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Kippen im Theater: Leute, lasst den Schmidt rauchen!

Ein gewisser Horst Keiser zeigt Helmut Schmidt an, weil er im Theater geraucht hat. Aber im Gegensatz zum Nichtraucherschützer, der auf der Beliebtheitsskala nun kurz vor Napalmlobbyisten steht, beweist der dampfende Altkanzler wenigstens Haltung.

Eine Huldigung von Sebastian Christ

Wenn ich mir ein Deutschland schnitzen könnte, dann wäre es ein Land, in dem Raucher und Nichtraucher friedlich und im gegenseitigen Respekt leben könnten. Leider sind Träume meistens schnell ausgeträumt. Und das liegt in erster Linie an Menschen wie Horst Keiser. Der umtriebige Südhesse von der "Nichtraucher-Initiative Wiesbaden" hat Helmut Schmidt verpetzt. Endlich jemand, der weiß, wie man sich während der berühmten Warholschen Ruhmesviertelstunde die größtmögliche Anzahl an Feinden macht.

Jetzt droht den Schmidts eine Geldstrafe

Der Altkanzler hatte sich zusammen mit seiner Frau Loki eine "Reyno Menthol" angesteckt. Auf dem Neujahrsempfang eines Hamburger Theaters, in aller Öffentlichkeit. Keiser hat die beiden daraufhin angezeigt. Eigentlich war es ja nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf diese schräge Idee kommen würde. Denn die Schmidts gelten als Deutschlands standfesteste Rauch-Rebellen. Jetzt droht ihnen eine Geldstrafe.

Früher ist Helmut Schmidt Leidenschaft für brennende Zigaretten gar nicht so aufgefallen. Bis in die frühen 90er Jahre hinein war das Rauchen auch im Fernsehen völlig normal. Die Zeiten änderten sich, Schmidt nicht. So unerschütterlich er als Kanzler den Gefahren von innen und außen trotzte, frönt er in der Ära des gesetzlich verankerten Nichtraucherschutzes weiter seinem Laster. Viele Menschen finden genau das sympathisch: In einer Umfrage des Senders Premiere wurde Schmidt kürzlich zum "coolsten Deutschen" gewählt. Noch vor Til Schweiger.

Auch wenn ich selbst kein Zigaretten-Fan bin: Mir imponiert die Haltung von Schmidt ebenfalls. Sie zeugt vom Selbstverständnis eines Menschen, der genug Lebenserfahrung hat, um nicht jeden neuen Trend mitmachen zu müssen. Und nebenbei bereitet es ihm scheinbar auch Freude, im Alter von 89 Jahren ein wenig unangepasst zu sein. Diesen Spaß sollte man ihm gönnen.

Wenn man nicht allzu verbohrt ist, dann macht es einem sogar Laune, ihm beim lustvollen Gesetzesbruch zuzusehen. Auf dem SPD-Parteitag im Oktober wurde er als Ehrengast eingeladen. Im Hamburger Congress Centrum herrscht schon seit Langem ein strenges Rauchverbot. Es gibt noch nicht einmal Aschenbecher. Als Schmidt sich in der ersten Reihe die Rede seines Nach-Nachfolgers Gerhard Schröder anhörte, überkam ihn plötzlich der Nikotinhunger. Aus einem Schreiben der damaligen SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier baute er sich ein Papierbötchen, in das er dann seelenruhig die Zigarettenasche hinein tippte. Die Fotografen um ihn herum gerieten in Verzückung, am nächsten Tag berichtete die "Bild" auf einer vollen Seite über Schmidts neueste Rebellentat. Anzeige erstattete niemand.

In einer investigativen Hintergrundrecherche konnte ich nach der Veranstaltung den selbstgebauten Aschenbecher von Helmut Schmidt sicherstellen. Das Belegfoto, siehe links. Mein Versprechen an dieser Stelle: Sollte die Staatsanwaltschaft Hamburg nun auch in dieser Sache ermitteln müssen, werde ich das entscheidende Beweismittel auch bei Androhung von Beugehaft nicht herausgeben. Mein unpolitisches Ehrenwort.

Also Leute: Lasst Helmut Schmidt rauchen! Und mal abgesehen davon, dass die Anzeige weder von einem gesunden Sozialverständnis noch von Nächstenliebe zeugt - Herr Keiser von der Nichtraucher-Initiative hat jetzt auch selbst ein Problem. In der nach unten offenen Beliebtheitsskala rangiert sein Verein seit heute irgendwo zwischen der Napalm-Lobby und Scientology. Das hilft weder den vielen Millionen verständnisvollen Nichtrauchern noch der eigenen Sache. Ein spektakuläreres Eigentor hat schon lange niemand mehr geschossen.

Nachtrag: Wie es aussieht, wird das Verfahren gegen Schmidt und Gattin wohl eingestellt. Das kündigte der zuständige Staatsanwalt jetzt an. Wenigstens die Behörden haben noch etwas Freude an Alters-Rock'n'Roll.