VG-Wort Pixel

68 Jahre hinter Gittern Mit 15 vor Gericht, mit 83 frei – lebenslänglich verurteilter Jugendlicher entlassen

Gefängniszelle
Gefängniszelle (Symbolbild)
© Archivo / Picture Alliance
Joseph Ligon war noch ein Teenager, als er mit 15 Jahren verhaftet und wegen Mordes angeklagt wurde. Lebenslänglich lautete das Urteil. Dass er 1953 noch ein Jugendlicher war, interessierte niemanden.

Als Joseph Ligon am 11. Februar 2021 das Staatsgefängnis in Montgomery County, Pennsylvania, verließ, war sein Haar schlohweiß. Mit ihm verließ ein Dutzend Aktenkisten die State Correctional Institution Phoenix, etwa zehn Boxen mehr, als andere Insassen in ihrer Zeit im Gefängnis ansammeln. Sie zeugen von der langen Zeit, die der 83-Jährige an diesem Ort verbracht hat. "Ich bin etwas Besonderes", soll Ligon dazu gesagt haben, berichtet "The Philadelphia Inquirer". Ein Privileg, das ihn 68 Jahre seines Lebens gekostet hat.

Joseph Ligon
Joseph Ligon im Januar 1963: Zehn Jahre zuvor war Ligon als Jugendlicher im Alter von 15 Jahren zu einem lebenslänglichen Gefängnisaufenthalt verurteilt worden
© Handout State Correctional Institution Pittsburgh

 Ligons Urteil war wegen seiner Teilnahme an einer Reihe von Raubüberfällen gefällt worden, bei denen zwei Menschen ums Leben kamen. Während Ligon zugibt, an dem Verbrechen mit einer Gruppe betrunkener Teenager beteiligt gewesen zu sein, bestritt der damals 15-Jährige von Anfang an, jemanden getötet zu haben.

Bewährung kam für Ligon nicht infrage, er wollte frei sein

Nachdem der Oberste US-Gerichtshof entschieden hatte, dass ein automatisches Lebenslänglich-Urteil für Kinder in heutiger Zeit grausam und unüblich sei, gehörte Ligon 2017 zu mehr als 500 Insassen in Pennsylvania, deren Strafe zu einer lebenslangen Bewährung umgewandelt werden sollte. Doch diese Umrechnung kam für Ligon nach knapp 70 Jahren im Gefängnis nicht infrage. "Ich möchte frei sein", sagte er. "Mit Bewährung muss man ständig seine Bewährungshelfer treffen. Ohne Erlaubnis darf man die Stadt nicht verlassen. Das gehört für mich aber zu Freiheit." Er blieb im Gefängnis.

Corona-Gefängnis in Schleswig-Holstein

Es dauerte mehr als drei weitere Jahre, bis sein Anwalt Bradley Bridge, der ihn seit 2006 vertritt, erstritten hatte, dass er nach all der abgesessenen Zeit als freier Mann gehen darf. Ein Sieg vor Gericht, der auch Hoffnung für Hunderte anderer Ex-Jugendliche bedeutet, die nach ihrer lebenslangen Strafe weiterhin auf Bewährung sind.

"Das war kein trauriger Tag für mich", zitiert der "Philadelphia Inquirer" Ligon. 90 Tage hatte er noch warten müssen – und die waren am 11. Februar um. Er hätte sich nur gewünscht, dass seine Eltern und sein Bruder das noch erlebt hätten. Nun muss sich der 83-Jährige, der auf einer Farm in Alabama aufgewachsen ist, erst einmal an die Großstadt gewöhnen – und an das 21. Jahrhundert.

Quelle:"The Philadelphia Inquirer"

bal

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker