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Käßmann und Seehofer bei Beckmann Von der Freiheit eines Christenmenschen


In der Talksendung "Beckmann" ging es am Montagabend sehr christlich zu. Horst Seehofer war da, der geschundene CSU-Chef, und Margot Käßmann, die viel gescholtene Kriegskritikerin. Beistand brauchte jedoch nur ein Gast.
Von Florian Güßgen

Der arme, arme Horst Seehofer. Saß vor ARD-Moderator Reinhold Beckmann wie ein Häuflein Elend. Gequält, verunsichert, großer Mann ganz klein. Sollte es das Bestreben des Chefs der Christlich-Sozialen Union gewesen sein, mit seinem Auftritt am späten Abend seiner Partei Mut einzuhauchen, Zuversicht, dann war die Show ein glatter Reinfall. Unerträglich belastet wirkte der bayerische Ministerpräsident, eigentlich Typ Lebemann, niedergedrückt von der Stimmung in seiner Partei, von den desaströsen Umfragewerten, niedergedrückt von dem Milliarden-Desaster um die Bayerische Landesbank, von den Querelen in der schwarz-gelben Koalition. Seine Körperhaltung, sein Gesichtsausdruck, all das widersprach den müde vorgetragenen, gestanzten Sätzen, die er Beckmann entgegenhielt: Krise in der Partei? I wo. "Wir haben keine Krise." Krise im Freistaat? Pah. "Bayern ist ein Fünf-Sterne-Land". Konflikte mit der FDP? Kinderfasching. Kommunikationsprobleme, nicht mehr. Illoyalität gegenüber der Kanzlerin? Wo denken Sie hin? Seehofers Versuche, sich in eine Reihe mit Franz Josef Strauß zu stellen, wirkten an diesem Abend schrill armselig. Eher hätte er seinen Vorvorgänger Edmund Stoiber zitieren können, der 2005, kurz vor seinem endgültigen Absturz, sagte: "Ich leide wie ein Hund" - und damit andeuten wollte, wie sehr ihm zusetzte, dass seine Hals-über-Kopf-Flucht aus Berlin der CSU schadete. Aber Seehofer sagte nur: "Ich kann nicht flüchten. Und ich will auch nicht flüchten."

Käßmann - was für ein Gegensatz!

Gut nur, dass Beckmann an diesem Abend noch einen zweiten Christenmenschen eingeladen hatte: Margot Käßmann nämlich, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und spätestens seit dem Neujahrstag prominente Kritikerin des Afghanistankriegs. Was für ein Gegensatz! Klein, schmal, quirlig, mit einem silbernen Kreuz an der Halskette, saß die Bischöfin aus Hannover neben Seehofer und zeigte, was es heißt, sich Kritikern mutig und mit offenem Visier zu stellen. "Nichts ist gut in Afghanistan", hatte sie in ihrer Neujahrspredigt gesagt - und dafür Prügel bezogen, vor allem aus der Union. Dieser Tage stellt sie sich. Am Montagmittag hatte sie sich mit Seehofers politischem Ziehsohn und Erzrivalen, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, zum vertraulichen Gespräch getroffen. Jetzt, bei Beckmann, war die gesamte Öffentlichkeit dran. Ja, mit dem Minister sei sie sich einig gewesen: Das Zivile müsse Vorrang haben gegenüber dem Militärischen. Und ja, natürlich fahre sie gerne mit ihm nach Afghanistan, um einen Gottesdienst abzuhalten. Aber, nein, den Mund lasse sie sich nicht verbieten. Der Einsatz in Afghanistan bereite den Menschen Sorgen, da müsse sie als Christin nichts beschönigen. Und von wegen Verrat an den Soldaten im Einsatz: Gerade aus Sorge um die Soldaten, gerade weil manche von ihnen in Zinksärgen nach Hause kämen, sei es notwendig, Sinn und Zweck dieses Einsatzes zu hinterfragen. Und ja, sie würde die Predigt noch einmal halten. Trotz aller Empörung. Trotz aller Vorwürfe, sie sei naiv. Genau so. "Ich würde sie noch einmal so halten, weil ich sie in aller Freiheit gehalten habe", sagte Käßmann - und wirkte dabei eher engagiert als abgeklärt. Offenbar riss sie mit ihrem Bekenntnis sogar Seehofer mit, der sofort erklärte, bei dem Konflikt in Afghanistan handele es sich um einen Krieg. Überhaupt sei er sich mit Käßmann eigentlich bei allem einig.

Ein wenig Hoffnung bleibt immer

Die Beckmann-Sendung, eigentlich sonst eher ein Aquarium für schwülstige Worthülsen, führte an diesem späten Abend etwas Faszinierendes vor: Nämlich wie unterschiedlich zwei Menschen, beide Profis, mit öffentlichem Druck, persönlichen Angriffen, massiver Kritik umgehen können. Bleiben sie, wie Käßmann, bei sich - authentisch, ein Stück unabhängig, vielleicht sogar mit einer gewissen, ansteckenden Leichtigkeit. Oder verlieren sie sich, verschwinden sie, werden schwer - wie Seehofer?

Aber - ein wenig Hoffnung bleibt immer! - dass selbst Seehofer nicht verzagen muss, zeigte ein kleiner Dialog am Ende des Gesprächs mit Käßmann. Beckmann zitierte eine Passage aus dem Magazin der "Zeit". Dort gibt es die schöne Rubrik "Ich habe einen Traum". Kurz nach ihrem Amtsantritt als EKD-Ratsvorsitzende hatte Käßmann dort, strategisch nicht besonders schlau, erklärt, dass der Job, wiewohl prominent, nicht alles für sie sei, bisweilen sogar eine ziemliche Belastung. "Ich träume davon, mich irgendwann ins Private zurückziehen zu können", liest Beckmann vor. Und dann, mit einem Schlag, ist auch Seehofer wach. Über sein Gesicht zieht sich ein Grinsen, das die Söders und Guttenbergs und Landesbanken dieser Welt an diesem vertrieben hatten. Und deutlich vernehmbar sagt er: "Ich auch." Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass Seehofer bei sich wirkt, locker. "Den Traum habe ich auch", sagt er noch einmal.

So heilsam kann öffentlich-rechtliches Fernsehen sein, selbst bei "Beckmann". Amen.


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