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Keine "persönliche Schuld": Bedauern über Rücktritt von Bischöfin Jepsen

Mit Maria Jepsen hat die evangelische Kirche nach Margot Käßmann ein zweite herausragende Figur durch einen Rücktritt verloren. Die bisherige Bischöfin habe Verantwortung für etwas übernommen, an dem sie keine persönliche Schuld trage, betonte die Nordelbische Kirche.

Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, hat den Rücktritt von Bischöfin Maria Jepsen "sehr bedauert". Für ihn sei diese Entscheidung "ganz überraschend" gekommen, sagte Schneider in einem Interview mit den ARD-"Tagesthemen". Er betonte, dass es erst seit Anfang 2000 in der evangelischen Kirche klare Vorschriften für den Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gebe. Die "Opferorientierung" stehe dabei heute im Vordergrund. Eine Toleranz gegenüber den Tätern gebe es nicht, und die Kirche arbeite in solchen Fällen immer mit den Behörden zusammen. Schneider bedauerte zugleich, dass Rücktritte prominenter Kirchenvertreter grundsätzlich der Insititution Kirche schadeten.

Maria Jepsen, Bischöfin der Nordelbischen Kirche, war am Freitag wegen der Kritik zurückgetreten, sie habe nicht angemessen auf Vorwürfe gegen einen Pastor reagiert, der in den siebziger und achtziger Jahren Jugendliche in Ahrensburg bei Hamburg missbraucht haben soll. Jepsen gibt an, erst vor kurzem von dem Missbrauch erfahren zu haben. Dagegen legte eine Zeugin eine eidesstaatliche Versicherung vor, nach der sie bereits 1999 mit Jepsen über den Missbrauch gesprochen haben will.

Vorwürfe haben Jepsen "tief getroffen"

Schneider zufolge lag bei Jepsen in dem Fall ein Missverständnis vor. "Sie hat die Vorwürfe so verstanden, als sei einer der Pfarrer jungen Frauen zu nahe getreten", sagte der EKD-Ratsvorsitzende. Sie habe darauf sofort nachgefragt, aber die Auskunft erhalten, es sei nichts weiter bekannt. "Ich denke, sie hätte völlig anders reagiert, wenn sie gehört hätte, dass es also um den Missbrauch von Kindern gegangen wäre."

Die Vorwürfe hätten Jepsen "wirklich tief getroffen", sagte Schneider. "Sie gehört ja zu den Menschen, die das Evangelium als Aufforderung verstanden haben, sich an die Seite der Kleinen, der Bedrückten, der Benachteiligten zu stellen." Mit ihr verliere die evangelische Kirche eine weitere prominente Frau, nachdem die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann im Februar wegen einer Trunkenheitsfahrt zurückgetreten war. "Das ist für uns wirklich ein großer Schaden", sagte Schneider.

Die Menschen seien irritiert, dass so etwas überhaupt in der Kirche vorkomme, sagte der EKD-Ratsvorsitzende in einem Interview mit dem Hörfunksender NDR Info. Andererseits gebe es viel Respekt dafür, wie die beiden Bischöfinnen zu der Verantwortung des Amtes stünden und es "nicht ins Zwielicht" geraten lassen wollten. Ob Jepsen (65), die erst in zwei Jahren aus dem Amt hätte scheiden sollen, ohnehin amtsmüde gewesen sei, dazu könne er nichts sagen.

Nordelbische Kirche: Keine persönliche Schuld

Mit großem Bedauern und Respekt hatte die Nordelbische Kirche auf den Rücktritt reagiert. Es sei "eine besondere Tragik, dass Bischöfin Jepsen mit ihrem Rücktritt Verantwortung für etwas übernimmt, das ihr in keiner Weise als persönliche Schuld angelastet werden kann und darf", sagte der Vorsitzende der Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich. "Dieser Schritt bestätigt ihre Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit", würdigte Hamburgs Weihbischof Hans-Jochen Jaschke den Rücktritt Jepsens. "Sie hat die allgemeine Verantwortung dafür übernommen, dass die Kirche in dem bekannten Missbrauchsfall nachlässig gewesen ist. Es macht ihr Ehre, ihr Amt zur Verfügung zu stellen, aber sie wird uns sehr fehlen."

Die frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) zeigte sich schockiert. "Ich weiß, dass sie eine wirklich integere Frau ist, dass sie gekämpft hat für bestimmte Sachen, insbesondere für die Rechte der Frauen in der Kirche und außerhalb der Kirche." Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagte: "Ihre Entscheidung gilt es zu respektieren. Als erste evangelisch-lutherische Bischöfin hat Frau Jepsen Kirchengeschichte geschrieben."

Amt mit persönlicher Verantwortung verknüpft

Auch Christian Weisner, Sprecher der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche", zollte Jepsen Respekt: "Das zeigt, dass mit dem Bischofsamt nach evangelischem Verständnis sehr viel mehr persönliche Verantwortung einhergeht. Das würden wir uns auch wünschen, dass das katholische Bischofsamt nicht nur von Gottes Gnaden, sondern auch aus Verantwortung gegenüber den Menschen verstanden wird."

Die Bischöfin der evangelischen Kirche Mitteldeutschland, Ilse Junckermann, äußerte sich bei allem Respekt für den Schirtt Jepsens kritisch: "Ich kann nicht nachvollziehen, dass sie Täter bewusst gedeckt hat, gerade wegen ihres Einsatzes für die Schwachen, ich erinnere an ihre großes Engagement für Obdachlose, Aidskranke und Migranten."

Bollmann übernimmt die Amtsgeschäfte

Die Amtsgeschafte Jepsens wird Propst Jürgen Bollmann kommissarisch übernehmen. Der 62-jährige Theologe war bisher der Stellvertreter Jepsens. Er ist Propst im Kirchenkreis Hamburg-Ost und für den Bezirk Harburg zuständig. Über die Nachfolge Jepsens soll in der kommenden Woche beraten werden, sagte ein Sprecher der Nordelbischen Kirche, Thomas Kärst.

fw/DPA/APN/AFP/Reuters / DPA / Reuters