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Katholische Kirche und Kindesmissbrauch: Ein runder Tisch? Nein danke!

Sind Einrichtungen der katholischen Kirche besonders anfällig für Kindesmissbrauch? Welche Rolle spielt der Zölibat? Selbstkritik ist nötig. Dennoch hat Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, die Idee abgelehnt, einen runden Tisch zu organisieren - die stammte auch von seiner neuen Gegenspielerin.

Die Auseinandersetzun zwischen Robert Zollitsch und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) geht in eine neue Runde. Die katholische Kirche lehnt einen von Leutheusser-Schnarrenberger vorgeschlagenen runden Tisch zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in Kircheneinrichtungen ab. "Sexueller Missbrauch von Kindern ist kein spezifisches Problem der katholischen Kirche", sagte der Zollischt, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der "Welt am Sonntag". Missbrauch habe weder etwas mit dem Zölibat zu tun noch mit Homosexualität oder mit der katholischen Sexuallehre. "Daher brauchen wir auch keinen runden Tisch speziell für die katholische Kirche", sagte der Erzbischof von Freiburg.

Die Ministerin hatte ein gemeinsames Forum aus Opfer-, Staats- und Kirchenvertretern unter anderem angeregt, um der Kirche Gelegenheit zu bieten, mit den Opfern über freiwillige Entschädigungen zu reden. Zollitsch sagte, sollte die Ministerin einen runden Tisch für alle gesellschaftlichen Gruppen einrichten, sei die katholische Kirche "natürlich dabei". Sexueller Missbrauch sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Bereits in der vergangenen Woche waren die Ministerin und der Bischof aneinandergeraten, weil Leutheusser-Schnarrenberger der katholischen Kirche vorgeworfen hatten, bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen nicht ausreichend mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Zollitsch hatte deshalb ultimativ eine Entschuldigung gefordert.

"Verkrampfte Einstellung zur Sexualität"

Am Samstag waren weitere Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit ans Licht gekommen. Etwa 150 Opfer aus ganz Deutschland hätten sich bislang gemeldet, sagte die Berliner Anwältin Ursula Raue der "Berliner Morgenpost". Sie ist die Beauftragte des Jesuitenordens zur Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs durch Patres. Jeden Tag berichteten ihr weitere Männer und Frauen von Übergriffen an katholischen Einrichtungen in den 1950er- bis 1980er Jahren, sagte Raue. Erste Missbrauchsfälle waren am Berliner Canisius-Kolleg Ende Januar öffentlich geworden. Auch Raue hält die Entscheidung der Bischofskonferenz, den Trierer Bischof Stephan Ackermann mit der Aufklärung zu beauftragen, für unzureichend. Sie forderte dafür externe Mitarbeiter. "Sie dürfen nicht Teil der Organisation und Hierarchie sein", sagte Raue der "Morgenpost".

Einer Umfrage zufolge überwiegen in der Bevölkerung die Zweifel, dass die Kirche bei der Aufklärung der zahlreichen Missbrauchsfälle konstruktiv mit dem Staat zusammenarbeitet. Eine Erhebung des Forschungsinstituts Quest für die "Frankfurter Rundschau" ergab, dass nur ein Fünftel der Befragten davon ausgeht, mehr als zwei Drittel aber nicht. Fast drei Viertel meinen, das der Zölibat in Zusammenhang mit Missbrauch steht.

Der Tübinger Theologe Hans Küng schrieb in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" vom Samstag, der Zölibat sei nicht alleine Schuld an den Missbrauchsfällen. "Aber er ist der strukturell wichtigste Ausdruck einer verkrampften Einstellung der katholischen Kirchenleitung zu Sexualität." Zollitsch sagte, nach Angaben von Fachleuten sei die Gefahr, dass katholische Priester Kinder missbrauchten 36-mal geringer als bei anderen Berufsgruppen. Die meisten Vorfälle geschähen im Familienumfeld.

dpa/fgüs / DPA