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Kinderarmut: "Manchmal habe ich Angst"

Weil sie zu wenig haben, sind sie oft vom normalen, unbeschwerten Kinderalltag ausgeschlossen. Viele Jungen und Mädchen wachsen hierzulande in bedürftigen Familien auf. Wie Pauline. Sie ist elf, arm und lebt mit ihren Geschwistern in Rostock - das Protokoll einer Kindheit mit Hartz IV.

Kindertag war gut. Da sind wir mit der Klasse in die Stadt gefahren, und Mama hat mir fünf Euro mitgegeben. Fünf Euro nur für mich. Wir haben da am Kröpeliner Tor Fähnchen aufgestellt. So kleine blaue und weiße. Die haben wir in die Wiese gesteckt. Für jedes Kind, das in Rostock arm ist, eines. 8807 Fähnchen. Das ist ganz schön viel, das muss man sich mal vorstellen. Manche Leute sind stehen geblieben und haben zugeguckt und ich habe überlegt, wie die Kinder wohl heißen, für die wir die ganzen Fähnchen gesteckt haben und wie man ihnen helfen kann.

Ich heiße Pauline. Ich bin elf Jahre alt, und ich wohne in Rostock. Ich habe eine Zwillingsschwester. Sie heißt Julia. Und ich habe einen kleinen Bruder, den Masum. Der ist sieben. Wir haben auch meistens kein Geld. Als Mama mit uns Zwillingen schwanger war, hatte sie ziemlich Ärger mit unserem Papa. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als ins Frauenhaus zu gehen. Danach hat sie sich alleine um uns gekümmert und unsere beiden großen Schwestern. Aber die sind jetzt schon erwachsen.

Ich wollte nicht, dass Mama traurig ist

Mama ist eigentlich Krankenhelferin. Aber seit zehn Jahren arbeitslos, weil das Arbeitsamt immer gesagt hat, sie haben nichts für sie, weil sie ja Kinder hat und keine Schichten machen kann. Da hat Mama auf den Tisch gehauen und hat sich übers Internet selber eine Arbeit gesucht. Zweimal. Aber die waren nicht ehrlich, und da musste Mama wieder aufhören. Manchmal hat sie deswegen geweint. Früher, als ich noch kleiner war, da war ich manchmal auch ganz schön traurig. Da ging ich auf eine andere Schule, und da war ein Mädchen, das war stinkreich und die hatte immer alles, sogar einen Nintendo DS, und dann hat sie über meine Klamotten gelästert. Weil die aus dem Kik sind.

Mama habe ich das gar nicht erzählt, ich wollte nicht, dass sie deswegen auch noch traurig wird. Jetzt ist es nicht mehr schlimm. Bei uns an der neuen Schule sind ganz viele Kinder arm. Da fällt das gar nicht mehr auf und da macht auch keiner dumme Sprüche. Außerdem habe ich ja meine Freundin Roxi. Von der bekomme ich manchmal die Klamotten, die ihr nicht mehr passen. Das ist toll, und wenn sie mir zu klein sind, dann gebe ich sie weiter. Dann kann sich noch ein anderes Kind darüber freuen.

Wenn Klassenfahrt ist, müssen wir nichts zahlen

Manchmal gehe ich mit Roxi bummeln, und wir gucken uns dann Ohrringe und Ketten an oder andere Sachen. Aber ich kaufe meistens nichts, weil ich ja kein Geld habe. Aber es macht trotzdem Spaß, sich vorzustellen, wie das ist, wenn man einfach reingeht in den Laden und sagt: "Packen Sie mir bitte die Kette ein." Einmal habe ich mir doch was gekauft. Da gab es bei Kik einen Poncho, und der hat nur fünf Euro gekostet. Ein bisschen Geld hatte ich, und da habe ich Mama gefragt, ob sie mir den Rest borgt, und das habe ich dann später abgezahlt. Am meisten freue ich mich immer, wenn ich eine Überraschung kriege. Wenn ich Geburtstag habe oder Weihnachten ist, dann sagt Mama immer, ich soll alles aufschreiben, was ich mir wünsche. Dann guckt sie bei Ebay oder im An- und Verkauf, was sie findet. Und ein Geschenk bekomme ich immer. So wie in einer ganz normalen Familie. Da bin ich immer froh.

