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Kinderschicksale: Luftbrücke in ein neues Leben

Herzfehler, Kriegsverletzungen, vereiterte Knochenbrüche - die Schicksale von Kindern aus Afghanistan sind oft bedrückend. In ihrer Heimat würden viele von ihnen nicht überleben. Nun sind 67 kleine Patienten von Kabul nach Deutschland gebracht worden, um dort operiert zu werden.

Von Stefanie Zenke, Kabul

Die Wangen der kleinen Nazifa schimmern blau. Eine Sauerstoffmaske bedeckt Nase und Mund ihres Gesichts. Die Fünfjährige hat die Augen geschlossen. Die Ärzte haben das zierliche Mädchen aus Afghanistan auf eine der ersten Stuhlreihen im Flugzeug gebettet. Hinter der Kleinen sitzt der fünf Jahre alte Fahim. Dicke Tränen kullern über sein Gesicht, das übersät ist mit wulstigen Narben. "Eine Brandverletzung", sagt ein Pfleger und streichelt Fahim über das pechschwarze Haar. Der Junge wendet sich ab, er schämt sich für sein entstelltes Äußeres.

Es ist früh am morgen, die Sonne steigt langsam hinter dem verschneiten Hindukusch auf. In wenigen Minuten wird die Boing 737-700 von "Hamburg International" nach kurzem Aufenthalt starten, um 67 teils schwer verletzte und kranke afghanische Kinder von Kabul nach Deutschland zu fliegen. Es ist eine der größten humanitären Luftbrücken der vergangenen Jahre in Europa: Der Einsatz eines Flugzeuges zur Rettung von Menschen, wenn Gebiete auf dem Landweg nicht oder nur schwer erreichbar sind.

Die kleinen Patienten wimmern vor Schmerzen

Die Ärzte und Pfleger in den blauen Kitteln haben während des siebenstündigen Fluges alle Hände voll zu tun: Es sind Kinder mit Kriegsverletzungen, vereiterten Knochenbrüchen, Herzfehlern und anderen Erkrankungen an Bord. Viele der kleinen Patienten wimmern, viele weinen vor Schmerzen. Auch Heimweh macht ihnen zu schaffen, sie haben die Reise in ein fremdes Land ohne Eltern angetreten. Ihr Gepäck ist spärlich. "Die Eltern sind sehr dankbare Menschen, aber auch oft sehr arm", sagt Krankenschwester Melanie. Ihre Kollegen verteilen braune Stoffteddys, um ein wenig Trost zu spenden.

Jens Untiedt, leitender Norarzt des Hamburger Albertinen-Krankenhauses, sitzt neben Nazifa und kontrolliert das Gerät, das die Kleine mit Sauerstoff versorgt. "Ihr Zustand ist kritisch", sagt der große Mann mit dem grauen Haarschopf. Das Mädchen, so der Arzt, hat nur eine Herzkammer. Wenn Nazifa nicht bald wegen ihres Herzfehlers operiert wird, steht es schlecht um sie. Nach der Ankunft in Hamburg soll die Kleine sofort in die Uniklinik Gießen gebracht werden. Die anderen Kinder, zwischen drei und 18 Jahre alt, werden auf 24 weitere Kliniken in ganz Deutschland verteilt.

Direktflüge nach Kabul gibt es nicht

Es ist die zweite Luftbrücke zwischen Kabul und Hamburg, die der Verein "Kinder brauchen uns" organisiert hat. Die Kosten in Höhe von 110 000 Euro übernimmt ein Unternehmer aus Schleswig-Holstein. Zu dem Charterflug gab es keine Alternative: Direktflüge von Deutschland nach Kabul gibt es nicht. "Umwege über andere Länder sind zu teuer und hätten für die Kinder zusätzliche Strapazen bedeutet", sagt Matthias Angrés, Vorstandsvorsitzender des Vereins und ärztlicher Direktor des Albertinen-Krankenhauses in Hamburg. Die Operationen werden von Kliniken, Stiftungen oder durch Spenden finanziert.

Seit 2001 gibt es den Verein "Kinder brauchen uns", der nur aus wenigen Privatleuten besteht. Er kümmert sich um die medizinische Versorgung und Betreuung schwerstverletzter und kranker Kinder aus Afghanistan. Etwa 400 Kinder wurden bislang nach Deutschland geholt, den meisten konnte geholfen werden. In Gastfamilien erholen sich die Kinder von den Strapazen.

So wie der 13 Jahre alte Obaidullah, der mit der ersten Luftbrücke Oktober vergangenen Jahres nach Hamburg gekommen war. Sein Herz war so geschwächt, dass er damals kaum gehen konnte. Ein paar Wochen nach der Operation war er wie ausgewechselt, erinnert sich sein Gastvater Salahuddin Bashar aus Elmshorn bei Hamburg. Der Junge tollte mit anderen Kindern umher, er verlor seine anfängliche Scheu, tauchte neugierig ein in eine komplett neue Welt. "Fernsehen, fließend Wasser, Nutella - das alles kannte er nicht", so Salahuddin Bashar.

