Jugend und Alkohol "Alkohol verbieten oder nicht mosern"


Kinder und Jugendliche, die wegen übermäßigen Alkoholkonsums ins Krankenhaus mussten, haben eine Debatte über jugendliches Trinkverhalten ausgelöst. Lesen Sie, welche Problemursachen und Lösungsmöglichkeiten die stern.de-Leser sehen.

Der Fall eines 16jährigen Berliners, der mit über 4,8 Promille in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und nach mehreren Wochen im Koma starb, hat eine Debatte über die Trinkgewohnheiten Jugendlicher ausgelöst. Auch die stern.de-Leser diskutierten in Forenbeiträgen und Kommentaren.

"Dieser Junge muss seit vielen Jahren 'trainiert' haben, sonst wäre so ein Alkoholspiegel gar nicht zu erreichen! Das bedeutet auch, dass diese Eltern eben NICHT von einer einmaligen, tragischen Spontanhandlung überfallen worden sind. Nein, es war das traurige Ende einer langen Entwicklung, die man lange vorher hätte stoppen müssen! Und zwar nicht Wirte, Freunde, Sozialarbeiter oder sonstige Menschen, sondern eben DIE, die jedem Menschen das Leben geschenkt haben! Was bedeutet denn Familie überhaupt noch, wenn Eltern nie Verantwortung übernehmen müssen?", schreibt Maruja.

Eltern mit einer "Scheissegal"-Haltung

Tatsächlich stehen für die meisten Leser die Eltern alkoholisierter Jugendlicher im Zentrum der Kritik, weil sie ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. So schreibt Marty_D: "Wir haben früher auch gesoffen wie die Löcher, aber bei uns war es noch so, dass wenn man zu besoffen nach hause kam, hat es einen hinter die Löffel gegeben und 2 Wochen Hausarrest! Da hat man sich das zweimal überlegt." Auch GeorgesMum beklagt mangelndes Verantwortungsbewusstsein einiger Eltern von Klassenkameraden: "Ich kann mich noch gut zurückerinnern, dass viele in meiner Altersklasse ohne Alkohol unter der Woche schon gar nicht mehr zurecht kamen. Das waren genau die, deren Eltern in einer 'Scheissegal'- Haltung gesteckt haben."

Ninichan appelliert dagegen an die Eigenverantwortung der Jugendlichen, die ihre Probleme versuchen, wegzutrinken: "Anstatt das eigentliche Problem mal anzupacken, ihre Hoffnungslosigkeit, saufen sie es lieber oberflächlich weg und verdrängen es, anstatt mal etwas sinnvolles zu machen." Ninichan hat aber auch erfahren, was für eine große Rolle Gruppenzwang spielt, wenn Jugendliche trinken: "Ich wurde ausgeschlossen, weil ich keinen Alkohol mag! Immer mit dem Argument: 'Boah, bist du langweilig!' oder 'Bist du aber schlecht drauf!' Und wenn ich mal schlecht drauf war, dann nur, weil ich wieder zum tausendsten Mal als Langweiler abgestempelt wurde, ich sei 'komisch' und 'anders', weil ich keinen Alkohol trinke."

Eine Gesellschaft ohne Werte

Für die Ursachen des jugendlichen Alkoholkonsums interessiert Pacm sich besonders: "Vielleicht sollten sich viele Eltern/Erwachsene erstmal fragen, warum manch Jugendlicher das sogenannte 'Komasaufen' praktiziert." Die Antwort darauf glaubt Countryjoe bereits gefunden zu haben: "Traurig, wenn der Suff für die Jugend die einzige Perspektive ist. Aber kein Wunder in einer Gesellschaft die keinerlei Werte mehr hat." Ganz so drastisch sieht es Entropy nicht, stellt aber für die aktuellen Generation Jugendlicher ebenfalls die Frage der Perspektive: "Ich denke, das größte Problem meiner Generation ist, dass man sich fragt: 'Was mach ich eigentlich nach der Schule? Soll ich 40 Jahre eine Job machen?'".

Von den Politikern erwartet Entropy jedoch keine konstruktiven Lösungevorschläge: "Ich war wieder einmal erstaunt, mit welcher Ignoranz und Weltfremdheit die Politiker an das Problem herangehen - mit Verboten... Natürlich, sobald irgendetwas nicht passt, muss ein Verbot her." Den Sinn neuer Verbote und Gesetze bezweifeln zahlreiche stern.de-Leser, wie etwa Tut_nix_zur_Sache: "Verbote schützen nicht die Kinder/Jugendlichen, sie entbinden meiner Meinung nach einfach die Erwachsenen von ihrer Aufsichtspflicht." Solange Trinken für Jugendliche als cool gelte, nützten auch keine neuen Gesetze, meint GeorgesMum: "Die kommen doch eh überall ran, wo sie ranwollen."

Die Polizei ist genervt

Diese Erfahrung hat auch Leseratte79 während der Arbeit im Gastgewerbe gemacht: "Jugendliche vom Saufen abzuhalten wird immer schwerer! Sie gehen schon angetrunken weg oder trinken vor den Lokalitäten, drinnen geht's dann weiter... Wenn Sie selber nix bekommen, dann der Kumpel oder die Mädels schmuggeln im Stiefel was rein. Ruft man die Polizei hinzu, sind der die Hände gebunden oder ist 'genervt', weil sie es als 'Kleinigkeit' ansehen."

Liriel ist trotz dieser Schilderungen für ein Alkohol-Abgabeverbot an Jugendliche: "Schuld hat der Jugendliche selbst, der freiwillig Alkohol trinkt, sich durch vermeintlichen Gruppenzwang dazu animieren lässt, die Eltern, die ihrem Kind nicht die Werte vermittelt haben, die es erkennen lassen, wie viel Alkohol gut oder eben nicht mehr gut für einen selbst ist, der Gesetzgeber, der nicht die Gesetzeslage schafft." Für Daniel-Duesentrieb wird der Gesetzgeber seiner Verantwortung sehr wohl gerecht. Er sieht stattdessen die Polizei in der Pflicht, bestehende Verbote durchzusetzen: " Können die auch mal von Kneipe zu Kneipe gehen und alle Besucher nach ihren Ausweisen fragen? Alle unter 18 Jährigen, die um 1 Uhr noch in der Kneipe sind, werden dann in 'nen großen Polizei-Bulli geladen und schön nachhause gefahren."

Alkohol verbieten oder nicht rummosern

Ähnlich unterschiedlich wie schärfere Gesetze bewerten die stern.de-Lerser auch, ob es sich überhaupt um ein neues Phänomen handelt. Mirow meint: "In meinem pubertären Alter gab es zumindest das sogenannte Koma-Saufen nicht, ich kann mich auch nicht erinnern, das sich junge Mädchen bis zum 'Filmriss' volllaufen ließen." Marty_D ist in diesem Fall ganz anderer Meinung - oder gehört einer anderen Generation an: "Was für ein Schwachsinn. Komasaufen wurde grade erst erfunden?! Wir haben schon in den 80gern und 90gern Komasaufen veranstaltet. Das ist nichts neues." Daher lautet sein Fazit: "Entweder Alkohol ganz verbieten oder nicht rummosern - besonders die alles aufbauschen Presse. Prost!"

Thomas Krause

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