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Kinderbetreuung: Eine Teilzeitomi im Einsatz

In Nürnberg kümmern sich 30 Leihgroßeltern um Kinder, wenn die Eltern einmal keine Zeit haben. Von der Initiative profitieren nicht nur die Kleinen: Auch die Senioren freuen sich über den Kontakt zu ihren Schützlingen - so sehr, dass der Abschied manchmal schwer fällt.

Eva Stransky nippt an ihrer Kaffeetasse. Ihr Blick gleitet zum anderen Ende des Raums. Sie lächelt. Die dreijährige Xenia, die gerade noch auf einem Bobbycar durch die Tür gerauscht kam, sortiert dort Legosteine. Plötzlich lässt die Kleine ihre Spielsachen stehen und tippelt auf die ältere Frau zu. Sie drückt ihr einen Kuss auf die Wange, flüstert ihr etwas ins Ohr. Und dann ist sie auch schon wieder weg. Eva Stransky und die kleine Xenia könnten Großmutter und Enkel sein. Im Grunde sind sie das auch. Nur, dass die beiden nicht verwandt sind. Eva Stransky ist das, was man eine "Leihoma" nennt. Seit Xenia drei Monate alt ist, kümmert sich die 72-Jährige regelmäßig um sie. Eine Leihoma springt für die Kinderbetreuung ein etwa, wenn die Eltern einkaufen oder abends ausgehen wollen. Im Unterschied zu einer Tagesmutter ist eine Leihoma nur einige Stunden die Woche im Einsatz. "Sie soll auf keinen Fall die Berufstätigkeit der Eltern abdecken", erklärt die Sozialpädagogin Regina Emmerich vom Verein Kinderhaus Nürnberg e.V.

Kennenlernen im persönlichen Gespräch

Das Projekt, das 1998 ins Leben gerufen wurde, läuft gut: 30 Leihomas und Opas aus dem Nürnberger Stadtgebiet sind in der Tagespflegebörse des Vereins gelistet. Derzeit gibt es mehr Senioren, die Kinder betreuen möchten als Eltern, die eine Betreuungsmöglichkeit suchen. Über Steckbriefe können Senioren und Eltern ihre Gesuche aufgeben. Im persönlichen Gespräch haben beide Seiten dann die Möglichkeit, sich kennenzulernen. In ganz Bayern wurden in den vergangenen Jahren ähnliche Angebote ins Leben gerufen. Zahlen, wie viele Senioren als Leihgroßeltern einspringen, gibt es jedoch nicht. Nötig wurden solche Projekte, weil es nur noch wenige Familien gibt, in der mehrere Generationen unter einem Dach leben. Von einem Leihoma-Betreuungsverhältnis können alle Seiten profitieren, erklärt Regina Emmerich. Die Kinder bekommen etwas von der Lebenserfahrung der Leihgroßeltern mit, die Eltern werden entlastet und die Senioren haben eine sinnvolle Aufgabe. Zweimal die Woche kümmert sich Eva Stransky zwei Stunden lang um die kleine Xenia, deren Großeltern nicht in Nürnberg wohnen. Dann gehen die beiden in den Stadtpark, singen oder schauen sich zusammen Bücher an. "Ich mag Kinder einfach gern", sagt Eva Stransky, die selbst keine Enkel hat. Gern wäre sie Kindergärtnerin geworden, doch die Eltern waren dagegen.

Die Kinder bereichern den Alltag

"Die Kinder spüren, wenn man ihnen wohl gesonnen ist", sagt Xenias Mutter, Ute Bräunlein. Sie hat bewusst nach einer älteren Betreuungsperson gesucht. "Ein älterer Mensch hat eine andere Persönlichkeit, kann ihr mehr mitgeben", sagt die Yoga-Lehrerin. Sie schätzt die herzliche und aktive Leihoma. Und sie ist dankbar, dass Eva Stransky flexibel ist und auch mal einspringt, wenn die Mutter am Abend Yoga-Unterricht gibt. Die Kinder bereicherten ihren Alltag, erklärt Eva Stransky, die allein lebt. Seit 1998 arbeitet sie als Leihoma für vier Euro die Stunde. Xenia ist bereits ihr fünftes Kind. Meist endet das Betreuungsverhältnis, wenn die Kleinen in den Kindergarten kommen. Zu manchen der Kinder hat sie noch Kontakt, bei vielen fiel ihr der Abschied schwer. "Bei Xenia wird es mir wohl auch so gehen", sagt sie und versucht zu lächeln.

Sonja Krell/DPA / DPA
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