Käßmann beim Kirchentag "Eine rote Ampel" als Neuanfang


Drei Monate nach ihrem Rücktritt ist die vormalige Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München gefeiert worden.

Drei Monate nach ihrem Rücktritt ist die vormalige Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München gefeiert worden. Mit Jubel und Beifallsstürmen quittierten am Donnerstag mehrere Tausende Menschen die Auftritte der 51-Jährigen bei einer Bibelarbeit und auf einem Frauenforum. Zur gleichen Zeit feierten 10.000 katholische, evangelische und orthodoxe Christen bei einem gemeinsamen Gottesdienst Christi Himmelfahrt. Bischöfe forderten zur Neuorientierung von Kirche und Gesellschaft auf.

Der umjubelte Star am Tag nach der Eröffnung des Kirchentages aber war Käßmann. Bei ihren ersten öffentlichen Auftritten seit ihrer Alkoholfahrt und ihrem Rücktritt im Februar zog sie die Menschen in Scharen an und erntete Ovationen. Zur morgendlichen Bibelarbeit kamen 6.000 Menschen in eine überfüllte Messehalle. Als der evangelische Kirchentagspräsident Eckhard Nagel sie begrüßte und von einem "besonderen Moment für uns alle" sprach, brandete Jubel auf. Rund 1.000 Menschen quetschten sich anschließend zum Frauenforum mit Käßmann in eine kleine Münchner Kirche, die wegen Überfüllung geschlossen werden musste.

Käßmann sagte, in großen Umbrüchen des Lebens gebe Gott Kraft für einen Neuanfang und nannte als Beispiel den Verlust des Arbeitsplatzes oder "eine rote Ampel". Sie hatte im Februar mit 1,54 Promille ein Rotlicht überfahren. "Macht macht Angst", räumte Käßmann ein. Als Bischöfin habe sie schlaflose Nächte verbracht. "Aber man muss sich bewusst machen, dass der Mensch Fehler macht und immer wieder scheitern wird", sagte Käßmann. Trotzdem sollten junge Frauen nach Machtpositionen streben. "Ihr werdet Fehler machen. Aber Männer in der Position würden sie auch machen", sagte sie.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, rief die Christen zu mehr Engagement für die Einheit der Kirchen auf. Einheit habe "Jesus für seine Kirche gewollt", und nur gemeinsam könne die Christenheit ihren Auftrag in der Welt erfüllen, sagte Zollitsch bei einem ökumenischen Gottesdienst. Christen dürften sich nicht abkapseln, sondern müssten in der Gesellschaft wirken.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte von den Kirchen mehr Einsatz bei der Integration der Muslime in Deutschland. Beim kirchlichen Dialog mit dem Islam hapere es, sagte der CDU-Politiker auf dem Kirchentag. "Ich bekomme von muslimischen Organisationen regelmäßig Einladungen zum Fastenbrechen. Einen Bischof habe ich da noch nie gesehen", kritisierte de Maiziere.

Religiöser Höhepunkt des ökumenischen Kirchentags war zur gleichen Zeit die gemeinsame Feier von Christi Himmelfahrt auf dem Odeonsplatz. Nach getrennten Gottesdiensten hatten der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, der evangelische bayerische Landesbischof Johannes Friedrich und der orthodoxe Bischof Vasilios in Prozessionen 10.000 Menschen bei Nieselregen zur gemeinsamen Feier auf den Odeonsplatz geführt.

In der Kirche brauche es "Umkehr, Vergebung, Neuaufbruch", sagte Marx mit Blick auf die jetzt aufgedeckten Missbrauchsfälle. Auch Friedrich rief zum offenen Umgang mit Fehlern auf: "Nicht kleinreden, vertuschen, unter den Teppich kehren, sondern benennen und bekennen und daraus Konsequenzen ziehen."

Der 2. Ökumenische Kirchentag war am Mittwoch mit einem Gottesdienst auf der Theresienwiese, an dem auch Bundespräsident Horst Köhler teilnahm, eröffnet worden. Papst Benedikt XVI. prangerte in einer von Marx verlesenen Grußbotschaft wegen des Missbrauchskandals das "Unkraut mitten in der Kirche" an. Auch Köhler beklagte den Vertrauensverlust und sagte, Aufklärung sei das Gebot der Stunde. An den anschließenden Straßenfesten "Abend der Begegnung" in der Münchner Altstadt nahmen rund 300.000 Menschen teil.

Roland Losch, APN APN

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