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Joseph Ratzinger: Rom feiert den deutschen Papst

Der 78-jährige Joseph Ratzinger ist als erster Deutscher seit rund 500 Jahren zum Papst gewählt worden. Als der Bayer aus Marktl am Inn erstmals als Benedikt XVI. den Balkon des Petersdoms betritt, brandet frenetischer Jubel auf.

Mit Überraschung und Freude nahm die Welt am Dienstag die Nachricht von der Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger zum Papst auf. Nach einem ungewöhnlich kurzen Konklave wurde der 78-Jährige zum Nachfolger von Johannes Paul II. gewählt. Der erste deutsche auf dem Stuhl Petri seit einem halben Jahrtausend wird am kommenden Sonntag mit einer Messe im Petersdom in sein Amt eingeführt. Der betont konservative Geistliche gab sich den Namen Benedikt XVI. Im August wird er zum Weltjugendtreffen in Köln erwartet.

Um 17.50 Uhr MESZ stieg Rauch aus dem Schornstein der Kapelle - die Entscheidung war gefallen, aber zunächst unklar. Erst nach mehreren Minuten wurde der Rauch deutlich weiß. Die Verwirrung wurde endgültig durch das Glockengeläut vom Petersdom beendet. Tausende Menschen strömten im Laufschritt zum Petersplatz, um die Worte "Habemus papam" zu hören und das Oberhaupt zu begrüßen.

"Benedikt! Benedikt!"

Ratzinger zeigte sich ebenso bewegt wie erfreut. Vom Balkon des Petersdoms erteilte Benedikt XVI. seinen ersten päpstlichen Segen. Mehrere zehntausend Menschen jubelten ihm zu und riefen in Sprechchören: "Benedikt! Benedikt!" Der 265. Papst der Kirchengeschichte winkte der Menge zu, während sich mehrere Kardinäle zu ihm gesellten. "Liebe Brüder und Schwestern", sagte der neue Papst. "Nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Kardinäle mich gewählt, einen einfachen, bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn." Aber ihn tröste die Tatsache, dass der Herr auch "mit mangelhaften Werkzeugen" handeln könne. "Ich vertraue mich euren Gebeten an", fügte er hinzu. Danach zog er sich mit den Kardinälen zum Abendessen zurück.

Die Entscheidung im erst am Vorabend begonnenen Konklave gab der chilenische Kardinal Jorge Arturo Medina Estevez mit den Worten bekannt: "Habemus papam" - auf Deutsch: "Wir haben einen Papst." Er begrüßte die Menge in mehreren Sprachen, auch auf Deutsch. Benedikt XVI. ist der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren.

Die 115 zum Konklave versammelten Kardinäle aus 52 Ländern erzielten schon im vierten oder fünften Wahlgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Von der Sixtinischen Kapelle des Vatikans stieg gegen 18.00 Uhr Rauch auf, dessen Farbe unklar war. Dann setzten die Glocken des Petersdoms ein und verkündeten der Welt die erfolgreiche Wahl des neuen Papstes. Die auf dem Petersplatz versammelte Menge rief in Sprechchören: "Viva il Papa!" - "Lang lebe der Papst!" Mehrere zehntausend Menschen brachen in Jubel aus. Die Glocken läuteten mehr als zehn Minuten lang. Radio Vatikan meldete: "Es hat nur 24 Stunden gedauert, erstaunlich, wie schnell er gewählt wurde."

Streng abgeschirmte Wahl

Es war erst das dritte Mal seit rund 100 Jahren, dass der neue Papst bereits am zweiten Tag des Konklaves gefunden wurde. Zum ersten Mal seit den Wirren des Avignoneser Exils im 14. Jahrhundert wählten die Kardinäle nacheinander zwei nicht aus Italien stammende Päpste. Die Papstwahl fand streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit statt. Anti-Abhöranlagen sollten sicherstellen, dass nichts nach draußen drang. Die Kardinäle sollten in der Kapelle keinerlei Kontakt zur Außenwelt und keinen Zugang zu Radio, Fernsehen oder Internet haben. So wollte der Vatikan sicherstellen, dass sich die Kardinäle nicht beeinflussen und sich nur durch den Heiligen Geist leiten lassen.

Bundespräsident Horst Köhler gratulierte Papst Benedikt XVI. und erklärte: "Dass ein Landsmann Papst geworden ist, erfüllt uns in Deutschland mit besonderer Freude." Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von einer "großen Ehre für unser ganzes Land". Benedikt XVI. kenne die Weltkirche wie kaum ein anderer und sei ein großer, weltweit geschätzter Theologe. Aus vielen anderen Ländern trafen ebenfalls Glückwünsche ein. Vertreter der kritischen "Initiative Kirche von unten" und der "Kirchenvolksbewegung" reagierten hingegen skeptisch bis ablehnend auf die Wahl des konservativen Theologen zum neuen Papst.

Bei der Wahl eines neuen Papstes war seit eineinhalb Jahrhunderten niemand älter als Benedikt XVI. Er diente dem am 2. April verstorbenen Johannes Paul II. seit 1981 als Präfekt der Glaubenskongregation. In dieser Funktion hatte er die Aufgabe, die Einheit des Glaubens zu wahren. Mit unnachsichtiger Strenge trat er immer wieder gegen Abtreibung, Verhütung oder die Priesterweihe von Frauen ein. Als Dekan des Kardinalskollegiums zelebrierte er am 8. April das Requiem für Johannes Paul II. und beeindruckte die katholische Welt mit einer bewegenden Predigt.

Wächter über die Kirchendoktrin

Der am 16. April 1927 im bayerischen Marktl am Inn geborene Ratzinger gilt als konservativer Hardliner und Wächter über die Kirchendoktrin. Er ist seit vielen Jahren im Vatikan und galt als enger Vertrauter von Johannes Paul II. Er war bisher Präfekt der Glaubenskongregation, Präsident der päpstlichen Bibelkommission sowie der Internationalen Theologenkommission. Zuvor war er Erzbischof von München und Freising.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters