Kinderarmut Von Geburt an Hartz IV


Der neue Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt: Immer mehr Familien rutschen in die Armut. Darunter leiden besonders die Kinder. Im Hamburger "Löwenhaus" versucht man ihre Not zu lindern - mit Essen und Bildung.
Von Nikola Sellmair

Morgens um 7.30 Uhr kommen die ersten Kinder ins "Löwenhaus" in Hamburg-Harburg. Freiwillige Helferinnen, die extra jeden Morgen aus den besser situierten Vierteln der Stadt anreisen, geben ihnen das Frühstückspaket: Ein Käsebrot und einen Apfel.

"Mit knurrendem Magen zur Schule"

Zu Hause bekommen diese Kinder nichts, erzählt Rainer Micha, Sozialpädagoge und Gründer des "Löwenhauses": "Es gibt Kinder im Viertel, die werden morgens auf die Straße gestellt und dürfen erst abends wieder auftauchen. Manche kriegen eine Chipstüte zum Frühstück, andere gehen mit knurrendem Magen zur Schule." Micha ist selber in Harburg aufgewachsen. Er hat beobachtet, wie das Arbeiterviertel zum Arbeitslosenviertel wurde, wie immer mehr Familien abrutschten in die Armut.

Hamburg ist die modernste deutsche Stadt, sagen Sozialforscher, denn sie steht für einen alarmierenden Trend: Oben und Unten entfernen sich immer weiter voneinander. Die Mittelschicht schrumpft, ergab gerade eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Dafür wächst der Reichtum. Hamburg boomt, neue schicke Stadtteile entstehen. Gleichzeitig wächst auch die Armut, besonders bei den Schwächsten, den Kindern. Fast jedes vierte Kind lebt hier von Hartz IV. Auch bundesweit nimmt die Kinderarmut deutlich zu, das zeigt der neue Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Rund sieben Euro erhält das Kind einer Hartz-IV-Familie pro Tag. Sieben Euro für Essen, Kleidung, das Geschenk zum Kindergeburtstag und möglichst auch mal einen Besuch im Zoo.

Groß hilft Klein

In vielen Familien ist nicht nur Geld das Problem, sondern auch Bildungsarmut und Chancenlosigkeit. Und genau hier setzt das Löwenhaus an. Das Konzept: Ältere Schüler betreuen am Nachmittag die Kleinen aus den ersten Klassen. Sie helfen ihnen bei den Hausaufgaben, kochen mit ihnen und nehmen sie auch mal in den Arm. "Unsere Großen sind alle Mädchen und Jungen aus dem Viertel, die wissen, wie schwer es ist, sich hier durchzubeißen, nicht zu resignieren. Die sagen den Kleinen: Streng Dich an in der Schule, es lohnt sich!", sagt Rainer Micha. Für die älteren Schüler aus Harburg organisiert er Praktika in Hamburger Betrieben. Und kürzlich hat das "LöwenArtHaus" eröffnet, ein lichter Bau am Wasser, in dem die Harburger Kinder an großen Staffeleien malen oder Tanzworkshops besuchen können.

"Es müsste viel mehr Löwenhäuser geben", sagt die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, die für die "1. World Vision Kinderstudie" zusammen mit ihrem Kollegen Klaus Hurrelmann 1.600 Kinder befragt hat. Das Ergebnis: Arme Kinder sind unglücklicher. "Kinder aus unteren sozialen Schichten sind häufiger unzufrieden mit ihrer Situation in der Familie und in der Schule, sie haben auch weniger erfüllende Freundschaften mit Gleichaltrigen, sie erhoffen sich seltener einen guten Schulabschluss", so Andresen. Ihr Fazit: "Wie glücklich Kinder sind, welche Chancen sie im Leben haben - das hängt in Deutschland leider immer noch davon ab, in welche Familien sie geboren wurden."


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