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Corona und die Folgen Jugend zwischen Pandemie und Party: "Wenn alle geimpft wären, würde ich feiern, bis der Arzt kommt!"

Junge Menschen im Mauerpark in Berlin
Junge Menschen im Mauerpark in Berlin: Wann wird mal wieder so gefeiert wir früher? (Symbolbild)
© Paul Zinken /dpa
Es wurde viel über sie geredet, aber wenig mit ihnen: Die sozialen Bedürfnisse der Jugend wurden in Corona-Zeiten weitestgehend ignoriert. Vier junge Menschen berichten, wie sie die letzten Monate erlebt haben.

Kaum war die Ausgangssperre aufgehoben, stürmten Jugendliche und junge Erwachsene in den vergangenen Wochen in zahlreichen Städten die Parks und Szeneviertel. Zumindest unter freiem Himmel war es ihnen schließlich endlich wieder erlaubt, in etwas größerem Kreis zusammenzukommen.

Dass es daraufhin hier und dort auch mal eskaliert ist und die Polizei eingreifen musste, ist nach Monaten der Entbehrung nur zu verständlich. Tanzen, Party, mit Freunden rumhängen – so ziemlich alles, was Jugend ausmacht, war schließlich lange verboten.

Tanzen, Party, Freunde – alles verboten

In diesem besonders dunklen und tristen Pandemie-Winter wurde in Medien und Politik zwar gerne und viel über die Jugendlichen geredet, dafür umso weniger mit ihnen – und ihre sozialen Bedürfnisse wurden dabei weitestgehend ignoriert.

Aber wie erging es ihnen eigentlich in dieser Zeit – und was erhoffen sie sich von diesem Sommer? Vier junge Menschen berichten dem stern, wie sie diese Pandemie erleben.

Lennart Friemel, 18, Hamburg: "Es hat einfach so gefehlt, das Leben mal wieder richtig zu spüren"

"Ich muss zugeben: Die ersten Lockerungen habe ich gleich sehr, sehr ausgenutzt. Ich habe mich viel mit Freunden getroffen, seit es wieder möglich war. Wir werden in der Schule getestet, dadurch fühlt man sich selbst sicherer. Klar macht man sich Gedanken und fragt sich, ob es schon wieder gut ist, viele Leute zu treffen – aber weil wir Schüler ja alle getestet sind, machen wir uns keine Sorgen ums Allgemeinwohl, wenn wir uns untereinander treffen. Und wenn in meinem Umfeld alle geimpft wären, würde ich feiern, bis der Arzt kommt!

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich in den letzten Monaten die ganze Zeit an die Regeln gehalten habe. Wobei es in der Zeit des Lockdowns schlicht nicht möglich war, viel zu machen. Aber als es im Dezember oder Januar noch keine Ausgangssperre gab und die Zahlen bereits am Explodieren waren, war ich an manchen Wochenenden trotzdem mit ein paar Leuten unterwegs, weil man es einfach nicht ausgehalten hat, die ganze Zeit allein zu sein.

Der monotone Ablauf des Homeschoolings, keine sozialen Kontakte mehr – dabei lebt die Jugend doch davon, sich auszutauschen, sich auszuprobieren. Und das Problem war: Das fiel alles einfach weg. Manchmal bin ich deshalb in ein psychisches Loch gefallen, denn jeder Tag war gleich und gleich langweilig. Da war es dann einmal in zwei Wochen einfach nötig zu sagen: Ich kann nicht mehr, ich muss jetzt Leute sehen. Da hat man dann auch mal ein paar Corona-Regeln nicht so richtig eingehalten und stattdessen sein eigenes Ding gemacht, weil man es sonst auch gar nicht durchgestanden hätte. Ein Glück war das Wetter so schlecht im Winter – wären die Zahlen jetzt im Sommer so hoch, wäre es unmöglich, dass wir alle zuhause bleiben.

Letztlich hat jeder für sich einen Ausgleich gefunden. Ich hatte Glück, weil ich verdammt viel Sport mache – normalerweise im Fitnessstudio, aber ich bin so ein Junkie, ich habe alles zuhause und konnte also hier trainieren. Ansonsten habe ich viele Videospiele gespielt und unglaublich viel geschlafen. 

Komischerweise habe ich die Schule vernachlässigt, obwohl ich ja theoretisch viel Zeit dafür hatte. Aber die Motivation ging zuhause komplett flöten. Ich wollte nicht Spanisch machen, wenn ich stattdessen auch Netflix gucken konnte. Am Ende habe ich mich aber zum Glück gefangen und meine Noten sind immer noch gut. Aber allein in meiner Klasse sind immens viele Leute abgestürzt, was das Schulische angeht.

