Kirchentag trotzt Missbrauchsskandal "Die andere Seite der Kirche erlebbar" machen


Der zweite Ökumenische Kirchentag in München soll den christlichen Kirchen neuen Auftrieb geben und ein deutliches Zeichen der Gemeinsamkeit aussenden.

Vor der Eröffnung des 2. Ökumenischen Kirchentages in München haben die Veranstalter das katholische Verbot einer gemeinsamen Abendmahlsfeier beklagt, aber vor Provokationen gewarnt. Der Aufruf einiger Basisgruppen zur gemeinsamen Eucharistie sei "nicht hilfreich", sagte der katholische Kirchentagspräsident Alois Glück. Sein evangelischer Kollege Eckhard Nagel forderte Respekt vor den verschiedenen Traditionen und sagte: "Schon traurig, dass das so politisiert werden muss."

Beim 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin hatte ein ökumenische Messfeier für einen Eklat gesorgt. Damals war der katholische Theologe Gotthold Hasenhüttl wegen der Austeilung des Abendmahls auch an evangelische Christen gemaßregelt und als Priester suspendiert worden.

Zum Eröffnungsgottesdienst des Ökumenischen Kirchentages wurde am Mittwochabend auch Bundespräsident Horst Köhler auf der Münchner Theresienwiese erwartet. Er sollte ein Grußwort halten. Insgesamt sollen bis Sonntag rund 700.000 Menschen zu dem größten ökumenischen Treffen weltweit kommen.

Der Missbrauchsskandal in der Kirche werde offensiv und klar angesprochen werden - auch hier sei das Programm "erschreckend aktuell", sagte der frühere bayerische Landtagspräsident Glück. Sein evangelischer Kollege mahnte allerdings, auf den mehr als 3.000 Veranstaltungen müsse auch wieder "die andere Seite der Kirche erlebbar werden". Das Engagement der Christen auch für die Gesellschaft müsse wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx sagte, das Kirchentags-Motto "Damit ihr Hoffnung habt" gelte auch nach innen. "Wir wollen Hoffnung ausstrahlen und nicht die Misere der Welt durch unseren Jammer verstärken."

Von dem gemeinsamen Treffen der Laien müsse ein Schub für die Ökumene ausgehen. Der evangelische Landesbischof Friedrich sagte, er leide darunter, dass ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten noch nicht möglich sei. Aber dieser Streitpunkt "wird zu hoch gehängt - wir können schon so viel miteinander machen", betonte er und rief zu Geduld auf.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider warf der katholischen Kirche Unbeweglichkeit in der Ökumene vor. Es herrsche zwar keine Eiszeit, aber "ein Gefühl der Stagnation", schrieb er in einem Beitrag für das "Hamburger Abendblatt". Die Katholiken wollten kein gemeinsames Abendmahl. "Es schmerzt auch mich, dass sich im Moment keine schnellen Lösungen abzeichnen", beklagte Schneider. "Ich hege die Hoffnung, dass vom ökumenischen Kirchentag Impulse ausgehen, die uns aus allen scheinbaren Sackgassen führen."

Ein Signal für den Wunsch nach mehr ökumenischer Gemeinsamkeit soll am Freitag die gemeinsame Vesper werden, bei der Katholiken und Protestanten an 1.000 Tischen in der Münchner Innenstadt gesegnetes Brot miteinander teilen. "Das Bild wird hinausgehen in die Welt und zeigen, wir können Gemeinschaft leben", sagte Nagel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am Donnerstag zu einer Podiumsdiskussion über den Zusammenhalt in der Gesellschaft erwartet. Unter den rund 3.000 Veranstaltungen sind auch Popkonzerte mit den Wise Guys und Nena und Christina Stürmer sowie ein Vortrag der zurückgetretenen evangelischen Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann. Sie sei herzlich willkommen, betonten beide Kirchentagspräsidenten.

Überschattet wird der Kirchentag von den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, die eine Austrittswelle ausgelöst haben. "Die Entwicklung hat viel Vertrauen zerstört" sagte Glück. Nur 40 Prozent der angemeldeten Teilnehmer sind katholisch. Die meisten Teilnehmer sind evangelisch, weiblich, jung und aus dem Süden oder Westen der Bundesrepublik.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude haben die Honoratioren des Kirchentages vor der Eröffnung zu einem Empfang im Jüdischen Gemeindezentrum eingeladen. Das sei ein starkes Symbol für den Dialog der Religionen, lobte Glück.

APN/DPA DPA

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