Klimacamp Hamburg Protest als Lebensform


Wenn Mitte August 2008 Klimaschützer zu einem Protestcamp nach Hamburg kommen, darf sich die Polizei auf Auseinandersetzungen einstellen. Doch Konfliktpotential gibt es auch im Camp: Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Haltungen. Aus dem Innenleben einer Protestbewegung.
Von Johanna Kutsche

Es begann im Juni 2007. Deutschlandweit formierte sich eine Bewegung aus Globalisierungskritikern, Kirchen und Gewerkschaften gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm. Recht diffus war der Protest damals, viele unterschiedliche Ansichten mussten unter einen Hut gebracht werden. Ein Jahr nach dem Gipfel versuchen Klimaschützer nun, diese Allianz aufrechtzuerhalten. Über radikale Positionen zum Klimaschutz wollen die Klimaschützer nachdenken, die Baustelle des Kohlekraftwerks Moorburg besetzen. Zehn Tage wildes Zelten, diskutieren, agieren: das erinnert an Woodstock. Was sind das für Leute, die den Protest zur Lebensform erhoben haben?

Sonnenbrille und pinkes Poloshirt: Die Generation Protest

Anja Meibachs Lieblingslabel ist Lacoste. Das pinke Poloshirt ist sorgfältig auf die Sneakers mit kleineren pinken Details abgestimmt, die Sonnenbrille in die Frisur eingearbeitet. Bank-ausbildung, Jura- oder BWL-Studium - alle möglichen karrierewirksamen Ausbildungsgänge fallen einem beim Anblick dieser selbstbewussten 19-Jährigen ein. Und doch: Anja Meibach geht ein Jahr nach Costa Rica, um in einem Umweltprojekt mitarbeiten. Danach wird sie ein sozialwissenschaftliches Studium beginnen.

Und die 19-Jährige fährt auf das Hamburger Klimacamp. Dort wird sie auffallen: "Die Leute lästern oft über mich, weil ich mich eben gerne style und keine Dreadlocks habe." Vorurteile, davon scheint auch die linke Klimaszene nicht frei zu sein. Anja Meibach engagiert sich seit Jahren für den BUND, hat mit 14 Jahren angefangen, Bäume zu pflanzen und Informationsstände zu betreuen. Der letzte Coup der Braunschweigerin: die Besetzung eines Feldes mit gentechnisch verändertem Mais.

Die Familie rätselt

Wie kommt ein Mädchen wie Anja zu den Feldbesetzern? "Ich fand es schon immer wichtig, mich für die Umwelt zu engagieren. Mein Großvater hatte einen großen Garten, jeder Regenwurm wurde gehätschelt." Rein familiär lässt sich Anjas Engagement jedoch nicht begründen: "Meine Eltern sind CDU-Wähler. Meine Großeltern sind CDU-Wähler. Ich glaube, meine Familie fragt sich manchmal schon, woher ich das habe."

Gegen Lars Albrecht wirkt Anja Meibachs Engagement fast unprofessionell. Der Leipziger arbeitet als freier Übersetzer und bezeichnet sich Berufsdemonstrant. Castortransporte, Demonstrationen gegen Rechts, die G8-Proteste in Heiligendamm - Albrecht war dabei. Das Klimacamp in Hamburg wird nur ein weiterer Punkt im Protestlebenslauf sein. Lars Albrecht schwärmt vom Gefühl der Proteste, vom Gefühl, zusammenzugehören: "Wenn Du in so einer Menge Menschen stehst und weißt, jeder denkt dasselbe. Jeder protestiert für eine bessere Welt, das ist bombastisch."

Berufsdemonstrant des Gefühls wegen

Rechtsextremismus, Atomkraft, Klimaschutz, all das verschwimmt in solch einem Protestlebenslauf zu einem Sammelsurium. Geht es der Generation Protest überhaupt noch um Inhalte? Kathrin Fahlenbrach ist Dozentin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Halle-Wittenberg und erklärt: "Die aktuellen sozialen Bewegungen sind sehr junge Bewegungen. Die Leute wollen ein gemeinsames Lebensgefühl teilen. Die kollektiven Emotionen werden dabei immer wichtiger, es werden gemeinsame Weltsichten entwickelt, die nicht ideologisch sind, sondern eigene Lebensentwürfe betreffen."

Das heißt: Anlass des gemeinsamen Protestes ist der Inhalt, ein konkretes Thema, gegen dass die Demonstranten angehen möchten. Über dieses Thema hinaus aber entwickeln die jungen Leute ein gemeinsames Lebensgefühl, konsumieren zum Beispiel ähnliche Produkte, hören ähnliche Musik. Die Bande zwischen den Demonstranten werden persönlicher, sind nicht mehr rein politisch. Die Bewegung zieht aus diesen mit Emotionen aufgeladenen Zu-sammenkünften ihre besondere Stärke.

Parteien? Nicht bei allen unbeliebt

Von der Gemeinschaftsbewegung will sich Anja Meibach allerdings lieber absetzen: "Mir geht es um die Sache. Ehrlich, meine Freunde nennen die Leute auf den Demos langhaarige Spin-ner. Und sie haben manchmal leider Recht, da weiß ich gar nicht, ob die Leute da sind, weil gerade nichts anderes los ist oder weil sie sich wirklich für Klimaschutz einsetzen wollen." Die 19jährige verfolgt auch tagespolitische Geschehnisse: "Einige von denen lesen doch gar keine Zeitung. Und Parteien, die gelten als böse. Es stimmt ja auch, mit den großen Parteien kann ich mich auch nicht identifizieren. Zuviel Rumgeeier."

Sabina Bauer sieht das ähnlich. Die Diplomvolkswirtin arbeitet für eine Unternehmensberatung. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in Bürgerinitiativen, setzt sich gegen Atomkraft ein. Die Lüneburgerin erklärt: "Es ist nicht so, dass ich Parteien generell ablehne. Aber dieses Hin und Her, das Taktieren bei politischen Entscheidungen, das nervt. Und gerade wenn man gegen Atomkraft ist, ist es schwierig, eine politische Heimat zu finden. Die CDU fällt raus, die SPD kippt auch gerade um. Eigentlich bleiben da doch nur die Grünen."

Inahlte ändern sich, das Lebensgefühl bleibt

Bauer hat deswegen den Weg der Bürgerinitiativen gewählt, des Engagements außerhalb des Establishments: "Hier kann ich an einem Thema arbeiten, sehe Erfolge." Die Unternehmensberaterin hat sich Urlaub genommen für das Klimacamp: "Ob sich alle diese Initiativen beim Klimacamp wirklich bündeln lassen, ob wir dann wirklich an einem Strang ziehen, das weiß ich auch nicht. Aber ich hoffe, schon."

Politischer Protest, weiß Kathrin Fahlenbrach, wird immer differenzierter: "Es ist nicht so, dass der Protest zum Symbol verkommt. Aber der Protest splittet sich in einzelne Politikfelder auf. Die Inhalte sind da schon wichtig." Die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin erklärt aber auch: "Die Ebene des Lebensstils ist ganz wichtig für die Vergemeinschaftung, am Ende macht das die Stärke und Schlagkraft einer Bewegung aus. Inhalte verändern sich.Aber das konstante, gemeinsame Lebensgefühl bleibt als soziale Bindekraft."


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