HOME

Jugendstrafvollzug: Seehaus statt Sibirien

Das Projekt Seehaus in der Nähe Stuttgarts geht neue Wege im Umgang mit kriminellen Jugendlichen. Harte Arbeit und die Geborgenheit einer Familie ersetzen Zellen und Wärter - trotz offener Türen ist bisher noch keiner abgehauen.

Von Eva Wolfangel

Natürlich denkt er ans Ausbrechen. Er steht am Fenster und schaut über die alte Reithalle und den kleinen See hinweg. Draußen die Bundesstraße im morgendlichen Berufsverkehr, Autos, Lastwagen, kurz dahinter die Autobahn 8, Linienbusse direkt vor der Tür. Wenige Minuten bis Leonberg, eine halbe Stunde nach Stuttgart, ein paar Stunden an jeden Ort in Deutschland. Er müsste nur das Haus verlassen, den Weg hinuntergehen, durch das offene Tor. "Der erste Gedanke hier ist Abhauen", sagt Steffen F., "aber das wäre dumm." Vor einigen Monaten wäre er beinahe zum Mörder geworden. Jetzt lässt er sich von etwas abhalten, weil es dumm ist? Steffen zuckt mit den Schultern.

Noch keiner ist abgehauen. Der so genannte "Jugendstrafvollzug in freien Formen" im Leonberger Seehaus ist ein Knast ohne Wärter, Zellen und Zäune. Bis zu 14 jugendliche Häftlinge zwischen 14 und 21 Jahren können sich aus dem Gefängnis heraus bewerben und das Eingesperrtsein gegen einen harten Arbeitsalltag eintauschen. Frühsport, Putzen, Arbeit auf dem Bau, Schule, Hausaufgaben, Gesprächskreise, Gebete, keine Minute zur freien Verfügung, Programm von 6 bis 22 Uhr.

Pünktlichkeit ist eines der obersten Gebote

Ende der Frühschicht auf dem Bau. Steffen fegt zusammen mit einem Mithäftling. Der bewegt sich in Zeitlupe. "Peter, jetzt mach schon", sagt Steffen ungeduldig. Aber Peter hat es nicht eilig. Seine Augen blitzen angriffslustig unter seiner Mütze hervor. Die Zeit ist knapp. Pünktlichkeit ist eines der obersten Gebote im Seehaus. Eine Minute Verspätung gibt eine Note Abzug. Wer fünf Minuten zu spät kommt, kassiert eine sechs. Und Steffen hat etwas zu verlieren. Er ist in der Seehaus-Hierarchie aufgestiegen, weil er sich streng an die Regeln gehalten hat. Jetzt darf er sich frei auf dem Gelände bewegen und Verantwortung für andere übernehmen. Peter steht noch ganz unten. Er muss um Begleitung bitten, selbst wenn er auf die Toilette geht. Er hat nichts zu verlieren. "Ich habe keinen Bock mehr auf dieses Projekt", zischt er. Dann stellt er den Besen in die Ecke.

"Kein Bock" hat in der Welt von Tobias Merckle wenig Platz. Der Gründer des Seehauses-Projektes hat Gefängnisse in mehr als 30 Ländern besucht. Der Sozialpädagoge hält nichts von Wegsperren oder militärischem Drill. "Wir setzen auf die positive Gruppenkultur." Außerdem will er mit seinem Familienkonzept Geborgenheit vermitteln. Er teilt diesen bundesweit einmaligen Ansatz mit einem weiteren Projekt in Creglingen. In den vier Jahren des Bestehens sind fünf Jugendliche freiwillig zurück ins Gefängnis gegangen. Lediglich zwei der 30 Teilnehmer, die das vom Land finanzierte Programm erfolgreich beendet haben, wurden rückfällig. Der Vergleich zu einer Rückfallquote von 80 Prozent im regulären Strafvollzug rechtfertigt die Kosten von 200 Euro pro Platz und Tag, findet Merckle.

Noten fürs Betragen

Vor der Mittagspause umringen die jungen Männer Bau-Projektleiter Andreas Ziegner und strecken ihm ihre Bewertungsbögen entgegen. Noten gibt es für Pünktlichkeit, Sozialverhalten, Arbeitstempo und -qualität, Ordnung, Motivation und Bekleidung. "Wie bewertest du deine Motivation?", fragt Ziegner Steffen. "Ich habe eine Eins verdient, ich war sehr motiviert, ich habe immer mitgearbeitet", sprudelt es aus Steffen heraus. "Reicht das?", fragt der Projektleiter. "Eine Eins bedeutet eine hervorragende Leistung, über das Geforderte hinaus." Er trägt eine Zwei ein. Peter hingegen versucht gar nicht erst zu verhandeln. "Fünf", sagt er mit einem Seufzer auf jede Frage. Nur für Pünktlichkeit bekommt er eine Zwei.

Um Noten zu feilschen wäre früher nicht Steffens Fall gewesen. Früher, als er mit seinem Roller durch die Straßen der Kleinstadt fuhr auf der Suche nach einer Gelegenheit zum Prügeln. "Ich war immer der Erste, der dabei war", sagt er. Er hatte immer Glück. Bis auf das eine Mal, als seine Jugendgang auf eine andere trifft. Eine Massenschlägerei. Am Ende bleibt einer liegen. Steffens Opfer überlebt nur knapp. Wenige Tage später klicken vor den Augen der entgeisterten Eltern die Handschellen. "Ich war daheim der liebe Sohn und auf der Straße der kleine Gangster." Das klingt, als rede er über einen Fremden. Heute fragt er sich, wie er "da überhaupt reingeraten" ist. Er muss es sich fragen, denn die Aufarbeitung der Tat gehört zum Programm im Seehaus. Eine Antwort hat er noch nicht gefunden. "Ich hatte ein gutes Leben", sagt er, "ich war ein guter Schüler, ich hatte legales Geld, einen Roller und eine Freundin."