Mit dem Hinflug der Chartermaschine nach Kabul ist Obaidullah nun zurück in seine Heimat gekehrt - zusammen mit rund 60 anderen erfolgreich operierten Kindern aus Afghanistan. Am Hamburger Flughafen boten sich rührende Szenen: Viele Kinder weinten, als sie sich von ihren Gastfamilien verabschieden mussten. Auch manch Erwachsener kämpfte mit den Tränen. "Die Kinder sind einem so schnell ans Herz gewachsen", sagte eine Gastmutter aus Bochum und schluchzte. "Aber wir müssen sie gehen lassen, ihre Eltern erwarten sie schon sehnsüchtig." Mit im Gepäck der Kinder: Geschenke für ihre Angehörigen, Medikamente und ein Schwung Fahrräder.

Im Flugzeug herrschte ausgelassene Stimmung. Viele Kinder freuten sich darauf, ihre Eltern, Geschwister und Verwandte bald in die Arme schließen zu können. Sie tanzten die ganze Nacht hindurch im Mittelgang des Fliegers. Es gab aber auch traurige und nachdenkliche Gesichter. Obaidullah, der sich von seinen Gasteltern zum Abschied einen Anzug gewünscht hatte und diesen auf dem Rückflug trug, wusste bereits, was ihn erwarten würde: Er werde irgendwie seine Familie ernähren müssen, erzählte er. Sein Vater war von den Taliban getötet worden.

Den Mund regelrecht weggeschossen

Auch Akhtar, 13 Jahre alt, hat Angst vor der Rückkehr in das vom Krieg gezeichnete Afghanistan. In Kandahar, wo seine Familie lebt, war ihm vor knapp zwei Jahren während eines Angriffs auf seine Schule der Mund regelrecht weggeschossen worden. Seitdem ist Akhtars Gesicht entstellt, auch eine Operation in Deutschland konnte nur wenig Abhilfe schaffen. Auch Akhtar ist in feinen Anzugszwirn gehüllt. "Ich will gut aussehen, wenn ich meine Eltern wiedersehe", sagt er in akzentfreiem Deutsch und zupft an seinem Tuch, das er vor dem Mund trägt und das beim Sprechen immer verrutscht. Zeit, einfach Kind zu sein, werden Obaidullah, Akhtar und die anderen Kinder in Afghanistan vermutlich nicht mehr haben.

"In ein paar Tagen sind die Kinder wieder in ihrem alten Leben angekommen - die meisten in geheiltem Zustand", sagt Friedrich-Christian Rieß, Chefarzt der Herzchirurgie am Albertinen-Krankenhaus. Ein Kulturschock böte sich den Kindern nicht. "Kinder sind hart im nehmen, sie leben im Hier und Jetzt", sagt er. Rieß ist selbst Vater von sechs Kindern und begleitet die sechs Jahre alte Haseena, sein Gastkind, zurück nach Kabul. Viele Gasteltern, erzählt er, wollen versuchen, Kontakt zu "ihren" Kindern zu halten. Die Sprache dürfte keine Barriere sein, die Kinder haben während ihres Aufenthaltes in Deutschland rasch deutsch gelernt.

Das "Steinhaus" soll Perspektive geben

Um den Jungs und Mädchen auch in ihrer Heimat Perspektiven zu ermöglichen, haben die Organisatoren der Luftbrücke das "Steinhaus" in Kabul, eine Art Internat, gegründet. Hier können etwa 70 Kinder zur Schule gehen und in einer Werkstatt verschiedene handwerkliche Berufe erlernen. "Mit einer Ausbildung steigen die Chancen auf ein normales Leben erheblich", sagt Angrés, der schon vor einigen Tagen nach Kabul geflogen war um neue Patienten für die Luftbrücke auszusuchen. Die medizinische Versorgung im Land, so Angrés, sei eine Katastrophe: "Zu wenig Ärzte, keine ordentlichen Krankenhäuser, keine Ausstattung."

Bei den afghanischen "Steinhaus"-Mitarbeitern laufen Informationen über neue Kinder zusammen, die dringend Hilfe brauchen. Im "Steinhaus" werden die Eltern der Kinder die aus Deutschland zurückkehren wegen weiterer Behandlungen ihrer Sprösslinge beraten. In diesen Tagen übernimmt das Markus Dewender, der ausgeschiedene Vereinsvorsitzende. Ausgeschieden deshalb, weil Dewender zwei falsche Doktortitel führte. Das gab unlängst negative Schlagzeilen in der Presse. "Er hat einen Fehler gemacht, er steht dazu und hat die Konsequenz gezogen", sagt Angrés, der nun das Vereinszepter in der Hand hält. An der Arbeit Dewenders, der das Organisatorische nahezu in Alleinregie stemmt, habe man jedoch nichts auszusetzen. Ohne ihn, so sind sich die Mitarbeiter einig, gebe es den Verein, der 2007 für sein Engagement sogar den "Bambi" erhielt, gar nicht.

Mit Blaulicht ins Krankenhaus

Kabul - Hamburg. Der lange, strapaziöse Flug ist vorbei, die Maschine kommt im Hangar H des Hamburger Flughafens zum Stehen. Reporter, Fotografen und Kamerateams drängen sich hinter rot-weißen Absperrbändern. Die Ausstiegsluke der Boeing öffnet sich, Ärzte und Rot-Kreuz-Helfer tragen die schwerverletzten Kinder die Gangway hinunter. Dutzende Rettungswagen stehen schon bereit. Notarzt Untiedt trägt mit Kollegen die kleine Nazifa auf einer roten Trage aus dem Flugzeug. Für einen kurzen Moment öffnet sie erschöpft die Augen. Mit Blaulicht wird sie davongefahren: Ihrem neuen Leben entgegen.