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Käßmann auf Kirchentag bejubelt: Sinnbild der Glaubwürdigkeit

Der Ökumenische Kirchentag nimmt Fahrt auf: Margot Käßmann, erstmals wieder bei dem Christentreffen dabei, wird wie ein Star gefeiert. Den Auftakt am Vortag trübte nicht nur schlechtes Wetter: Unter den Teilnehmern wurde heftig über den Vertrauensverlust der Kirchen durch die Missbrauchsskandale diskutiert.

Nach den feierlichen Eröffnungsgottesdiensten des Ökumenischen Kirchentages in München hat Margot Käßmann mit ihrem ersten Auftritt einen umjubelten Höhepunkt des Christentreffens gesetzt. Außerdem stand am Donnerstag die Ökumene im Mittelpunkt: 10 000 Katholiken, Protestanten und orthodoxe Christen beteten und sangen gemeinsam unter dem Leitwort "Hier berühren sich Himmel und Erde". In politischen Foren forderte SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier (SPD) eine grundlegende Neuorientierung der Wirtschaftspolitik, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) rief die christlichen Kirchen auf, sich stärker für die Integration von Muslimen einzusetzen.

Rund 80 000 Menschen hatten am Mittwochabend die drei Eröffnungsgottesdienste des 2. Ökumenischen Kirchentages (ÖKT) besucht. Wie ein roter Faden ging es dabei um verlorenes Vertrauen und die Glaubwürdigkeitskrise der Kirchen durch die Missbrauchsskandale. Zum anschließenden Straßenfest der "Abend der Begegnung" mit Musik, kulinarischen Köstlichkeiten und Infoständen kamen nach Veranstalterangaben rund 300 000 Menschen. Den Abschluss bildeten ein Lichtermeer mit 180 000 Kerzen in der Innenstadt und ein Segensgruß.

Papst Benedikt XVI. mahnte die Teilnehmer in einem schriftlichen Grußwort, sich nicht von der Kirche abzuwenden - sie sei ein Ort der Hoffnung. Zudem verurteilte er erneut mit scharfen Worten den Missbrauchsskandal in der Kirche: "Es gibt das Unkraut gerade auch mitten in der Kirche und unter denen, die der Herr in besonderer Weise in seinen Dienst genommen hat."

Bundespräsident Horst Köhler verwies auf die großen Verdienste der Kirchen für eine soziale und humane Welt. Auch die Veranstalter des ÖKT riefen dazu auf, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern als Christen Weltverantwortung zu übernehmen und sich für Fortschritte in der Ökumene einzusetzen. Das fünftägige Treffen mit rund 125 000 Dauerteilnehmern steht unter dem Leitwort "Damit ihr Hoffnung habt."

Rund 6000 Menschen empfingen Käßmann bei ihrer Bibelarbeit in der völlig überfüllten Messehalle mit Applaus und Standing Ovations, viele fanden keinen Einlass mehr. Käßmann, die nach einer Trunkenheitsfahrt im Februar von ihren Ämtern als evangelische Landesbischöfin in Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zurückgetreten war, trat in München erstmals wieder öffentlich auf; insgesamt geplante elf Mal beim ÖKT.

Ihren Applaus und die herzliche Begrüßung des evangelischen Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel nahm Käßmann mit den Worten "danke, das tut mir gut" entgegen. In ihrer Bibelarbeit ließ Käßmann auch persönliche Erfahrungen - Scheidung und Krebserkrankung - einfließen. "Wir kennen als Christinnen und Christen keinen Gott, der nur das Perfekte gelten lässt und alles andere verachtet." Käßmann kritisierte erneut die Afghanistan-Politik. Die Aufstockung der Ausgaben der Bundesrepublik für die Schutztruppe im Vergleich zu den weit geringeren für die Entwicklungshilfe sei unverhältnismäßig: "Ich jedenfalls kann darin keinen "Vorrang für zivil" sehen, wie wir ihn als evangelische Kirche immer gefordert haben."

Beim Festgottesdienst zu Himmelfahrt wurde ein ökumenischer Schöpfungstag proklamiert, der künftig jedes Jahr am ersten Freitag im September stattfinden soll. Schöpfungsverantwortung sei eine "Grundaufgabe der Kirchen", sagte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Landesbischof Friedrich Weber (Wolfenbüttel/Niedersachsen). ""Nach mir die Sintflut" geht nicht mehr."

Die Finanzmarkt- und Euro-Krise birgt nach Ansicht Steinmeiers auch große Gefahren für die Demokratie. "Wir müssen den Wettlauf der Märkte gegen die Politik bestehen." Die Politik müsse sich Spielräume zurückerobern. Dringend notwendig nannte er erneut eine Steuer auf Finanzmarkttransaktionen.

Bundesinnenminister de Maizière forderte eine stärkere theologische Auseinandersetzung der christlichen Kirchen mit dem Islam. Für den Vorschlag, auch die islamischen Gemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen wie die christlichen Kirchen, zeigte sich de Maizière grundsätzlich offen: "Kann man machen, sollte man machen", sagte er. "Es wird nur ein bisschen dauern."

DPA / DPA