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Joseph Ratzinger: Großinquisitor, Betonkopf, reforminteressiert

Vielen Katholiken und Christen läuft beim Namen Ratzinger wegen seiner harten Art ein eiskalter Schauer über den Rücken. Vertraute des neuen Papstes haben hingegen ein völlig anderes Bild von ihm.

Von Peter Kleinort

Joseph Ratzinger, ehemaliger Erzbischof von München und Freising, ist seit November 1981 im Vatikan. Er kennt den vatikanischen Machtapparat genau. Und in der Gruppe der Kardinäle, die über die ganze Welt verstreut sind, ist er einer der wenigen, den nahezu jeder der Kardinäle kennt.

Er galt als "Graue Eminenz" - als wichtigster Mann nach dem jüngst verstorbenen Papst Johannes Paul II.. Nun ist er als Benedikt XVI. selbst zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden. Ein umstrittener neuer Papst.

Den "Großinquisitor aus Marktl am Inn" nennen ihn seine Kritiker jedoch nicht nur, weil Ratzinger jenes Amt inne hatte, dem früher die Herren der Inquisition vorstanden, sondern auch weil er äußerst hart gegen anders Denkende vorgeht. Die "Heilige Inquisition" hatte sich bis in die Neuzeit auf die Fahnen geschrieben, gegen Ketzer und Häretiker vorzugehen notfalls auch mit Folter und Feuer. Kardinal Ratzinger ist heute viel umgänglicher.

Die, die ihn persönlich kennen, bezeichnen ihn als menschenfreundlich, eloquent und mediengewandt. Mit dem Scheiterhaufen oder Foltern würde er den rechten katholischen Glauben nicht mehr verteidigen wollen. Trotzdem gilt er bei Katholiken, gläubigen Christen und Kirchenkritikern als ein Vertreter der erzkonservativen Richtung. Manche bezeichnen ihn gar als "vatikanischen Betonkopf".

Ratzinger half mit, frischen Wind in die Kirchen zu lassen

Das überrascht, denn Ratzinger ist einer der Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil. Er gehörte in der 60er Jahren zu den Theologen und geistlichen, die, ermutigt durch den Reformeifer Johannes XXIII., die Fenster der katholischen Kirche weit aufstoßen und frischen Wind in die Kirchen lassen wollten. Weltzugewandt und reforminteressiert waren die Attribute, die ihm zugeschrieben. So setzte er sich 1968 zusammen mit dem Tübinger Theologen Hans Küng, "gegen Zwangsmaßnahmen bei irrigen theologischen Auffassungen". Später freilich unterstützte er Zwangsmaßnahmen gegen Küng - die mit der Amtsenthebung des populären Theologen endeten.

1953 promovierte er, und bereits mit 30 Jahren habilitierte er. Damals wäre er mit seiner theologischen Habilitationsschrift über die "Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura" fast abgelehnt worden. Er musste sie nochmals korrigieren. Trotzdem schaffte er es, als hochbeachteter Dogmatik-Professor an der Freisinger Hochschule, später lehrte er an den Universitäten Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg zu lehren.

Nach dem Konzil und seiner Berufung nach Rom kam die Wende: So trieb der Glaubenswächter 1992 den lateinamerikanischen Befreiungstheologen Leonardo Boff aus dem Priesteramt. Im gleichen Jahr war Ratzinger an der Formulierung des neuen Weltkatechismus beteiligt. Als sich die Bischöfe der süddeutschen Kirchenprovinz, Walter Kasper aus Rottenburg-Stuttgart, Oskar Saier aus Freiburg und der Mainzer Karl Lehmann für einen offeneren Umgang mit Geschiedenen einsetzten, kam es zum offenen Bruch mit Ratzinger.

Die Politik des Vatikans maßgeblich mitgeprägt

Tatsache ist: Ratzinger hat in den vergangenen Jahren die Politik des Vatikans maßgeblich mitgeprägt. Die in der Öffentlichkeit intensiv diskutierten Dokumente zur Sexualmoral, zum Schwangerschaftsabbruch, die vom Vatikan angeprangerte "Kultur des Todes" zur Rolle der Frau und der Laien in der Kirche, also der nicht ordinierten Katholiken, sind alle auch maßgeblich in der Glaubenskongregation unter Ratzinger mitformuliert worden. Die Leitlinien stammen vom Papst, aber es ist anzunehmen, dass Ratzinger, der als enger Vertrauter Johannes Pauls II. gilt, sehr eng in die Formulierung der theologischen Standpunkte eingebunden war.

Ratzinger ist und bleibt eine ambivalente Persönlichkeit. 1999 wurde er als "Motor der Ökumene" gepriesen, da er entscheidend an der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" zwischen katholischer Kirche und Lutherischem Weltbund mitgewirkt hatte. Das Dokument leitete eine theologische Annäherung der beiden seit Luther getrennten Kirchen ein. Ein Jahr später geriet er wegen der Schrift "Dominus Jesus" jedoch heftig in die Kritik vieler anderer Kirchen, als er den Vorrang der katholischen Kirche und des Papsttums betonte.

Seine große Stunde schlägt nach dem Tod des Papstes

"Er geht eines Tages mit Johannes Paul II. unter", urteilte einmal das katholisch-kritische "Publik-Forum". Es scheint eine Ironie der Geschichte, dass gerade nach dem Tod des Papstes nun die große Stunde Ratzingers schlägt.

Trotz seiner zum Teil schroffen theologischen Standpunkte gilt Ratzinger als Kompromisskandidat. Beobachter sehen ihm mit seinen 78 Jahren als eine Art Übergangspapst, der nicht lange im Amt bleibt und das Feld für einen lateinamerikanischen oder afrikanischen Pontifex bereitet. Erst vor Kurzem hatte Ratzinger in einem Interview mit dem US-amerikanischen Magazin "Time" noch gesagt, er könne sich vorstellen, das Papstamt nach zehn Jahren wieder niederzulegen. Dann wäre er 87 Jahre alt.

Und Ratzinger selbst? "Dieses Leben ist sehr hart. Ich warte ungeduldig auf die Zeit, in der ich noch einige Bücher schreiben kann", sagte Ratzinger vor einigen Jahren in einem Interview.