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Kinderarmut: "Hartz IV, das muss man erst mal können"

Der Bundestag diskutiert über Hartz IV. Pauline und ihre Familie leben damit. stern.de begleitet die 14-Jährige seit Jahren. Hier erzählt sie von Armut, Tussis, Glück und was fünf Euro mehr bedeuten.

Aufgeschrieben von Manuela Pfohl

Du willst wissen, wie es mir geht, und ich sage dir, ich bin glücklich. Sogar richtig. Meine Zwillingsschwester Juliane ist immer noch auf dem Sportgymnasium. Mein kleiner Bruder Masum geht schon in die vierte Klasse, und ich bin in der 8. Aber das Wichtigste ist, im Juli ist mein kleiner Bruder geboren worden. Levent.

Anfangs war ich ja gegen die Geburt, weil ich den Vater nicht mochte und ich dachte, du hast jetzt schon vier Geschwister und nun noch ein Bruder. Ich habe mir auch Sorgen gemacht wegen dem Geld, weil Mama zwar ihren Job hat, aber wir kriegen ja immer noch Hartz IV dazu. Ich dachte, wenn noch ein Kind da ist, wird das vielleicht schwer, aber es geht. Und ich bereue das echt oft, dass ich vorher zu Mama gesagt habe, behalt das Kind lieber nicht, weil der Kleine so süß ist, und wenn man sich den anguckt, da kann man nur lächeln.

Das ist auch gut so. Denn es war mal wieder viel los bei uns, und es gab auch viele Sorgen in den Monaten vorher. Das liegt daran, dass Mama einfach kein Glück hat mit Männern. Das war schon so, als Masums Vater uns vor ein paar Jahren verlassen hat. Mama hat danach wirklich versucht, alles positiv zu sehen, und als sie vor drei Jahren Cem kennengelernt hat, da dachten alle, jetzt wird alles gut. Bloß ich nicht. Ich mochte ihn von Anfang an nicht so richtig, obwohl er viel für die Familie gemacht hat und Mama sehr glücklich war.

Aber jetzt ist er doch wieder abgehauen und hat Mama und das Baby verlassen; sie ist manchmal auch sehr traurig darüber und weint. Aber nur kurz. Denn sie sagt immer, man muss vorwärts denken. Und ich denke das auch.

5 Euro mehr, dass reicht für Familien nicht aus

Es ist nur immer noch so, dass es mit dem Geld Probleme gibt. Das gehört zu unserer Familie dazu, glaub ich.

Ich muss sagen, dass es jetzt fünf Euro mehr gibt, ist doch nicht schlecht, denn es ist für die Leute, die Hartz IV kriegen, viel Geld. Aber es reicht eben für viele Familien nicht aus. Zum Beispiel wenn ich mit Freunden in der Stadt bin, kriege ich zwei, drei Euro oder mal auch fünf und das reicht mir auch. Aber wenn ich merke, die Klamotten werden knapp, dann sagt Mama immer, es gibt erst Ende des Monats Geld, und dann kann ich erst danach was kaufen. Und das nervt manchmal echt, aber was soll sie machen. Hartz IV, das muss man erst mal können. Deshalb hätte ich es gut gefunden, wenn die Hartz-IV-Erhöhung soviel ist, dass man um den Monat rum kommt und das Geld bis zum Schluss reicht.

Ich hab das mit den Gutscheinen gehört, und ich find das gut. Aber die müsste es auch für die Kinder geben, so dass man vielleicht mal ins Kino gehen kann oder zu Handballspielen von der Bundesliga oder so, alles, was ein Kind halt auch mal machen will.

Und nicht zu vergessen, ich finde auch, dass es für Kinder wichtig ist, dass sie eine gute Umgebung zum Leben haben. Also nicht in einem Viertel wohnen, wo andere Kinder sind, die sich alle zwei Wochen prügeln oder die sagen, Schule ist Kacke. Also Bildung finde ich, gehört zum Leben dazu, das sollte normal sein und jedes Kind müsste das haben. Das ist wichtig.

"Meine Familie ist für mich da"

Und natürlich gehört eine gute Familie dazu, weil die Kinder ja Liebe brauchen, so wie bei uns. Da ist es so, dass wir auch oft Sorgen haben und so, aber ich weiß, dass meine Familie immer für mich da ist und ich auch für meine Mama und meine Geschwister.

Aber wenn ich manchmal höre, dass die Kinder sagen, sie brauchen einen i-Pod oder einen Laptop, dann sage ich, das ist zwar schön, aber es muss nicht sein. Ich hatte zum Beispiel einen Laptop, den habe ich geschenkt bekommen, und seit der kaputt ist, lese ich wieder viel mehr. Ich lese gerade "Die Welle", das ist sehr geil, weil man da auch viel lernen kann. Da geht es ja um Gruppenzwang, und das kann man auch in der Wirklichkeit sehen, hier gibt es auch viel Gruppenzwang.

