Kirchenrecht Gesetze aus den Gotteshäusern


Im Mittelalter war die Kirche ein Hort der Gelehrsamkeit. Ihr Rechtssystem entwickelte sich unabhängig von dem weltlichen. Auf unser modernes Recht hat sie dennoch Einfluss genommen.

Stellen Sie sich vor, Ihr Vermieter ist im Langzeiturlaub in der Karibik und jemand macht sich in Ihrer Wohnung breit. Einfach so, während Sie bei der Arbeit sind. Ihn wieder hinauszubefördern, notfalls auch mit polizeilicher und gerichtlicher Hilfe, ist kein großes Problem. Doch würden Sie auf die Idee kommen, zum Dank dafür eine Spende im Klingelbeutel der örtlichen Kirche zu hinterlassen? Wohl kaum. Dabei hatte die Kirche einen ganz maßgeblichen Anteil an der Entwicklung von Mieterrechten – und nicht nur dort.

Eine ganz neue Klageart

1140 gibt Gratian, ein Mönch und Kirchenrechtler an der legendären Rechtsschule von Bologna, sein Buch 'Concordia Discordantium Canonum' heraus. Dies 'Decretum', wie man es der Einfachheit halber nannte, war eine Sammlung des Kirchenrechts, kombiniert aus Vorschriften älterer Werke und päpstlichen Urteilen. In ihm gab es die entscheidende Bemerkung über eine so genannte 'actio spolii'. Diese Klage machte es möglich, von einem Eindringling den eigenen, entwendeten Besitz zurück zu fordern – Sie konnten ihren unfreiwilligen Untermieter aus obigem Beispiel also wieder hinauswerfen lassen. Klingt nicht spektakulär, war aber neu und zukunftsweisend.

Zwar existierte im herrschenden römischen Recht ein Schutz von Besitz gegen Eindringlinge. Rechtsverhältnisse wie die Miete oder Leihe beispielsweise erzeugten jedoch eben keinen vollwertigen, klagbaren Besitz, selbst wenn man in einer Wohnung wohnte oder eine Sache in der Hand hielt. Klagen konnten in diesem Fall nur die Eigentümer. Und Ihr Vermieter ist ja in Urlaub. Das neue Klagerecht vereinfachte solche Verfahren enorm.

Interessanterweise gab es ursprünglich keine kirchenrechtliche Vorschrift, die einen solchen Schutz beinhaltete. Die früheste Form der Vorschrift ist vermutlich schlicht und einfach konstruiert worden, um die Macht der Bischöfe zu stärken – kein Bischof sollte erst aus seinem Herrschaftsgebiet vertrieben werden und dann, ohne Land, Geld und Macht, mit einem Strafprozess angegriffen werden können. Er sollte die Möglichkeit haben, sein Bistum zurück zu bekommen. Die Regel wurde schnell ausgeweitet und öffnete einem erfundenen Recht so seinen Weg bis in moderne Gesetze.

Heiraten für die Macht

Auch in Ehesachen entwickelte die Kirche eigene und durchaus politisch motivierte Vorschriften, die heute noch unser Eherecht prägen. Adelige Heiratspolitik, die mächtige Familien vereinte und ihre Vorrangstellung stärkte, widersprach den Interessen der Kirche. Bis ins 13. Jahrhundert hinein waren Adel und Kirche in ständige Machtkämpfe verstrickt. Um dem Adel das Schmieden von Bündnissen über den einfachen Weg von Heirat, Auflösung der Ehen und Neuverheiratung von Familienangehörigen zu erschweren, erhob die Kirche schon im 9. Jahrhundert die Ehe zum Sakrament. Wie die Verbindung zwischen Christus und der Kirche sollten Ehen unauflöslich sein. Nach und nach setzte die Kirche durch, dass alle strittigen Ehefragen nur noch vor kirchlichen Instanzen verhandelt wurden. Das Dekret Gratians war dann auch der Anfang eines kodifizierten kirchlichen Eherechts auf Basis von päpstlichen Entscheidungen.

Im Mittelpunkt des kirchlichen Interesses stand die Konsensehe – beide Brautleute sollten der Eheschließung zustimmen, und genau das sollte zur Wirksamkeit der Ehe führen. Vorher war der ausschlaggebende Zeitpunkt der Vollzug der Ehe, das 'Beilager', gewesen. Es ist kaum erstaunlich, dass die Kirche einen weniger körperlichen Ansatz wählte. Folgerichtig sollte auch der Ehemann zu ehelicher Treue verpflichtet sein. Mit dem modernen Konzept einer Liebesheirat hatte das Ganze allerdings wenig zu tun – die Zustimmung der Eltern musste weiterhin eingeholt werden und Standesunterschiede oder fehlende Geldmittel waren anerkannte Gründe, aus denen eine Eheschließung abgelehnt werden konnte. Trotzdem setzte sich das kirchliche Konzept des Konsenses zwischen den Partnern, der Einsegnung durch einen Priester und des Ringtauschs letztendlich durch und bleibt bis heute die verbreitetste Methode der Eheschließung.

Anklage auf eigene Gefahr

Im Strafrecht hinterlassen kirchenrechtliche Elemente ebenso bis in die Gegenwart ihre Spuren. Wurde man in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters wegen eines Verbrechens zur Verantwortung gezogen, so geschah das nicht durch eine staatliche Instanz, sondern die Anklage wurde von einer Privatperson erhoben (sogenannte 'accusatio'). Hintergrund dafür war das germanische Sippensystem, das Ausgleich zwischen den Sippen suchte und mehr an unser heutiges Zivilrecht erinnert. Auch die Beweisführung erfolgte durch die Person, die angeklagt hatte, wenn auch Richter zum Schluss die Entscheidung fällten. Gelang dem Ankläger die Beweisführung nicht, so drohten schlimme Konsequenzen – beispielsweise die Verurteilung zu der Strafe, die er auf den Angeklagten hinab beschworen hätte.

Die neuere 'inquisitio' – ein Verfahren, bei dem der Gerichtshof selbst eine Untersuchung einleitete - nahm ihren Weg in das Strafrecht über das kirchliche Gerichtsverfahren. Sie gab dem bekannten 'Inquisitionsprozess' seinen Namen. Erst zu Zeiten von Ketzer- und Hexenprozessen, die im 15 Jahrhundert aus der kirchlichen Jurisdiktion kamen, kannte dann auch das weltliche Gerichtsverfahren eine Anklage von Amtes wegen. Heutzutage handeln Staatsanwälte tagtäglich auf Basis dieser Idee staatlicher Strafverfolgung.

Claudia Fudeus

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