Wenn Klassenfahrt ist, dann bekommt Mama vom Arbeitsamt einen Schein, damit wir nichts bezahlen brauchen. Da steht drauf, dass wir Hartz IV kriegen und nur 850 Euro im Monat zum Leben haben. Unsere Lehrerin kennt sich damit aus. Weil sie das ja für viele Kinder macht. Nur ins Handballcamp konnte ich nicht mitfahren. Das war zu teuer, und das hätte auch keiner bezahlt. Das war schade. Ich bin nämlich sogar Landesmeister im Hallenhandball. Aber das erzähle ich nicht so oft, sonst denkt jemand, ich bin eine Angeberin. Meine Schwester Julia ist auch total gut im Fußball. Deswegen hat sie jetzt vom Verein sogar einen Ball und Trainingsklamotten gekriegt. Für umsonst.

Nach sieben Jahren hat er Mama verlassen

Ach so, im Januar waren wir alle zur Kur. Mama, meine Schwester und Masum. Auf Rügen. Das war unser erster Urlaub überhaupt, und es war total schön. Mama hat ganz oft gelacht und hatte fröhliche Augen. Vorher, vor der Kur, da war es schrecklich. Da hat uns der Papa von Masum verlassen. Ganz plötzlich, nach sieben Jahren. Er ist Türke und war bei seinen Eltern in der Türkei zu Besuch, und als er wiederkam, hat er angerufen und gesagt: "Ich habe eine andere geheiratet." Da war Mama sehr geschafft, sie wusste gar nicht, wie sie Masum das erklären soll. Sie hat geweint und gesagt, sie will nicht mehr, und wir Kinder haben versucht, sie zu trösten. Aber ich wusste ja auch nicht so richtig, wie man das macht. Und sie wollte das auch gar nicht, weil sie uns nicht mit ihren Sorgen belasten wollte. Sie will immer, dass wir nicht merken, wenn es schlecht geht. Aber wir haben es doch gemerkt. Da ist die Schwester von Mama mit uns zum Kinderarzt gegangen und hat sich drum gekümmert, dass wir alle zusammen eine Kur kriegen. Zur Erholung.

Ihre Arbeit darf sie nur ein halbes Jahr machen

Jetzt hat Mama einen Ein-Euro-Job als Altenpflegerin. Deswegen konnte sie mir auch fünf Euro mitgeben, als wir in der Stadt waren. Ich habe meiner Freundin davon ein Eis spendiert. Das kann ich sonst nie. Das war schön. Ich war richtig glücklich. Naja, und den Rest hab' ich wieder mit nach Hause gebracht. Zum sparen, oder falls Mama es doch braucht. Sie wird es bestimmt brauchen. Sie darf ihre Arbeit ja nur ein halbes Jahr machen. Danach ist ein anderer dran. Ich finde das ungerecht. Mama macht die Arbeit total Spaß, und es hat auch Sinn. Als die AWO ihren alten Teppich und den Schrank und den Schreibtisch rausschmeißen wollte, hat Mama gesagt, das ist zu schade zum wegschmeißen. Jetzt sieht unser Wohnzimmer richtig schön aus.

Wenn ich Bürgermeister wäre, würde ich dafür sorgen, dass die Arbeit besser verteilt ist. So wie es jetzt ist, geht es irgendwie nicht, weil die Kinder ja nicht schuld daran sind. Manchmal liege ich abends in meinem Bett und wenn es dunkel ist, habe ich Angst, und ich denke darüber nach, wie das alles so ist. Zum Beispiel, ein Junge, den ich kenne, lebt in einem Kinderheim. Seine Mutter hat gesagt, so lange sie Hartz IV bekommt, muss er dort bleiben. Sie kann sich kein Kind leisten. Mama würde so was niemals machen. Auch wenn wir kein Geld haben, backt sie am Sonntag Selterskuchen mit Schokolade, und es gibt Kakao. Wenn ich groß bin, würde ich gerne Polizistin werden. Und dann würde ich aufpassen, dass alle Kinder immer zu essen haben, und dann würde ich meine ganze Familie zum Eisessen einladen. Und ich würde zu Mama sagen, nimm dir so viele Kugeln, wie du willst."

Protokoll: Manuela Pfohl