HOME

Schlag 12 - Der Mittagskommentar: Verbot für Stolpersteine - München gerät ins Abseits

In ganz Europa sind sie eine lebendige Erinnerung, nur München sperrt sich gegen die kleinen Gedenkplaketten im Boden, die an Holocaust-Opfer erinnern - ein Irrweg.

Von Anja Lösel

München sperrt sich gegen die Stolpersteine - ein Irrweg.

Eine besondere Form des Gedenkens: Stolpersteine in Berlin

Ausgerechnet München. Ausgerechnet Hitlers "Hauptstadt der Bewegung". Ausgerechnet hier dürfen keine Stolpersteine verlegt werden - so hat es der Stadtrat nun mit großer Mehrheit beschlossen. Die bayrische Metropole wird damit zu einer stolpersteinfreien Insel mitten in Europa. Absurd.

Stolpersteine sind eine enorme Erfolgsgeschichte. Rund 50.000 wurden schon verlegt, fast jeder kennt die kleinen, quadratischen Messingplatten im Straßenpflaster. Viele haben sich schon mal runtergebeugt zu so einer Plakette, haben Namen und Daten entziffert, eine Weile innegehalten und an die Menschen gedacht, die in Konzentrationslagern ermordet wurden - weil sie Juden waren oder Kommunisten oder einfach nur, weil sie geistig behindert waren und man sie loswerden wollte.

Das Grauen begann vor unserer Haustür

Der Kölner Künstler Gunter Deming hat die Stolpersteine vor fast 20 Jahren erfunden. Seine Botschaft: Nicht in Auschwitz oder Buchenwald begann das Grauen, sondern hier, vor unserer Haustür. Inzwischen verlegt er die Stolpersteine, nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa - von den Niederlanden bis hin zu Polen, Ungarn und der Slowakei.

Nur nicht in München. Der Grund: Die Israelitische Kultusgemeinde will es nicht. Die Vorstellung, man könnte das Gedenken der Toten mit Füßen treten, ist den Mitgliedern offenbar unerträglich. Schon seit vielen Jahren gibt es deshalb Ärger, zuerst war es Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, die sich gegen die Stolpersteine wehrte. Jetzt hat der gesamte Vorstand einstimmig Nein zu den Stolpersteinen gesagt. Und der Münchner Stadtrat hat sich dem Votum gebeugt.

Eine Verneigung vor den Opfern

Stattdessen sollen Tafeln an Hauswänden angebracht und Stelen vor den Häusern montiert werden, in denen die Opfer wohnten. Stelen! Berlin etwa hat rund 5000 Stolpersteine. Man stelle sich nur mal 5000 solcher kleinen Säulen in der gesamten Stadt vor. Die Bürgersteige wären voll mit den sperrigen Dingern.

Und für Plaketten an der Hauswand braucht man die Genehmigung des Hausbesitzers, das könnte im Einzelfall schwierig und langwierig werden. Stolpersteine dagegen liegen im öffentlichen Raum, können also zentral geplant werden, sind klein und doch enorm wirkungsvoll. "Um die Inschrift zu lesen, muss man sich zu dem Stolperstein hinunterbeugen", sagt Gunter Demnig. "Das ist wie eine Verneigung."

Die Münchner haben sich verannt

Viele KZ-Überlebende und Nachfahren von Opfern schätzen die kleinen Metallplatten. Wer jemals eine Stolperstein-Verlegung miterleben durfte, womöglich sogar bei der Vorbereitung mitwirkte, wird das ein Leben lang nicht vergessen. Schülergruppen oder Hausgemeinschaften wagen sich in Archive, studieren NS-Akten und tauchen so in eine extrem intensive Art von Vergangenheitsbewältigung ein. Besser geht’s nicht. Das ist gelebte Geschichte.

Der Münchner Weg ist ein Irrweg. Aus Angst, Holocaust-Überlebenden weh zu tun, hat sich eine fatale Münchner Anti-Gemeinschaft aus CSU- und SPD-Fraktion gebildet, angeführt von Oberbürgermeister Dieter Reiter. Die Münchner haben sich verrannt.

Eine Gruppe von Holocaust-Überlebenden erwägt nun, gegen den Münchner Beschluss zu klagen. Mutig und das einzig Richtige.