Die Corona-Regeln waren für mich immer komplett angemessen, ich fand sie sogar manchmal ein bisschen zu lasch. Aber man hätte viel früher mit dem großflächigen Testen anfangen sollen, auch wenn es logistisch schwierig war. Das hätte so viel erleichtert. Ich muss aber auch sagen: In meinem Umfeld hatte keiner wirklich einen Plan, wie die Regeln gerade aussahen. Von uns schauen auch nicht so viele Leute Nachrichten oder so. Ich hatte zwar immer einen groben Überblick, aber so komplett wusste ich auch nie, was gerade verboten war und was nicht.

Ob die Jugend in der Pandemie vernachlässigt wurde, finde ich schwierig zu sagen: Einerseits verspüren wir eine Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit und wollen unsere Mitmenschen nicht gefährden. Da muss man dann auch mal zuhause bleiben. Aber es stimmt schon, dass auf die sozialen Bedürfnisse der jungen Menschen wenig bis gar nicht eingegangen wurde. Darüber wurde überhaupt nicht diskutiert. Dabei ist der Austausch mit anderen Leuten in unserem Alter für die Entwicklung so wichtig! Aber das wurde als nicht wichtig genug empfunden. Dabei waren die sozialen Medien für uns auf Dauer auch kein Ersatz. Es hat einfach so gefehlt, das Leben mal wieder richtig zu spüren."

Marie Westermann, 19, Berlin: "Was bringt das gerade – ich bin zuhause und alle anderen haben Spaß?!"

"Seit den Lockerungen fühlt es sich für meine Freunde und mich auf jeden Fall entspannter an. Draußen – nicht drinnen – sehe ich jetzt schon wieder ein paar mehr Leute. Das liegt auch daran, dass in meinem Freundeskreis inzwischen schon einige geimpft sind, ich auch. Dadurch fällt eine Last weg. Und ich kriege auch die Uni inzwischen wieder besser hin. Im Winter war ich die ganze Zeit zu Hause, jetzt bin ich öfter im Park oder am See, gehe mal wieder was essen. Ich merke auch, dass ich dadurch ein bisschen ausgeglichener bin als vor ein paar Wochen oder Monaten.

Mein kleiner Vorteil war, dass ich vor einem Dreivierteljahr zuhause ausgezogen bin in eine WG. Wir leben hier zu dritt und wir hatten halt uns. Das ist was anderes, als mit den Eltern zusammen zu wohnen. Wir konnten also ein bisschen was zusammen unternehmen. Aber ansonsten habe ich im Winter, wenn überhaupt, ab und zu mal eine Freundin getroffen, aber den Rest der Zeit war ich komplett zuhause. Ich saß eigentlich den ganzen Tag in meinem Zimmer, hab Uni gemacht, zwischendurch mal eine Serie geguckt oder Sport gemacht – aber mir hat dieser Ausgleich schon sehr gefehlt, die sozialen Kontakte. Das war nicht so einfach.

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Irgendwann wurde ich ratlos vor Langeweile. Nach Silvester, im Januar und Februar, wurde es langsam ein bisschen aussichtslos und man wollte nur noch, dass es aufhört. Ich mache halt auch gerne Sport, spiele Tennis – und diese Workouts im Internet wurden auf Dauer schon sehr langweilig.

Die Corona-Regeln fand ich immer sehr angemessen, weil ich nachvollziehen kann, dass es eine Krisensituation ist und dass man es nicht jedem recht machen kann. Die Ausgangssperre fand ich an sich sinnvoll, habe aber auch in meinem Umfeld schnell gemerkt, dass diese Regeln sich vor allem hier in Berlin einfach nicht richtig durchgesetzt haben. Irgendwann hatte ich den Wunsch, man würde einfach für drei Wochen einen kompletten Shutdown durchziehen, um dann anschließend vielleicht wieder aufzumachen. Es war nämlich manchmal schwierig, weil man hier in Berlin viele Leute kennt, wenn man jung ist – und dann sieht man auf Instagram irgendwelche Stories, wie Leute die Regeln nicht beachten und ihr Leben normal leben, während man selbst seit fünf Monaten zuhause sitzt. Da habe ich mich irgendwann schon mal gefragt: Was bringt das gerade – ich bin zuhause und alle anderen haben Spaß?!

