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Klimagipfel in Cancún: Letzter Ausweg Kokospalme

Die Interessen von 194 Staaten sind in Cancún kaum unter einen Hut zu bekommen. Der Klimawandel wird noch zu sehr als Bedrohung statt als Wachstumschance gesehen, kritisiert Umweltminister Röttgen. Besonders die ärmsten Länder sind frustriert, ihnen läuft die Zeit davon.

Tesse Mugambi hat von seinen Besuchen bei UN- Klimagipfeln eines gelernt: "Wenn Du arm und machtlos bist, verlass dich nicht auf die Reichen und Mächtigen." Der Professor von der Uni Nairobi gehört zur Arbeitsgruppe Klima im Weltrat der Kirchen. "Von 18 Gletschern gibt es in Kenia nur noch vier", berichtet er. Es sei nun einmal das Perfide des Klimawandels, dass er die Ärmsten am härtesten treffe. "Was stört es den Westen schon, wenn ein paar Pazifikinseln verschwinden."

Der UN-Klimagipfel in Cancún tritt in vielen Bereichen auf der Stelle - die Erderwärmung verläuft aber leider rasanter als die zähe politische Willensbildung unter dem Dach der Vereinten Nationen. Der Umweltminister der Pazifikinsel Tuvalu, Enele Sopoaga, setzt sich vor dem Plenum in Cancún vehement dafür ein, nur eine Erwärmung der Erde von 1,5 Grad Celsius zuzulassen anstelle von 2 Grad wie beim Vorjahresgipfel in Kopenhagen anvisiert. Da die höchste Erhebung seines Inselstaates nur 4 Meter betrage, könnten die Bewohner bei einem Zyklon nicht auf Berge klettern, sie hätten nur Kokospalmen.

Sopagos Befürchtungen könnten rasch Realität werden. Denn die meisten Klimaindikatoren, etwa Eisschmelze, Meerwasseranstieg und Temperaturen, weisen negative Superlative auf. "Wenn wir so weiter machen wie bisher, könnten die Temperaturen bis Ende des Jahrhunderts um mehr als vier Grad steigen", warnt Klimaökonom Otmar Edenhofer vom Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Das 1,5-Grad Ziel sei mit der heutigen Technik nur sehr schwer zu erreichen. Er schlägt ganz neue, drastische Maßnahmen vor. Etwa Co2-Zölle auf Produkte, durch die besonders viele Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen werden.

In Cancún ist viel Ratlosigkeit zu spüren - völlig unklar ist, ob die Delegierten hier den Weg bereiten, damit 2011 in Durban (Südafrika) endlich ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll gefunden wird. Es droht eine Anarchie beim Klimaschutz mit nationalen Zielen, die aber international nicht koordiniert werden. So dürfte der Klimawandel nicht zu stoppen sein.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hätte gerne, dass die EU ihr Ziel, die Emissionen von 1990 bis 2020 um 20 Prozent zurückzufahren, auf 30 Prozent hochschraubt. Aber er lässt die Chance verstreichen, das in seiner Rede vor den Delegierten in Cancún auch öffentlich zu sagen und so den Druck auf die 13 blockierenden EU-Staaten zu erhöhen.

Er versucht allen Zauderern einzuimpfen, dass Klimaschutz keine Bedrohung, sondern eine Chance sei. Deutschland habe dies erkannt und bei Umwelttechnologien einen Weltmarktanteil von 30 Prozent. Auch China setzt inzwischen auf die "green economy". Aber dort wollen immer mehr Menschen am neuen Wohlstand teilhaben und zum Beispiel ein Auto besitzen. Daher steigen die Emissionen weiter - und die Klimaschutzmaßnahmen, etwa der Ausbau von Wind- und Sonnenstrom, können mit der Entwicklung kaum Schritt halten.

Die ärmsten Länder sollen nach dem Willen vieler Gipfelteilnehmer mit 100 Milliarden Dollar (75 Milliarden Euro) pro Jahr ab 2020 unterstützt werden, um die Folgen der Erderwärmung bekämpfen zu können und sich klimafreundlich zu entwickeln. Ständig würden Gelder versprochen, die dann aber nicht fließen, sagt dazu Professor Tesse Mugambi aus Nairobi. Er rechnet fest damit, dass Cancún nicht viel bringen wird. "Das ist nicht pessimistisch, das ist pragmatisch, wenn man schon viele Klimakonferenzen beobachtet hat".

Auch Deutschland muss sich vorhalten lassen, als Vorreiter in Cancún aufzutreten, aber bei den in Kopenhagen zugesagten 1,26 Milliarden Euro an Klimahilfen (2010 bis 2012) Augenwischerei zu betreiben. Jan Kowalzig von der Hilfsorganisation Oxfam spricht von "altem Wein in neuen Schläuchen". Es gebe nur 150 Millionen Euro an frischen Zusagen, alle übrigen Mittel seien schon vorher zugesagt gewesen und würden nur umgebucht oder umdeklariert.

Während drinnen über zwei Kompromisspapiere von über 80 Seiten diskutiert wird und die deutsche Delegationen von sehr schwierigen Verhandlungen spricht, steht draußen vor dem Konferenzhotel Vicente Enomega. Er fällt auf, weil die Arme mit kunstvoll ineinandergreifenden schwarzen Linien verziert sind, auf seinem Kopf hat er einen Federschmuck befestigt.

Der Ecuadorianer gehört dem Volk der Waorani an und lebt im Amazonasgebiet. Er wehrt sich dagegen, dass Unternehmen aus den Industriestaaten künftig Wälder auch in Ecuador kaufen sollen, um diese vor der Abholzung zu retten und so die eigene Klimabilanz aufzubessern. "Wir trauen denen nicht", sagt Enomega. "Beim Klimaschutz gibt es doch nur Eigeninteressen, die tricksen uns dann nach dem Kauf aus, und schon ist unsere Lebensgrundlage bedroht."

Georg Ismar und Simone Humml, DPA / DPA