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Kardinal Joachim Meisner: "Die heutigen Jugendlichen sind metaphysisch obdachlos"

Mangelnde religöse Erziehung mache Jugendliche anfällig für Sekten und Drogen, sagt Kardinal Joachim Meisner. Die Kirche allerdings könne auf das religöse Verlangen der Jugendlichen eingehen und ihnen Angebote machen.

Ein Mangel an religiöser Erziehung hat Jugendliche nach Ansicht des Kölner Erzbischofs Kardinal Joachim Meisner anfällig für Sekten und Drogen gemacht. "Die heutigen Jugendlichen sind ja metaphysisch obdachlos", sagte Meisner in einem Gesprächmit der Nachrichtenagentur DPA. Unter dem Einfluss der 68er-Generation sei bei der Erziehung die religiöse Dimension oft ausgeblendet worden. "Die menschliche Natur lässt sich da aber nicht unterdrücken."

Der Tod und die Neuwahl des Papstes seien ein "metaphysisches Erdbeben" gewesen und hätten dieses geistliche Bedürfnis der Jugend sichtbar gemacht. "Wer der Jugend weniger gibt als Gott, gibt ihr zu wenig und treibt sie in die Arme der Rattenfänger."

"Anhänger des neuen Weges"

Die Kirche könne auf das religiöse Verlangen der jungen Leute eingehen und ihnen Angebote machen. Dazu gehörten auch so alte Rituale wie Wallfahrten. "Das Wallfahren ist wieder in. Die ersten Christen wurden als "Anhänger des neuen Weges" bezeichnet. Und Wege müssen gegangen werden."

Der Weltjugendtag sieht deshalb für alle 400.000 Teilnehmer eine Domwallfahrt vor. Die Jugendlichen pilgern durch die Kathedrale zum goldenen Schrein, in dem der Überlieferung nach die Gebeine der Heiligen Drei Könige liegen. Dabei zähle vor allem der Glaube derer, die die Reliquien in den Sarg legten, sagte Meisner. "Die Frage nach der Echtheit ist eigentlich zweitrangig."

Reliquienverehrung komme einem Bedürfnis des Menschen entgegen, "die Heiligen des Himmels als Hausgenossen auf Erden zu haben", meinte Meisner: "Wir sind sinnlich angelegt." Das gelte nicht nur für den religiösen Bereich im engen Sinn. "Ich habe in meinem Zimmer ein Bild meines verstorbenen Vaters und meiner verstorbenen Mutter. Das ist für mich keine Dekoration, das ist eine Vergegenwärtigung meiner guten Eltern."

Bei der Domwallfahrt sollen täglich mehr als 100.000 Jugendliche unter dem Dreikönigsschrein hindurch gehen. "Worte vergisst man schnell, aber dass sie da drunter hergegangen sind, gleichsam unter den Händen der segnenden Heiligen Drei Könige, das werden sie lange nicht vergessen."

Beim Weltjugendtag werden aber auch geistliche Inhalte vermittelt. Mehrere hundert Bischöfe aus aller Welt erläutern in Katechesen den Glauben. "Es ist die genuine Aufgabe des Bischofs, den Glauben weiterzugeben", sagte Meisner. Die Katechesen mit Jugendlichen seien zwar für manche Bischöfe möglicherweise etwas ungewohnt. "Wenn ein Bischof davor Lampenfieber hat, kann ich das verstehen, aber dann wird die Katechese gut. Die Jugend hat ein Recht, dass wir ihnen gute Wegweiser sind."

"Kinder sind unsere Zukunft"

Von den Gästen aus aller Welt erhofft sich Meisner auch eine Aufbruchstimmung in Deutschland. "Der Weltjugendtag wird uns helfen, aus unserer Depression herauszukommen, damit wir wieder Mut für die Zukunft haben." Vor allem dürften Kinder nicht mehr als Bürde angesehen werden. "Sie sind unsere Zukunft, nicht die Belastung der Gegenwart." Vor allem Teilnehmer aus den ärmsten Ländern könnten das Bewusstsein dafür wieder wecken, meinte der Kardinal.

DPA / DPA
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