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Kindesmisshandlungen: "Das war sadistisch"

Geschlagen, eingesperrt, in Exkremente gedrückt - wenn die Kinder in Kelheim von ihren Eltern tatsächlich so misshandelt worden sind, könnten die seelischen Auswirkungen fatal sein. Im stern.de-Interview erklärt die Psychologin Isabella Heuser, warum Kinder so lange schweigen.

Frau Heuser, wie lange harren Kinder in einer für sie unerträglichen Situation aus, bevor sie gegen ihre Eltern vorgehen?

Da gibt es auch kein Mittelmaß sondern es kommt auf die Situation des Kindes an. Hat es noch andere Vertrauenspersonen? Ist es isoliert? In welcher Situation leben die Eltern? Sind sie getrennt? Das ist alles hoch variabel. Aber insgesamt kann man sagen, dass Kinder sehr lange aushalten.

Woran liegt das?

Kinder halten viel mehr aus als Erwachsene. Das liegt auch daran, dass Kinder von den Eltern abhängig sind. Sie kennen nichts anderes. Dann haben sie wenigstens jemanden, der sich, auch wenn das mit Schlägen oder sonstigem Missbrauch einhergeht, um sie "kümmert" - aber derjenige kümmert sich wenigstens.

Die Kinder in Ihrlerstein sagten, sei wurden eingesperrt und in ihre Exkremente gedrückt ...

Das war sadistisch!

Welche körperlichen und seelischen Folgen haben solche "Erziehungsmaßnahmen"?

Das ist hoch traumatisierend. Ich weiß nicht, ob die älteren Kinder seit ihrer Geburt so gelebt haben. Wenn solche Misshandlungen, solche sadistischen Vorgehensweisen, solche Quälereien begangen werden, wenn die Kinder noch sehr jung sind, gibt es dadurch besonders starke Schäden: in der kognitiven Entwicklung, also der Intelligenzentwicklung, in der psychischen Entwicklung und natürlich in der körperlichen Entwicklung. Derartige Kinder sind ständig hochgradig traumatisiert und gestresst. Sie sind untergewichtig, in der Regel nicht so aktiv, das heisst, ihr Energieniveau ist reduziert. Wenn das alles in den frühen Jahren passiert, als Faustregel bis zum sechsten oder zehnten Lebensjahr - das ist ein Horror.

Die Eltern haben zugegeben, sie hätten den Kindern ab und zu einen "Klaps" gegeben. Wo sind die Grenzen zwischen autoritärer Erziehung und Misshandlung?

Kinder einsperren sollte man nie, vor allem nicht kleinere Kinder. Das ist grausam und für die Kinder ein furchtbares Erlebnis. Möglicherweise ist der Raum, in den man gesperrt wird, auch noch dunkel. Zudem ist man noch klein und weiß nicht, was wird, man ist dann ja wie lebendig begraben. Das sollte man also selbstverständlich nie tun. Ob Klaps oder nicht - ich denke, Kinder sollten nicht geschlagen werden. Das ist ja auch nicht notwendig. Man kann sie mal hart anfassen, aber nicht schlagen.

Es waren acht Kinder in der Familie. Die Eltern sprachen davon, dass die Kinder auch ausgerastet seien und die Wohnung verwüstet hätten. Was tut man dann?

Was die Eltern mit ihren Kindern gemacht haben, ist hochgradig gestört. Man muss ihnen die Kinder wegnehmen! Wenn kleine Kinder die Wohnung verwüsten, ist das ein Alarmzeichen. Das ist nicht normal. Unordnung machen, das schon, aber Kinder verwüsten niemals eine Wohnung. Wenn sie gezielt etwas kaputt machen, dann ist das ein extrem alarmierendes Zeichen.

Wie sieht es mit der Glaubwürdigkeit vor Gericht aus, wenn die Aussagen von Kindern gegen die Aussagen von Eltern stehen?

Vor Gericht kann man das nicht klären. Da muss die Behörde doch in die Familie gehen. Dann muss die Behörde unangemeldet hingehen und gucken, ob die Kinder verhaltensauffällig sind. Jeder Kinderpsychologe oder Jugendpsychiater sieht das. Es ist nicht schwer zu diagnostizieren, wenn Kinder traumatisiert sind. Auch von den Kinderärzten. Frau von der Leyens Pläne, die Ärzte mit einzubeziehen, finde ich da wichtig.

Sechs der Kinder wollen angeblich wieder zu ihren Eltern zurück. Kann man das verantworten? Und entkräftet das sogar die Vorwürfe gegen die Eltern?

Das ist natürlich nicht verantwortbar, das wird wahrscheinlich auch so nicht geschehen. Es gibt zwar immer das Bemühen, die Familien zusammenzuführen. Dass die Kinder das sagen, wundert mich überhaupt nicht. In Berlin im Bezirk Prenzlauer Berg gab es den Fall, in dem vier Kinder sich über Monate in einer völlig vermüllten Wohnung selbst versorgt haben. Da wurde auch gesagt, sie müssten wieder zu der Mutter zurück und die Kinder hatten auch nach der Mutter gefragt. Diese Kinder sind dann aber in Pflegefamilien gekommen und man hat gesehen, dass das mit der Mutter nicht mehr geht. Die Situation muss unter dem Aspekt des Kindeswohls betrachtet werden. Wenn die Kinder sagen, dass sie zur Mutter zurückwollen, dann kann man das nicht einfach so machen, denn die Eltern brauchen ja dringend Hilfe.

Die Eltern sagten in einem stern.de-Interview, sie könnten sich die Anklagen der Kinder "nicht erklären". Wäre es möglich, dass die Kinder gelogen haben, weil sie mit ihrem Stiefvater nicht zurechtkamen?

Ich würde nie etwas komplett ausschließen, aber der Regelfall ist das nicht.

Wie könnte man den Kindern jetzt konkret helfen?

Man muss sie untersuchen und schauen, wie sie sich verhalten und wie ihre intellektuelle, emotionale und körperliche Entwicklung ist. Und sie brauchen sofort ein sicheres Zuhause, eine Pflegefamilie, ein Kinderheim oder SOS-Kinderdorf. Sie brauchen einen Platz, an dem sie sich sicher fühlen und sie wissen, dass ihnen nichts Böses passiert. Einen Ort, an dem sie nicht nur gefüttert, sondern in den Arm genommen, angeregt und stimuliert werden.

Hatten Sie mit ähnlichen Fällen zu tun und würden Sie sagen, dass solche Sachen immer häufiger passieren?

Das kann ich nicht sagen. In meiner professionellen Tätigkeit als Psychotherapeutin und Psychiaterin habe ich in der Erwachsenentherapie mit den Spätfolgen zu tun, also mit jungen Erwachsenen, die solche Erfahrungen machen mussten. Man bekommt aber schon den Eindruck, dass die Fälle zunehmen. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass die Menschen mittlerweile besser hingucken und mehr darüber geredet wird. Das finde ich gut.

Interview: Angelika Dehmel
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