Zum Beispiel bei uns in der Schule gibt es die Tussis, und wenn du nicht die Klamotten hast, die die Tussis haben, dann wirst du ausgegrenzt und schief angeguckt. Da merkst du gleich, wer Hartz IV ist und wer nicht, obwohl, man muss schon sagen, es gibt bei uns ganz schön viele Hartz-IV-Kinder. Die anderen haben jetzt alle solche Sportjacken für 65 Euro. Das muss man sich mal vorstellen: 65 Euro. Das kann doch nur jemand kaufen, der Geld hat. Die Hartz-IV-Kinder können das nicht, und dann heißt es gleich, ach ihr, ihr seid ja arm. Das ist manchmal ganz schön blöd für uns. Deshalb reden wir da auch in der Schule kaum drüber. Das will ja keiner, dass andere kommen und ihn auslachen. Ich bin jedenfalls trotzdem froh, dass wir Hartz-IV haben, denn sonst hätten wir jetzt vielleicht keine Wohnung.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten - und trotzdem arm

Mich ärgert, wenn manche sagen, ihr habt kein Geld, ihr seid ja dumm. Aber das ist so nicht. Ich will auf das Gymnasium und später mal studieren, und das kann man nicht, wenn man dumm ist. Das ist doch ein Vorurteil, dass Hartz-IV-Leute alle faul sind und nicht arbeiten wollen. Bei Mama war es ja auch so, dass sie ganz lange einen Job gesucht hat, obwohl sie nicht dumm ist und Krankenpflegerin gelernt hat. Aber es gab einfach niemanden, der Arbeit für sie hatte. Immer haben alle gesagt, ja wenn sie die Kinder nicht hätte, wäre es einfacher. Und ich weiß, dass es verdammt viele andere Familien gibt, die auch arbeiten gehen wollen, aber es nicht können, weil es keine Arbeit gibt. Da musst du in Rostock nur mal zum Amt gehen, da siehst du das.

Ich finde es auch dumm, wenn man arbeiten geht und trotzdem noch Hartz IV braucht. Mama zum Beispiel hat ja ihren Job bei dem Pflegedienst und geht den ganzen Tag arbeiten, und trotzdem braucht sie Hartz IV. Für uns Kinder ist das oft blöd gewesen, weil sie bis zur Schwangerschaft so viel gearbeitet hat und wir sie bei den Spätschichten manchmal kaum noch gesehen haben, und trotzdem reicht das Geld nicht. Manchmal denke ich, man arbeitet und arbeitet, um aus dem Hartz IV rauszukommen, aber im Endeffekt klappt das dann doch nicht. Das sind so Momente, wo ich mir schon Sorgen um meine Zukunft mache und dass es mir auch so geht. Aber dann denke ich, du strengst dich jetzt in der Schule an und gibst dein Bestes, und dann versuchst du einfach alles gut zu machen, auch wenn du Hartz IV bekommst. Es bringt ja nichts, wie so ein Schluck Wasser rumzuhängen.

"Als Anwältin will ich später gegen Ungerechtigkeit kämpfen"

Auf alle Fälle will ich Jura studieren. Das will ich unbedingt schaffen. Und ich kann das auch. Ich habe gerade einen Französischlehrer gefragt, ob er mir Französisch beibringt, weil ich ja noch auf der Regionalschule bin und keine zweite Fremdsprache habe. Und wenn ich das schaffe, dann kann ich nächstes Jahr aufs Gymnasium und dann werde ich Rechtsanwältin, ich find das so spannend. Ich schau mir immer die Gerichtsshows im Fernsehen an und höre die Argumente und mache mir darüber Gedanken. Das ist so wichtig, weil es so viel Ungerechtigkeit gibt im Leben.

Ich hab mir überlegt, Hartz-IV-Leute können sich auch Anwälte nicht immer leisten, und ich würde sie beraten, damit sie ihre Rechte bekommen. Ich finde es wichtig, sich dafür einzusetzen, denn ich weiß ja, wie es ist, damit zu leben, und kann sie dann auch verstehen und verteidigen.

Und ich würde mich dafür einsetzen, dass es mehr Ferienjobs gibt. Ich hab das jetzt schon zweimal versucht, aber nichts bekommen, das ist wie bei den Erwachsenen. Es gibt einfach nichts. Dabei finde ich das wichtig, denn ich will ja wissen, wie das ist, wenn man arbeitet und rackert, und ich will ja auch zeigen, dass ich das kann. Man darf auch nicht vergessen, dass ich mal eigenes Geld verdienen will und mir kaufen, was ich will. Aber nun hat jemand gesagt, dass man das Geld vielleicht gar nicht behalten darf, sondern dem Amt geben muss wegen Hartz IV, das fände ich total dämlich. Da lohnt sich ja das Arbeiten gar nicht.

Aber du darfst jetzt nicht denken, dass ich immer nur nachdenke, wie das alles mal wird. Ich hab auch viel Spaß zurzeit. Und das hat was mit Hannes zu tun. Also ich bin jetzt nicht in ihn verliebt oder so, aber er bringt mir grad Gitarre bei und wenn das Wetter schön ist, dann setzen wir uns auf die Wiese vor der Uni und machen Musik und singen so selbst ausgedachte Lieder. Ich sag dir, das ist so toll und Hannes kann so gut singen. Manchmal muss ich da einfach anfangen zu heulen, weil ich so glücklich bin.

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