HOME

Ohne Kontakt mit der Außenwelt: Diese Frau lebte bis zum 25. Geburtstag in einer Sekte - jetzt packt sie aus

Joy Nason wurde bei den Raven-Brüdern geboren, einer strengen religiösen Gemeinschaft. 25 Jahre lebte sie ohne Fernseher, Spielzeug und Kontakt zur Außenwelt. Nun packt sie über ihr Leben in der Sekte aus.

Joy Nason erzählt ihre Lebensgeschichte in der australischen Sendung "A Current Affair"

Joy Nason erzählt ihre Lebensgeschichte in der australischen Sendung "A Current Affair"

Joy Nason hate keine schöne Kindheit: Sie hatte kein Fernsehen, kein Spielzeug und keine Haustiere. Sie sang weder im Chor noch durfte sie ins Ferienlager. Sie durfte nicht einmal ihren oder den Geburtstag ihrer sieben Geschwister feiern. Ein trauriges Schicksal, doch es war Gottes Wille - so glaubte es Nason jahrelang. Denn sie wuchs inmitten einer Sekte auf, den sogenannten Raven-Brüdern. Dabei handelt es sich um eine der strengsten Religionsgemeinschaften der Welt.

International heißt die Gruppierung "Plymouth Brethren Christian Church" oder "Exclusive Brethren", weltweit gibt es knapp 300 Gemeinden mit 43.000 Mitgliedern, vor allem im englischsprachigen Raum.

Joy Nason wurde im englischen Bristol geboren, 1953 wanderte ihre Familie nach Sydney aus. Danach war ihr Leben nicht mehr wie vorher: Obwohl sie in einem normalen Haus lebten, mussten sie täglich an Treffen mit anderen Raven-Mitgliedern teilnehmen. Ein Kontakt zu anderen Menschen war verboten, es galten einzig und allein die Gesetze der . Zudem herrschte ständig ein Klima der Angst, in dem man stets alle Sünden gestehen sollte.

Leben in ständiger Angst

Lange hinterfragte Nason die skurrilen Praktiken des Kults nicht. Als sie später einen in einem Büro bekam, vermied sie es sogar, mit ihren Kollegen zu sprechen. Ihr Mittagessen aß sie stets allein. "Das Schlimmste war die Angst - die Angst, ein Sünder zu sein und von Gott bestraft zu werden", sagte die heute 71-Jährige dem australischen "Daily Telegraph".  

Nur einmal habe sie als junge Frau gegen die strengen Regeln verstoßen, als sie sich heimlich ins Kino schlich. "Man durfte keine Filme anschauen. Monatelang hatte ich Angst, dass es auffliegt."

Als sie das Leben voller Verbote zu sehr einengte, entschloss sie sich im Alter von 25 Jahren, der Religionsgemeinschaft für immer den Rücken zu kehren. Doch der Preis dafür war hoch: Sie musste ihre Familie für immer verlassen. "Ich denke, dass die Sekte wirklich viel Schlimmes verbrochen hat", sagt Nason der "Daily Mail". "Sie hat das Leben meiner Familie zerstört. Sie hat alle Beziehungen kaputt gemacht. Ich werde nie vergessen, wie ich das letzte Mal aus meinem Elternhaus gelaufen bin - solche Dinge vergisst man nicht."

Joy Nason nach ihrer Flucht

Joy Nason nach ihrer Flucht

"Ich war ausgebrochen."

Ihre tragische Lebensgeschichte erzählte sie auch in der australischen Fernsehsendung "A Current Affair". Als sie sich gemeinsam mit Reporter Ben McCormack ein altes, verbleichtes Foto von ihr in schwarzer Bluse und weißer Jeans anschaut, sagt sie: "Es war eine Sünde, Männer-Klamotten zu tragen. Hier bin ich zu sehen, als ich meine erste Jeans kaufte. Es zeigt, dass ich die Fesseln gesprengt hatte - ich war ausgebrochen."

Ein anderes Foto zeigt sie strahlend mit neuer Frisur an einer Weggabelung. Neben ihr steht ein weißes Schild. "Da bin ich! Sydney, 11.946 Meilen entfernt. Ich dachte, ich bin von meinem alten Leben so weit weg, wie es nur möglich war."

Joy Nason freut sich über die gewonnene Freiheit

Joy Nason freut sich über die gewonnene Freiheit

Auch der Vater hatte es schwer

Obwohl sie mit 25 Jahren floh, überwand sie das Trauma ihrer Kindheit erst Jahre später. Ihre Mutter sah sie nie wieder. Als sie 1991 starb, konnte Nason nicht einmal zu ihrer Beerdigung.

Auch ihr Vater hatte ein schweres Los: Weil er den Anführer kritisierte und die Praktiken der Sekte hinterfragte, wurde er aus der Gruppe verbannt. "Meine Mutter musste ihn verlassen. Sie wurde vor die Wahl gestellt, sich von ihm zu trennen oder die Gruppe ebenfalls zu verlassen. Es gab keine andere Option." Sie entschied sich für die Gruppe - und gegen ihn. "Das hat ihm das Herz gebrochen", sagte Nason dem "Telegraph". "Ich glaube, das hat ihn für den Rest seines Lebens traumatisiert. 10 Jahre lebte er mit diesem Gefühl."

Das letzte Familienfoto

Das letzte Familienfoto

Für Nason wendete sich nach der Flucht vieles zum Guten. Sie holte ihren Abschluss nach, unterrichtete an einer Berufsschule, gibt Kurse in Schulen und singt in einem Chor. "Ich habe die Entscheidung nicht einen Moment bereut." Sie war dreimal verheiratet und hat einen Sohn und einen Enkel. "Ich hab in vielen Momenten um die Beziehungen getrauert, die ich beenden musste. Aber statt dieses stickigen Orts wählte ich die Freiheit."

Über ihr Leben hat Nason nun ein Buch geschrieben.