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Karneval Alaaf für Anfänger


Völlig fassungslos schaut der Rest der Republik seit heute, 11:11 Uhr, wieder ins Rheinland. Was sind das nur für Verrückte, die da unterwegs sind? Erklärungsversuch eines Eingeborenen.
Von Daniel Bakir

Für einen Kölner ist der Karneval einfach ein Teil des Jahres so wie Weihnachten oder Ostern. Anfang Februar kommt er über diese Stadt - und über ein paar andere, was in den Augen der Kölner aber nicht so richtig zählt, weil das da anders heißt und die Leute nicht "Alaaf" rufen. Der Kölner wird schon im Kindergartenalter mit Clownsschminke und von Mutti liebevoll genähten Tigerkostümen sozialisiert. Widerstand: zwecklos.

Erst wenn man wegzieht - zum Beispiel nach Norddeutschland - merkt man, dass es durchaus Erklärungsbedarf gibt. Hier kennen viele den Karneval nur aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und das vermittelt natürlich ein völlig falsches Bild von der ganzen Veranstaltung. Kostümsitzungen mit "Tataaa" und Witzen, die nüchtern auf dem Wohnzimmersofa betrachtet wirklich keine Lachattacken auslösen, können leicht abschreckend wirken. Glauben Sie dem Fernsehen nicht! Das ist nicht der wahre Karneval! Der spielt sich auf den Straßen und in den Kneipen von Köln ab.

Für alle Nicht-Kölner, die sich so gar nicht vorstellen können, was es dort zu erleben gibt und welch witzige Typen ihnen begegnen werden: Lesen Sie die folgende pseudosoziologische, stereotypisierende und auf vollkommen subjektiven Erfahrungen beruhende Typologie der Karnevalsjecken. Damit können Sie sich selbst als kühler Norddeutscher unter die Jecken mischen, ohne aufzufallen.

Lernen Sie auf den folgenden Seiten kennen: Den Aufreißer, das lecker Mädche, die Rampensau, den Traditionalisten, die Mädelsgang, den Kuschelfreak und den Trendreiter.

Der Aufreißer

Typisches Kostüm: Topgun-Pilot
Lieblingslied: "Die Karawane zieht weiter"
Häufigster Satz: "Darf ich mal anfassen?"

Der Aufreißer tritt häufig und in vielen Gestalten auf, schließlich ist er nirgendwo so sozial akzeptiert wie im Karneval. Meist wählt er Kostüme mit Coolness-Faktor wie Pilot, FBI-Agent oder irgendetwas anderes mit Uniform und Sonnenbrille. Er feiert ordentlich mit, trinkt aber nicht so viel, dass er sein Anliegen nicht mehr deutlich machen kann. Wenn ihm kein origineller Spruch einfällt, wartet er einfach bis zu einer Uhrzeit, wo das sowieso niemand mehr verlangt.

Das lecker Mädche

Typisches Kostüm: Krankenschwester
Lieblingslied: "Superjeilezick"
Häufigster Satz: "Das Kostüm war halt so knapp."

Das weibliche Pendant zum Aufreißer. Man kann sich relativ sicher sein, dass sie keinen #aufschrei zur Sexismus-Debatte beigesteuert hat und es durchaus begrüßt, wenn man ihre weiblichen Reize lobend erwähnt. Die Bezeichnung "lecker Mädche" degradiert eine Frau im Karneval keineswegs zum Konsumgut, sondern ist als Kompliment allseits akzeptiert.

Die Rampensau

Typisches Kostüm: Superman
Lieblingslied: "Hände zum Himmel"
Häufigster Satz: "Et hät noch immer joot jejange."
Wählt mit Vorliebe aufmerksamkeitsstarke Kostüme, zieht das volle Sechs-Tage-Programm durch, braucht keinen karnevalsfreien Tag zur Erholung, schwört auf das gute alte Konterbier, tanzt jeden Abend ab cirka 23 Uhr auf dem Tisch oder Tresen und verfügt über die Fähigkeit, selbst im Zustand völliger Erschöpfung jedes Lied textsicher mitzugrölen.

Der Traditionalist

Typisches Kostüm: Clown
Lieblingslied: "In unserm Veedel"
Häufigster Satz: "Drinkste ene met?"

Clowns bilden das Rückgrat des närrischen Karnevalsvolkes. Das Kostüm ist zwar nicht sonderlich originell, aber dennoch allseits respektiert - und zwar für beide Geschlechter. Der alteingesessene Traditionalist hat sein Clownskostüm aus unzähligen Stofffetzen in mühsamer Fleißarbeit selbst zusammengefrickelt und nennt sich Lappeclown. Mit Stolz trägt er das gute Stück jedes Jahr neu auf. Der Flirtfaktor ist eher so mittel, der Geselligkeitsfaktor aber top.

Die Mädelsgang

Typisches Kostüm: Biene Maja
Lieblingslied: "Denn mir sin kölsche Mädcher"
Häufigster Satz: "Proost Mädels!"

Sie kommen im Rudel, sie haben alle das gleiche Kostüm an, sie trinken kollektiv und unter großem Gejohle kleine Feiglinge. Nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stark…genug, um alle wieder heile nach Hause zu bringen. Selbst wenn die eine oder andere einen schlechten Schnaps erwischt und dadurch leichte Orientierungsschwierigkeiten bekommen sollte" durchstreifen sie die Straßen vor allem an Weiberfastnacht. Sie können als Bienenschwarm auftreten oder als Pippi-Langstrumpf-Klone. In Zweier-Kombos haben sich Engelchen und Teufelchen als infernalisches Duo erwiesen.

Der Kuschelfreak

Typisches Kostüm: Ganzkörperfelltier
Lieblingslied: "Ich hab drei Haare auf der Brust"
Häufigster Satz: "Es juckt, ich schwitze, mir ist jemand auf den Schwanz getreten."

Bären, Tiger, Löwen oder ähnliche Tierkostümierte setzen eindeutig auf den Streichelfaktor. In der freien Wildbahn sind die Ganzkörperfellexemplare ausgesprochen umgänglich. In geschlossenen Lokalitäten können sie schon mal brummig werden (siehe "Häufigster Satz"). Spontane Streicheleinheiten entspannen die Lage.

Der Trendreiter

Typisches Kostüm: In diesem Jahr Krümelmonster
Lieblingslied: Irgendwas aktuelles
Häufigster Satz: "Ja, geile Kostümidee oder?"

Der Trendreiter greift ein aktuelles Ereignis auf und versteht sein Kostüm als ironisches Statement. Prädestiniert dafür ist in diesem Jahr das Krümelmonster mit dem goldenen Bahlsen-Keks. Kostümhändler melden seit der Erpressungsposse von Hannover eine sprunghaft gestiegene Nachfrage. Wer einen Trendreiter trifft, hat zumindest schon mal direkt ein Gesprächsthema.


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