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Kindesmisshandlung: Geprügelt, gequält, gedemütigt

Unfassbar: Geschätzte 1,4 Millionen Kinder werden Jahr für Jahr in Deutschland misshandelt, aber nur rund 3000 solcher Fälle aufgedeckt. stern-Mitarbeiter Manfred Karremann hat intensiv recherchiert - und präsentiert die Ergebnisse seiner Ermittlungen im stern. Sein Hauptaugenmerk galt dem tagelangen Martyrium der kleinen Karolina.

Hunderttausende schlagen zu - mit Gürteln und Stöcken, Kleiderbügeln und Schuhen, mit der Handfläche oder mit der Faust. Die einen prügeln spontan und eruptiv, die anderen systematisch und rituell. Die Täter: Mütter und Väter, Stiefmütter und Stiefväter, Opas und Omas. Die Opfer: Babys, Kleinkinder, Schulkinder. Die Gewalt gegen die wehrlosen Mädchen und Jungen hat viele Ursachen: Überforderung, Frustration, Hass, Sadismus, emotionale Not.

Über 1,4 Millionen Kinder, schätzt das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, werden Jahr für Jahr Opfer häuslicher Gewalt. Geprügelt und gedemütigt, gequält mit brennenden Zigaretten und Feuerzeugen. Oder dämmern, allein gelassen, in völlig verdreckten Betten und verwahrlosten Wohnungen. Nur rund 3000 solcher Fälle werden im Schnitt jährlich bekannt.

Jessica verhungert, Dominik leidet im Trockner

Dann bekommt das Leid Namen - Lea-Sophie etwa oder Jessica, die verhungert sind. Kevin, der tote Junge im Gefrierschrank. Oder der 16 Monate alte Dominik, den der Freund seiner Mutter in einen Wäschetrockner sperrte und ihn laufen ließ, weil das Kind ihn beim Fernsehen gestört hatte.

Es war vor allem das tragische Schicksal der dreijährigen Karolina, das Anfang 2004 einer schockierten Öffentlichkeit klar machte, was sich für ein unvorstellbares Martyrium hinter dem nüchternen Fachterminus "Kindeswohlgefährdung" verstecken kann. Fast ein halbes Jahr lang hat stern-Mitarbeiter Manfred Karremann Dutzende Fälle von Kindesmisshandlung recherchiert - vor allem die letzten Tage der dreijährigen Karolina. Er sprach mit Polizisten und Staatsanwälten, Kinderärzten und Neurobiologen, besuchte Zeugen, Nachbarn und die inhaftierten Täter. Sein Bericht, abgedruckt im stern Nr. 13 - belegt eindringlich, welche Qualen misshandelte Kinder erdulden müssen - und warum wir alle genauer hinsehen müssen

"Wir alle müssen früher eingreifen"

"Nicht nur Ärzte und Behörden müssen früher eingreifen", sagt der Duisburger Kriminalhauptkommissar Heinz Sprenger, "sondern auch vor allem Nachbarn, Verwandte und Freunde - wir alle." Sprenger, einer der Initiatoren der Risikokinder-Informationsdatei "Riskid" für Kinder- und Jugendärzte, will, dass die "Kultur des Hinsehens", wie sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert wurde, für jeden Einzelnen in dieser Gesellschaft gilt: "Wenn bekannt ist, dass es Kinder in einer problematischen Familie gibt, die kaum zu sehen sind - hingehen und nachfragen! Wenn ständig Kindergeschrei und andere alarmierende Geräusche in der Nachbarwohnung zu hören sind - klingeln und nachfragen!" Fürsorgliche Eltern dürften eine solche Intervention nicht übel nehmen, wenn sich das Geschrei etwa als normaler kindlicher Wutausbruch herausstellt.

Die dreijährige Karolina war am 5. Januar 2004, kahl geschoren und von blauen Flecken und Schwellungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in einer Kliniktoilette in Weißenhorn bei Neu-Ulm entdeckt worden. Die Tochter der Polin Janeta Nowak* war von deren Lebensgefährten Mehmet Caner* über mehrere Tage mit der Hand oder mit einem Gürtel grün und blau geprügelt, mit erhitzten Verschlüssen von Methadon-Flaschen versengt und mit dem Kopf gegen die Wand und gegen Möbel geschlagen worden. Bis das Kind schließlich bewusstlos liegen blieb. Janeta Nowak fand sich mit den lebensgefährlichen Misshandlungen ab, urteilten später die Richter: "Sie hatte sich entschlossen, den Angeklagten gewähren zu lassen, weil ihr der Fortbestand ihrer Beziehung zu ihm letztlich wichtiger war als das Schicksal ihrer Tochter."

"Ich wollte meine Mama retten"

Im Gefängnis erzählte sie stern-Mitarbeiter Karremann zögernd über ihre Kindheit, von den wechselnden Männern ihrer Mutter, einer gewalttätiger als der andere, und jedes Mal war Alkohol im Spiel. "Einer wollte meiner Mama den Hals durchschneiden", berichtete sie, "ein anderer hat sie blau geschlagen, dass das ganze Gesicht zugeschwollen war." Da muss sie so alt und so wehrlos gewesen sein wie Karolina. "Ich wollte meine Mama retten", sagt sie, "aber ich war so klein, konnte nur sagen: Bitte lass meine Mama, bitte lass meine Mama." Einmal, als sie schon im Bett gelegen und geschlafen hatte, sei einer dieser Männer gekommen: "Ich habe geschrieen, weil der mich angefasst hat."

Erst einen Tag später legten sie das immer noch nicht zu sich gekommene Mädchen auf einer Toilette des Krankenhauses von Weißenhorn ab. Karolina starb schließlich an ihren schweren Hirnverletzungen. Das Paar setzte sich nach Italien ab, wo es ein paar Tage später verhaftet wurde.

Urteil: Lebenslange Haft

Im Frühjahr 2005 verurteilte das Landgericht Memmingen den Angeklagten Caner wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 10 Jahren und 3 Monaten Haft, Karolinas Mutter kam mit 5 Jahren und 6 Monaten davon. Doch der Bundesgerichtshof hob die Urteile wieder auf, ein Münchner Landgericht schließlich erkannte auf Mord: Lebenslang für beide.

*Namen geändert

Von Werner Mathes