dass das Verhältnis zu Schröder in diesen Fragen schon "sehr sensitiv" gewesen sei.

Abseits der Regierungsverantwortung und der Partei will Fischer nun eine "neue Lebensphase" beginnen. Demokratie, das gibt er seinen Zuhörern mit auf den Weg, sei "Kampf und Kompromiss". Von Zahlen - oder gar Umfragewerten - spricht er überhaupt nicht.


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