Ich selbst hatte das Virus schon, Anfang November zu Beginn des zweiten Lockdowns. Ich hatte keine Kontaktperson und kann nur vermuten, dass ich es mir im Fitnessstudio geholt habe, weil das der einzige Ort war, wo ich bis zum Lockdown weiter hingegangen bin. Der Verlauf war gar nicht schlimm, ich war nur ein paar Tage erkältet und ein bisschen schlapp. Aber als ich irgendwann mit meiner Mitbewohnerin einkaufen gehen wollte, habe ich mein Parfüm aufgetragen – und habe es nicht gerochen. Nach ein paar Tagen habe ich dann Panik bekommen und einen Test gemacht, und der war dann tatsächlich positiv. Der Geruchssinn kam dann nach drei, vier Wochen wieder. Aber es war, wie gesagt, gar kein schlimmer Verlauf – es war nur ein komisches Gefühl, weil es halt Corona war.

Im Lockdown selbst hatte ich dann keine Angst mehr, mich zu infizieren, weil ich es ja gerade erst hatte. Was mich aber immer sehr mitgenommen hat, war die Angst, meine Eltern oder meine Mitbewohner anzustecken, als ich erkrankt war. Den Gedanken fand ich eigentlich am schlimmsten."

Benjamin Kaster, 22, Mainz: "Ich habe mich mit den aktuellen Regeln nicht weiter befasst, weil mir das auf den Sack ging"

"Wir haben die Lockerungen in der letzten Zeit absolut ausgenutzt, weil zum Glück auch das Wetter mitspielt. Vorher war das eher schlecht und es durften sich ja auch nur ein oder zwei Haushalte treffen. Jetzt machen wir jedes Wochenende was, auch zu viert oder zu fünft, gehen in den Park, trinken was, spielen was, und bleiben auch mal ein bisschen länger draußen. Und es tut auch einfach richtig gut, mal wieder rauszukommen. Man weiß das auch ganz anders zu schätzen. Es fühlt sich auch noch ein bisschen besser an als vor dem Lockdown. Denn der Ablauf war schließlich die ganze Zeit gleich: Du gehst arbeiten, kommst heim, gehst schlafen – und dazwischen konnte eigentlich nix mehr passieren. Und jetzt ist es wieder erlaubt und das macht viel aus.

Ganz zu Beginn der Pandemie habe ich so gut wie gar nichts unternommen, weil alles noch so unklar war. Aber mit der Zeit habe ich mich an den Wochenenden zumindest ab und zu mal mit einem Freund am Rhein getroffen, bisschen reden und spazieren, natürlich mit Abstand. Das war dann schon mal ganz cool, aber so wirklich viel habe ich ansonsten nicht gemacht. Anfangs hatte ich schon auch Angst vor dem Virus, inzwischen eher Respekt. Ich habe zum Glück auch schon meine zweite Impfung erhalten.

Was die Regeln betrifft, habe ich zum Beispiel nicht verstanden, warum die Baumärkte dichtgemacht wurden. Da ist massig Platz und die Abstandsregeln könnten locker eingehalten werden. Und wenn es doch eigentlich machbar ist, warum muss es dann so eine Schließung geben? 

Ansonsten habe ich mich mit den aktuellen Regeln nicht weiter befasst, weil mir das auf den Sack ging. Ich habe einfach nur gehofft, dass es bald vorbei ist. Es kommt halt täglich in den Nachrichten, und irgendwann kannst du es auch einfach nicht mehr hören.

Ob die Jugendlichen in der Pandemie vernachlässigt wurden? Na ja, wie hätten sie denn noch mehr auf die jungen Leute eingehen können? Klar, wir wollen feiern gehen und so, aber das geht halt gerade einfach nicht. 

Was die Schule angeht, war der Online-Unterricht ja ein großes Thema – und das war schon ein enormer Unterschied und konnte den Präsenzunterricht nicht einmal ansatzweise ersetzen. Du bist automatisch fauler, wenn du vorm Computer sitzt, du lässt dich schneller ablenken und bist nicht so gut integriert in den Unterricht.

Von großen illegalen Partys wie in Berlin oder Hamburg habe ich hier in Mainz bisher nichts mitbekommen. Ich war häufiger am Rhein und da waren zwar relativ viele Leute, aber immer nur höchstens fünf Haushalte, wie erlaubt. Die Polizei ist da gefühlt auch alle fünf Minuten vorbeigefahren und hat kontrolliert.

