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Käßmann-Nachfolger Meister: Direkte Kontakte zum Kirchenvolk suchen

Als neuer Bischof von Hannover tritt Berlins Generalsuperintendent Ralf Meister in die großen Fußstapfen von Margot Käßmann. Wie die populäre Theologin versteht es der "Wort zum Sonntag"-Geistliche, die Botschaft der Kirche in die breite Bevölkerung zu tragen.

Das Wort des Bischofs von Hannover hat Gewicht: Im Orchester der 22 evangelischen Landeskirchen wird Ralf Meister künftig eine erste Geige spielen können. Das Kirchenparlament in Hannover wählte den Berliner Generalsuperintendenten am Donnerstag an die Spitze der größten protestantischen Kirche in Deutschland. Seine langjährige Vorgängerin Margot Käßmann hat in der Funktion Maßstäbe gesetzt. Von Hannover aus entwickelte sie sich zum Sprachrohr des deutschen Protestantismus. Ihr plötzlicher Rücktritt nach einer Alkoholfahrt im Februar hatte die Neuwahl erforderlich gemacht.

An der Spitze einer Gemeinschaft von rund drei Millionen Gläubigen erwarten Meister (48) große Aufgaben: Die Zahl der Gläubigen wird mittelfristig schrumpfen, und die Rolle der Kirche in einer stärker werdenden säkularen Gesellschaft ist keine selbstverständliche mehr. In Berlin sei diese Kirchenferne bereits besonders ausgeprägt, sagte Meister nach seiner Wahl: "Der geringe religiöse Resonanzboden stellt uns vor die größte Herausforderung." Wie in Berlin, wo er allen Gläubigen zu Neujahr 2010 einen Brief schickte, werde er auch in Niedersachsen direkte Kontakte zum Kirchenvolk suchen.

Von der Nordsee und niederländischen Grenze bis zum Harz reicht das Gebiet der Kirche, dem der neue Bischof ein Gesicht verleihen muss. Sein ehrgeiziger Plan ist es, alle mehr als 50 Kirchenkreise binnen 18 Monaten zu besuchen. "Eine Stärke des bischöflichen Amtes ist auch das Denken für die Einheit der Kirche", sagte Meister über seine künftige Arbeit. Und die ohnehin schon große Kirche könnte noch wachsen. Aufgeschoben, aber nicht aufgehoben sind nämlich Pläne zu einem Zusammenschluss aller fünf evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen. Beim Vertreter des größten Partners werden dabei Takt und Fingerspitzengefühl gefragt sein.

Ralf Meister ist wie Käßmann ein medienerfahrener Theologe, der die Kirche in der Öffentlichkeit zu vertreten weiß. Sechs Jahre lang war er seit 2004 einer der "Wort zum Sonntag"-Sprecher in der ARD, zuvor hatte er auch beim Evangelischen Rundfunkreferat des NDR gearbeitet. Aber er will anders gewichten als Käßmann, die sich vielfältig zu sozialen und politischen Themen zu Wort gemeldet hatte. "Ich will die theologischen Fragen voranstellen, ehe gesellschaftliche Aussagen kommen", erklärte er.

Der künftige Kirchenchef folgt auf eine Bischöfin, die den Fokus von Anfang an auf sich konzentriert hatte. Die Wahl der vierfachen Mutter zur damals jüngsten deutschen Bischöfin war 1999 eine Sensation. Mit ihrer sympathischen Art und ihrem sozialen Engagement gewann Käßmann schnell die Herzen vieler nicht nur kirchentreuer Menschen. Nur Monate vor der verhängnisvollen Autofahrt war die mediengewandte Theologin noch zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aufgestiegen - auch dieses Amt legte sie nieder. Zum Nachfolger wurde der rheinische Präses Nikolaus Schneider bestimmt.

Käßmann verfolgte die Wahl am Donnerstag aus der Ferne, sie hält sich derzeit an einer US-Universität auf. Die Einführung von Meister ist am 26. März geplant, dann kann Käßmann auch von ihrer Kirche Abschied nehmen. Im kommenden Jahr übernimmt sie für ein Jahr eine Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum.

Michael Evers, DPA / DPA