HOME

Karl Lehmann wird 75: Kardinal und Mann des Ausgleichs

Der Mainzer Bischof Kardinal Lehmann ist ein Oberhirte, der auch von vielen Menschen außerhalb der Kirche geschätzt wird. Mit einem gemäßigt liberalen Kurs in manchen Fragen hat er sich in Rom nicht nur Freunde gemacht. Am 16. Mai wird er 75 Jahre alt.

Für Fußballtrainer Jürgen Klopp war die Begegnung mit ihm die außergewöhnlichste seines Lebens. ZDF-Intendant Markus Schächter würdigte ihn als "Baumeister". Bundestagspräsident Norbert Lammert hat ihm gar die Überarbeitung eines "Vaterunsers" gewidmet: Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann gilt nicht nur als prominentester Katholik in Deutschland, er ist auch durch die Bank beliebt. An diesem Montag (16. Mai) wird der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz 75 Jahre alt.

Was kommt dann? "Ich mache meinen Dienst weiter, und die Zeit, die ich daneben habe, weiß ich zu nutzen", sagt der Jubilar. Dass es für ihn weitergeht wie bisher, weiß Lehmann erst seit Kurzem - seit Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch abwies, das Lehmann wie jeder Bischof seines Alters hatte stellen müssen.

Obwohl Verlängerungen bei Kardinälen üblich sind, war die Antwort in seinem Fall nicht ohne Spannung erwartet worden. Er gilt als Mann des Ausgleichs, als Brückenbauer, der sich jedoch nicht verbiegt. Mit seiner Bereitschaft zum Dialog hat er sich im Vatikan nicht nur Freunde gemacht, etwa mit seinem gemäßigt liberalen Kurs bei wiederverheirateten geschiedenen Katholiken und der Konfliktberatung für Schwangere. Benedikt XVI. war seinerzeit als Präfekt der Glaubenskongregation und somit oberster Glaubenshüter sein Gegenüber.

Lehmann nahm das Papstvotum mit Verweis auf seine Arbeitsbelastung "gelassen" auf. Er sei kein großer Freund von solchen Verlängerungen, denn die Entscheidungen seien im Einzelfall "nicht so ganz durchsichtig". Aber er freue sich, dass er am Geburtstag nun nicht Abschied feiern müsse.

Die Reaktionen der Protestanten zeigen, welches Ansehen er über die Konfessionsgrenzen hinweg genießt. "Selten haben sich die Evangelischen in Mainz und Rheinhessen so über eine Nachricht aus dem Vatikan gefreut wie über die Mitteilung, dass Kardinal Lehmann noch eine Weile im Amt bleiben wird", hatte der rheinhessische Propst Klaus-Volker Schütz erklärt.

Die Wertschätzung kommt nicht von ungefähr. Die Ökumene, das Miteinander der Christen, ist eines der großen Themen des Oberhirten, der mit 32 Jahren Professor wurde und von 1971 bis 1983 Dogmatik und Ökumenische Theologie in Freiburg lehrte. Der Herzlichkeit und Wärme ausstrahlende Gottesmann, der 1983 zum Bischof ernannt wurde, gilt außerdem als glaubwürdiger Vertreter der Kirche. Ein Geistlicher, der nach eigenen Angaben bei bestimmten Themen auch Frauen nach ihrer Meinung fragt, um eine andere Perspektive zu bekommen. Und der Position bezieht - beispielsweise gegen die Wegwerfgesellschaft.

Zum Geburtstag würdigt der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, Lehmanns "theologische Offenheit und geistige Wendigkeit". Altkanzler Helmut Kohl (CDU) nennt ihn im Jubiläumsbuch einen "Freund und langjährigen Weggefährten". Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist er eine "prägnante Stimme des deutschen Katholizismus", die auch in gesellschaftlichen Fragen breites Gehör finde. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) würdigt ihn als "Mann, der die ganz seltene Begabung besitzt, herausragendes Wissen mit theologischem Denken zu vereinen, und dies so zu leben und vorzuleben, dass die Menschen die Chance haben mitzugehen".

Bei der Frage nach seinen schwierigsten Erlebnissen kommt der aus Sigmaringen stammende Sohn eines Volksschullehrers schnell auf die ablehnende Haltung des früheren Papstes Johannes Paul II. in Sachen Schwangeren-Konfliktberatung und wiederverheiratete Geschiedene zu sprechen. Da sei bei ihm der Eindruck entstanden, dass "keine Möglichkeit besteht, das ganze Gewicht der Sache deutlich zu machen". Seine Wertschätzung für Johannes Paul II. sei aber "trotz dieser Enttäuschungen" groß gewesen und sogar noch gestiegen. "Ich habe (...) das Gefühl gehabt, ich werde ernst genommen", sagt Lehmann, der 2001 vom Papst zum Kardinal ernannt wurde.

Derzeit schiebt die Kirche nach seiner Ansicht manche Themen vor sich her, etwa die Frage nach dem Diakonat der Frau. "Es ist lange Zeit vergangen, ohne dass da klare Entscheidungen gegeben sind", sagt Lehmann, der im Februar 2008 aus Gesundheitsgründen nach mehr als 20 Jahren den Vorsitz der Bischofskonferenz aufgab. Zum Missbrauchsskandal erklärte er kürzlich, nötig seien auch "eine größere Sensibilität im Umgang mit Kindern und Jugendlichen und eine tiefgreifende spirituelle Erneuerung, die freilich in der Kirche immer notwendig ist".

Jasper Rothfels, DPA / DPA