Grundsätzlich habe ich die Hoffnung, dass nun langsam alles besser wird. Aber ich befürchte trotzdem, dass noch mal ein kleiner Einbruch kommt. Ich glaube, es ist noch nicht vorbei. Wir werden uns noch länger mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Dafür kommen sie mit dem Impfen einfach nicht schnell genug hinterher."

Anna, 24, Hamburg: "Konzert- und Festivaltickets sind gebucht, die Hoffnung ist da"

"Große Partys gibt es ja leider noch gar nicht, da die Clubs immer noch geschlossen sind. Aber ich habe meinen Geburtstag vor ein paar Tagen bei mir zuhause mit einer kleinen Gruppe feiern können. Da jetzt schon manche aus dem Freundeskreis geimpft sind, konnten wir uns auch an die Regulierungen halten. Trotzdem hätte ich meinen Geburtstag gerne größer gefeiert, ob privat zuhause oder im Club. 

Ich bin schon sehr oft essen gegangen oder abends was trinken gegangen mit Freunden, seitdem man wieder in die Außengastronomie darf. Man sieht aber auch sofort, dass das hauptsächlich Hamburger in ihren Zwanzigern machen – und eher weniger ältere Menschen ausgehen. Außerdem konnte ich endlich wieder trainieren gehen. Ich spiele Volleyball und weil der Sport drinnen stattfindet, war das vorher sehr lange nicht mehr möglich gewesen.

Ich habe mich trotz der Regeln mit Freunden getroffen. Zwar nicht im großen Kreis, aber schon meist in einer Dreiergruppe, was ja auch schon verboten war. Ich denke, jeder hat da sein Mittelmaß gefunden. Ich habe mich – außer bei den Kontaktbeschränkungen – aber schon sehr an alles gehalten.

Sowohl bei mir als auch bei meinen Freunden ist die Angstwelle ziemlich schnell vorbeigegangen. Trotzdem habe ich natürlich immer noch ein bisschen Bedenken, insbesondere in größeren Menschenmengen, da ich auch leichtes Asthma habe. Ich bin aber auch seit kurzem geimpft und daher ist die Angst relativ klein geworden.

Da meine Familie gar nicht in Hamburg wohnt und ich von zuhause aus studiere und arbeite, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemanden anstecken könnte, sehr gering. Ich weiß, dass meine Freunde sich vorsichtig verhalten und an viele Regeln halten, weshalb ich mir bei ihnen weniger Sorgen mache. 

Die Kontaktbeschränkungen oder die Dokumentation der Daten beim Besuch einer Location kann ich schon verstehen und halte ich auch für sinnvoll. Dennoch konnte ich die Regulierungen, wie zum Beispiel das Alkoholverbot oder die Ausgangssperre, nicht verstehen. Alles, was man abends unternehmen kann, ist schließlich auch tagsüber möglich – das gilt auch fürs Trinken.

Ich denke, die jungen Leute wurden in der Pandemie auf vielen Ebenen vernachlässigt: Viele Studierende mussten ins Onlinestudium wechseln, was sie sehr belastet hat. Außerdem waren die meisten Universitäten und Hochschulen darauf nicht vorbereitet. Viele Studierende haben ihre Jobs verloren. Dazu natürlich die Veränderung des sozialen Umfeldes: Wenn die Studierenden zuhause lernen und arbeiten und ihnen kein Ausgleich geboten wird, belastet sie das psychisch.

Die ganzen Erfahrungen, die man in der Jugend sammelt und der Ausgleich, den man durch Hobbies, Gruppen oder auch durch das Feiern bekommt, haben die meisten gar nicht mehr. Und es wird ihnen weder finanzielle Hilfe noch psychische Hilfe angeboten. Stattdessen wurden in der Pandemie besonders die jungen Leute kritisiert und für die Verbreitung schuldig gemacht. Ich denke, man hätte die jungen Leute während der Pandemie mehr unterstützen sollen.

Wie bereits erwähnt, würde ich die aktuellen Möglichkeiten nicht als wirkliches Feiern betrachten. Dafür ist alles noch zu steril und geordnet. Aktuell kann man sich ja nur in die Bars setzen und gemeinsam trinken. Die Gastronomen achten sehr darauf, dass die Masken getragen werden und man sich an alle Beschränkungen hält. Andererseits war man aber auch schon in der Situation, dass es mal voller auf den Straßen geworden ist und das war schon etwas komisch.

Die Hoffnung stirbt aber zuletzt. Konzert- und Festivaltickets sind gebucht und die Hoffnung ist da, dass sie noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Und natürlich auch, dass die Clubs auf dem Kiez bald wieder aufmachen und man wieder unter Leuten verloren gehen kann."


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