Eine Familienleben für 15 Minuten

Nach dem Mittagessen geraten Amos K. und Nejat M. aneinander. "Jetzt hilf du auch mal beim Abwasch", schnauzt Amos den zierlichen Jungen mit dem stets leicht gesenkten Kopf an. "Ich bin doch schon dabei", sagt Nejat genervt. Im Wohnzimmer ist Familienstimmung aufgekommen, Hausmutter Irmela Abrell fragt ihre vier Söhne auf Zeit, wie es in der Schule läuft oder was der Arzt gesagt hat. Ihre leiblichen Töchter, anderthalb und drei Jahre alt, lassen sich von den Jungs herumtragen und suchen Kunden für den Kaufladen. Nach dem Abwasch spielt Amos geduldig mit. Neben den kleinen blonden Mädchen wirkt der dunkelhäutige 21-Jährige mit der Löwenmähne wie ein großer gutmütiger Bär. Nejat setzt sich ans Klavier und spielt versunken vor sich hin. Es ist eine Stimmung wie an Weihnachten, wenn eine große Familie endlich Zeit füreinander hat. Für genau 15 Minuten. Das sieht der Zeitplan so vor.

Im Englisch-Unterricht sollen die Schüler ihren Tagesablauf im Seehaus beschreiben. Die Jungs schauen in die Luft und schweigen. "Stellt euch vor, ihr trefft ein Mädchen, das nur Englisch spricht", sagt die Lehrerin, "sie fragt euch, wo ihr wohnt und wie es dort ist." Schweigen. "Es ist ein sehr hübsches Mädchen", hilft die Lehrerin nach. Grinsen. "Ja was soll ich der denn sagen", flüstert Peter seinem Nebensitzer zu, "hello, I am a knacki." Beide lachen. Gemeinschaftskundelehrer Eberhard Bizer will die Meinung seiner Schüler zur Debatte um Jugendkriminalität hören. "Das ist doch nur Wahlkampf", sagt Amos. Die Jungen bekommen die Aktualität des Themas in Form ständiger Medienbesuche zu spüren. "Die Menschen werden im Knast krimineller", sagt Amos weiter, "tausend Leute wie mich auf engem Raum, das kann doch nur zu Blödsinn führen." Er berichtet seinem Lehrer, wie die Wärter ihm "Auf Wiedersehen" wünschten, immer, wenn er entlassen wurde. Und wie wörtlich sie das meinten. Fünf Jahre ist er im Gefängnis ein- und ausgegangen.

"Patzig reagieren ist nicht gut"

Nach der Schule folgt der Härtetest. "Hilfreiche Hinweise", ruft der Lehrer zum letzten Programmpunkt des Tages. Die jungen Männer stehen im Kreis. Steffen tritt vor und ruft einen nach dem anderen auf. Als Nejat dran ist, sagt Amos: "Du hast heute beim Abwasch mir gegenüber patzig reagiert." Nejat setzt an sich zu verteidigen. Da rufen zwei andere im Chor: "Nimm es einfach an." Der Junge blickt verzweifelt in die Runde und schluckt. Alle schauen ihn an. Schließlich sagt er mit belegter Stimme: "Ich habe heute Amos gegenüber patzig reagiert und dafür von Amos einen hilfreichen Hinweis erhalten."

Steffen nickt und zeigt auf einen Jungen im Kreis. Ohne lange nachzudenken antwortet der: "Patzig reagieren ist nicht gut." Dann fährt er schnell und ohne Betonungen fort: "Wenn man patzig reagiert, dann schaukelt sich das hoch und es kann zum Streit kommen, wir begegnen einander höflich und mit Achtung." Er sagt das wie jemand, der zum hundertsten Mal das Vater-Unser aufsagt. Besonders hart trifft es Peter. Seine Mitsträflinge haben viel zusammengetragen. Er habe über seine Zeit im Gefängnis geredet, das sei nicht erlaubt im Seehaus. Er sei patzig gewesen, er habe diskutiert, er sei beim Joggen stehen geblieben. Nach jedem Argument sagen die Jugendlichen Sätze aus den Grundnormen des Projektes auf. Peter hört grinsend zu.

Nach der Kritik folgt eine Runde mit positiven "hilfreichen Hinweisen". Wieder ruft Steffen jeden auf. Als Amos in der Mitte steht, sagt einer: "Du machst das mit den Interviews so gut." Peter ist an der Reihe, und Amos sagt: "Trotz allem gibst du dir Mühe, das finde ich gut." Am Ende stellt sich Steffen selbst in die Mitte. Er ist schon dabei, einen Schritt zurück in den Kreis zu machen, als Peter sich räuspert. Steffen schaut ihn erstaunt an. "Du bist heute zu mir gekommen, als du gesehen hast, dass es mir schlecht geht", sagt Peter schließlich leise, "es ist gut, so jemanden wie dich zu haben." Es ist einer der wenigen "hilfreichen Hinweise", die nicht auswendig gelernt klingen.