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Kindstötungen: "Hinsehen muss Folgen haben"

Nach den Kindstötungen in Darry und Plauen wird der Ruf nach neuen und schärferen Gesetzen laut. Aber es geht auch anders: Die Stadt Dormagen hat einen eigenen Weg gefunden, jungen Familien zu helfen.

Von Alexander Zeuner

Die Kindstötungen in Darry und Plauen haben eine heftige Diskussion ausgelöst, ob - und wenn ja, wie - solche Vorfälle verhindert werden können. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht sich für eine "Kultur des Hinsehens" aus. Und die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) befürwortet verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen, wie sie im Bundesland Saarland vorgeschrieben sind.

Nicht nur für Hartz-IV-Bezieher

Aber es geht auch anders: In der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen bekommen die Eltern eines Neugeborenen zuallererst ein Glückwunschschreiben von Bürgermeister Heinz Hilgers (SPD). Wichtiger als die Glückwünsche des Bürgermeisters ist jedoch etwas ganz anderes: In dem Schreiben wird der Besuch eines Sozialarbeiters inklusive Terminvorschlag angekündigt. Den Brief erhält jede Familie – egal aus welcher sozialen Schicht sie kommt. Es werden also nicht nur Hartz-IV-Bezieher angesprochen.

Der Umweg über den Bürgermeister durch das Modell "Netzwerk für Familien" musste gewählt werden, weil es das klassische Sozialamt durch die Arbeitsmarktreform Hartz IV nicht mehr gibt - die Stadt hat somit keinen direkten Zugang mehr zu armen Familien. Dormagen hat rund 65.000 Einwohner und kämpft mit denselben Problemen wie jede andere deutsche Stadt auch. "Kinderarmut nimmt überall zu - auch bei uns", sagt Gerd Trzeszkowski, Fachbereichsleiter Schule, Kinder, Familien und Senioren der Stadt Dormagen.

Gutscheine, Märchenbücher, Rauchmelder

Die Sozialarbeiter kommen nicht mit leeren Händen: In einem "Baby-Begrüßungspaket" finden die frischgebackenen Eltern Gutscheine für Krabbelkurse, Märchenbücher und einen gesponserten Rauchmelder für das Kinderzimmer. Zusätzlich bekommt die Familie einen ganzen Ordner mit Aufsätzen: von erziehungswissenschaftlichen Abhandlungen bis zu praktischen Erziehungstipps ist alles dabei.

Wichtig für die Behörde ist aber vielmehr, dass sich der Sozialarbeiter ein Bild von den Familienverhältnissen machen kann. Ob der Ordner von den Eltern überhaupt angefasst wird, kann sowieso nicht überprüft werden. Etwa eine Stunde ist für das Gespräch geplant. Der Sozialarbeiter bietet zudem Hilfestellung beim Ausfüllen von Anträgen an, etwa für Kinder- oder Erziehungsgeld. Darüber hinaus kann die Familie weitere Termine vereinbaren.

Im ersten Jahr nach Einführung des Modells kamen 550 Kinder zur Welt - nur zwei Familien nahmen den freiwilligen Termin nicht wahr. "Wir sind keine Behörde, die durch ständige Kontrolle Sicherstellung geben kann", sagt Trzeszkowski. Sehr wohl prüfe der Sozialarbeiter aber intern, ob Anhaltspunkte für ein Einschreiten vorliegen, indem er zum Beispiel mit der Geburtsklinik oder der Hebamme spreche.

Darry hätte nicht verhindert werden können

Natürlich können mit dem Frühwarnsystem in Dormagen keine Fälle wie in Darry oder Plauen verhindert werden, aber: "Die Gefahr wäre minimiert worden", sagt Trzeszkowski. "In unserem Modell wären wir zumindest in Darry fünf Mal vor Ort gewesen."

Von Pflichtuntersuchungen ist der Fachbereichsleiter nicht überzeugt. "Ich finde es schade, dass die Politik als Reflex auf die Vorfälle in Norddeutschland in erster Linie Voruntersuchungen zur Pflicht machen will", sagt er und fragt: "An welcher Stelle hätte eine solche Untersuchung denn geholfen?" Für ihn braucht Deutschland "eine soziale Gemeinschaft, die sich um Kinder kümmert und sie auch ernst nimmt". Hinsehen sei gut, "aber Hinsehen muss auch Folgen haben".